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Ost und West · 1914-06-01 · Heft 6 (Juni 1914) · p. Seite 411 - 412

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 6 (Juni 1914)
Article
Die Judenseele
Date
1914-06-01
Page
Seite 411 - 412 (sequence 2)
Language
German
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411 B. Samuel: Die Judenseele. 412 wird man den endgültigen Resultaten, zu denen er gelangt, eine ausgesprochene Skepsis entgegenbringen. Gehen wir ein wenig auf Einzelheiten ein. In der Vorrede versichert der Verfasser, sein Buch sei keine Apologie des Judentums, und späterhin fügt er etwas paradox hinzu: „Nicht eine Apologetik des Judentums, sondern ein Kampf gegen das Judentum ist dieses Buch/' Es wäre nur zu wünschen, daß sehr oft der „Kampf gegen das Judentum" auf diese Weise geführt würde. Gewiß ist das hier keine Apologie im gewöhnlichen Sinne, in dem üblichen tränenreichen Ton, der jedesmal demütig um Entschuldigung bittet, daß wir leben und versichert und beweist, daß wir im Grunde noch lange nicht die schlechtesten auf dieser Welt sind. Dagegen bietet er eine prächtige Analyse der gesamten „Judologie" von Kant und Herder bis herab auf Sombart, die an Gründlichkeit und Kraft nichts zu wünschen übrig läßt. Insbesondere den Lesern von Sombarts dünnen und dicken Judenbüchern sei die Lektüre dieser Partien des vorliegenden Buches aufs nachdrücklichste empfohlen. Die ganze Hohlheit und Nichtigkeit der Sombartschen „Judenpsychologie", deren Unerschütterlichkeit einige Jahre lang als Glaubenssatz gerade von jüdischer Seite verkündet wurde, tritt hier an den Tag. Indessen schlägt der Verfasser gerade hTer über die Stränge. Wenn er sagt: „So wenig man aus einem übersetzten Goethe oder Shakespeare auf die Psychologie des deutschen oder des englischen Geistes schließen kann, so wenig kann man aus einer übersetzten Bibel auf die Psychologie des jüdischen Geistes schließen" — so ist das ein sehr schmerzlich hinkender Vergleich. Erstens sind die Werke Goethes und Shakespeares eben Werke einzelner Individuen, während an der Bibel mehrere Generationen gearbeitet haben, in jeder Generation alle Klassen des Volkes, vom König und Hohenpriester und Propheten bis hinab zum Kleinbauern und Handwerker. In der Bibel manifestiert sich also der jüdischeVolksgeist aktiv ganz anders,alsder deutsche und der englische in den Werken Goethes oder Shakespeares. Andererseits sind Goethe wie Shakespeare ihren Volksgenossen im großen und ganzen fremd und unbekannt geblieben; nur einer kleinen Schichte von Erlesenen ist es vergönnt gewesen, in ihren Geist einzudringen und aus ihm zu schöpfen. Dagegen ist die Bibel stets Eigentum der breitesten Massen des jüdischen Volkes gewesen, ihr suggestiver Einfluß auf den jüdischen Volksgeist ist unermeßlich. Wenn unter hundert Deutschen und hundert Engländern vielleicht je zehn ihren Goethe oder Shakespeare kennen, gibt es unter hundert Juden gewiß keine zehn, denen die Bibel fremd wäre. (Seit einigen Jahrzehnten haben sich die Verhältnisse, besonders in Westeuropa, allerdings beträchtlich geändert.) Auf tausend Wegen, durch das tägliche Gebet, durch die öffentliche Vorlesung der Thora und der Haphtara, in allerlei Verkleidungen, als Uebersetzung, als Postille, als Erbauungsbuch, im Scherz und im Ernst, , kam die Bibel immer wieder und wieder zum jüdischen Volke. Zusammen mit ihm ist sie geboren, zusammen mit ihm gewachsen und großgeworden. Die beiden sind immer unzertrennlich geblieben. „Israel und die Bibel sind eins." Wohl haben wir uns von ihr zeitweise beträchtlich entfernt, manchmal schob sich ein Nebel oder eine Wolke zwischen uns beide, aber ganz haben wir den Kontakt mit ihr nie verloren. Darum ist man wohl berechtigt, aus der Bibel, auch der übersetzten, auf die Psychologie des jüdischen Geistes zu schließen. Nur muß man dabei stets im Auge behalten, wie wir uns zur Bibel und zu ihren Persönlichkeiten verhalten, wie wir auf ihren Einfluß reagiert, wie wir sie auf uns haben wirken lassen, kurz, wie w i r sie im Lauf der Zeiten gedeutet haben. Es kommt ebenso viel darauf an, was wir aus ihr herausgelesen, als wie auf das, was wir in sie hineingelesen haben. Und hier ist der Punkt, auf dem die meisten „Judorogen" und ihr Anhang die schwersten Sünden begangen haben. Wenn man die jüdische „Volksseele" der Rachsucht bezichtigt, den „Judengott" als Gott der Rache hinstellt, weil die Bibel angeblich das Moralprinzip „Aug' um Auge, Zahn um Zahn" aufgestellt habe, so begeht man hierbei, bewußt oder unbewußt, einige grobe Fälschungen. Denn erstens steht der angeführte Bibelvers in dem Kapitel über Strafrecht, ist also kriminalistischer und nicht ethischer Grundsatz. Er ist eine Vorschrift für den Richter und nicht eine Norm für den Privatmann. Es ist nie einem jüdischen Leser der Bibel eingefallen, daß es ihm freistünde, aus eigener Machtvollkommenheit, ohne Erlaubnis des ordentlichen Richters diesen Grundsatz praktisch anzuwenden. Zweitens drückt dieser Vers in der wörtlichen biblischen Fassung nur das jus talionis aus, welches bei allen, auch den höchstzivilisierten Völkern gegolten hat und in einem gewissen Sinne auah heute noch gilt. Warum sollte da das jüdische Volk allein von dem Vorwurf der Rachsucht betroffen werden, und der „Judengott" allein ein Gott der Rache gescholten werden dürfen? Drittens, und das ist das wichtigste, hat dieser Grundsatz in der jüdischen Theorie und Praxis — im Gegensatz zum Strafrecht anderer Völker! — nie Geltung gehabt. Denn dem Wortlaut des Textes trat schon sehr früh die bindende Tradition zur Seite, die das Prinzip der talio ganz ungeniert als Geldstrafe aufgefaßt wissen wollte. Nur die Sadduzäer — und nach ihnen die Karaiten — verstanden den Vers buchstabengemäß. Unter den Pharisäern, den Vätern und Schöpfern des Judentums, und nach der Bibel den wichtigsten Bildnern der jüdischen Volksseele, tat dies nur der Sonderling Rabbi Elieser, dessen Ansicht aber nicht den geringsten Anklang fand. Be-

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