Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1914)
- Article
- Erwiderung des Central-Comités der Alliance auf eine Kritik des Schulwerks
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 377 - 378 (sequence 1)
- Language
- German
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377 37S F^UINKM/V^ no ni o\ny i^au des Central Comites: ParisAö.RuelaBruyere des Central-Comites der M AllianceJsraäileUniverselle bxw Deutsches Bureau: Charlottenburg, Grolman -Srr>8. ERWIDERUNG DES CENTRAL-COMITES DER ALLIANCE AUF EINE KRITIK DES SCHULWERKS. Im Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur für das Jahr 1914 vernichtet Herr Professor Martin Philippson in einer Besprechung der Jahresereignisse mit einem Federzug das ganze Erziehungswerk der Alliance Israelite, indem er erklärt, es wäre verfehlt und hätte seinen Zweck nicht erreicht. Und was verschafft der Alliance dieses scharfe Urteil, diese absolute Verdammung? Wir legen Wert darauf, unseren Mitgliedern den Wortlaut der Gründe zu unterbreiten, die Herr Professor Philippson zur Erklärung seines Urteils anführt: „Einmal hat die Alliance ihren sämtlichen Schulen im Orient das abendländische Unterrichtssystem zugrunde gelegt, das eben für den Osten nicht paßt — schon dadurch sind sie zum großen Teil mit Unfruchtbarkeit geschlagen. Zweitens aber entlassen sie ihre Schüler und Schülerinnen bereits mit dreizehn Jahren, und diese Kinder fallen dann sofort den verderblichen Einflüssen der Ueberlieferung und der Umgebung in ihren armseligen Familien unrettbar wieder anheim, so daß bald alle ihnen in den Schulen mühsam eingepflanzten Keime zum Besseren erstickt werden; sie werden wieder ebenso schmutzig und elend wie ihre Vorfahren, Trödler, Hausierer, kleine Handwerker, Kommissionäre, mit Ausnahme der wenigen, die voll Verachtung für die Heimat nach Europa auswandern. Was not tut, ist einmal die Einrichtung der Elementarschulen naclh den Erfordernissen des Ostens; dann die Ausbildung der begabteren Zöglinge auf gehobenen Mittelschulen, Realschulen, Gymnasien, Kunst- und Gewerbeschulen, sowie auf Hochschulen, Universitäten und polytechnischen Anstalten/' Wenn ein Romanschriftsteller, ein Literat, ein Journalist oder irgendein Tourist, der sehr schnell gereist ist und nur kurzen Aufenthalt in einer Stadt des Orients genommen hat, ein gleichzeitig so oberflächliches und so unbedingtes Urteil ausspricht und dabei eine so deutliche Unkenntnis der Lage der Juden im Orient verrät, könnte man dieses Urteil auf die Rechnung seiner mangelnden Eignung oder seiner Einbildungskraft setzen. Sobald aber ein Mann in der Stellung des Herrn Professor Philippson, ein Historiker von Beruf, sich zu solchen Abschätzungen hinreißen läßt, darf man sich darüber wundern. Prüfen wir also die beiden großen Vorwürfe, die er der Alliance macht: Die Alliance hätte im Orient ein Unterrichtssystem zur Anwendung gebracht, „das für den Osten nicht paßt". Was bedeutet diese unbestimmte Behauptung? Gibt es denn eine orientalische und eine abendländische Lehrmethode, die Grundregeln der Arithmetik, die Gesetze der Physik zum Verständnis zu bringen? Ist die Geographie nicht dieselbe, ob sie in Berlin oder Beirut gelehrt wird? Man muß den Sinn der vielleicht absichtlich unbestimmt gehaltenen Behauptung in der folgenden Stelle — Band 1 Seite 390 — des Werkes „Die neueste Geschichte des jüdischen Volkes" von Herrn Professor Philippson suchen, in der es heißt: „Die Alliance hat im Osten Elementarschulen begründet, die indessen nicht so viel Nutzen gewirkt haben, wie man wohl hätte erwarten dürfen, und zwar . . . weil der Charakter der Schulen ein allzu abendländischer und zumal französischer ist . . . Müßte man nicht diesen präzisen Grund an Stelle des weiter oben angeführten unbestimmten Grundes setzen? Dann stehen wir allerdings einem Vorwurf gegenüber, der längst aus der Welt geschafft ist, und den man nur noch in Schriften und im Munde von Leuten findet, die von politischen Betrachtungen ausgehen, die der Alliance immer fremd gewesen sindv Prüfen wir also die zweite Beschwerde. Die Schüler, so sagt Professor Philippson, verlassen die Schule im Alter von 13 Jahren und fallen von neuem dem sittlichen und materiellen Elend ihrer Eltern anheim. Nebenbei gesagt, verlassen unsere Schüler selten vor vollendetem 15. oder 16. Lebensjahr die Schule, und in den höheren Klassen gibt es selbst Schüler von 17 und 18 Jahren. Kann Professor Philippson oder sein Berichterstatter mit gutem Gewissen behaupten, daß es dem Erziehungswerk der Alliance an Erfolg fehle, daß sie sowohl in der wirtschaftlichen wie in der geistigen Lage der Bevölkerung keinerlei Wandel geschaffen habe? Sie müßten wahrlich