Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1914)
- Article
- Wie Feibisch Held zum Wunderrabbi ging
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 373 - 374 (sequence 2)
- Language
- German
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373 Peter Üjväri: Wie Feibisch Held zum Wunderrabbi ging. 374 schickt, kann er sich kaum der Bittsteller und Bittstellerinnen erwehren, die ihn umschmeicheln, den Saum seines Kleides küssen und beinahe vor ihm niederknien. Ja, sogar sein elender Klepper wird geliebkost, und man gibt ihm die besten Bissen, um sich bei seinem Herrn beliebt zu machen. Als Feibisch Held seinen Platz einnimmt, ist sein Gemüt sehr bedrückt; er wagt den Leuten nicht in die Augen zu sehen, denn er fürchtet, daß seine Blicke ihn verraten könnten. Gott, wenn diese Unglücklichen erführen, daß er diesmal nur Racheies wegen sich nach Beiz begibt, weil sie jetzt sechzehn Jahre alt geworden ist, und heiraten soll! Er fühlt sich sehr schuldbeladen. "Wie gut, daß niemand in sein Herz blicken kann! Bevor sich der Wagen in Bewegung setzt, klammert sich Frau Dunst an denselben an. „Reb Feibisch," fleht sie flüsternd, „wenn Sie dort sind, reden Sie ja nur recht warm für meine Goldele. Sie ist bereits zwanzig Jahre alt (fünf unterschlug sie) „und es kommt niemand, niemand! Um des Himmels Willen, Reb Feibisch!" Er will antworten, aber jetzt trifft ihn ein spitzer Blick seiner Frau, und ihm erstickt der Ton in (1 ir Kehle, als wenn er von einem Pfeil getroffen worden wäre. „Versprich nichts, absolut nichts," befahl das Auge von Pessl Held gebieterisch. „Um des Himmels Willen, Reb Fei bisch," jammert Frau Dunst. Gern hätte sie noch weiter gesprochen, doch ihre Stimme wurde übertönt von dem Schluchzen eines andern Weibes: 1 „Meine arme Kuh, Reb Feibisch! Wir haben sie für 40 Gulden gekauft. Sie ist aber krank und gibt keine Milch. Wenn der Heilige nicht für uns betet, geht sie ein und auch wir sind verloren." Nun drängte sich Herr Elovitz in den Vordergrund. Er drückte seine Hand auf die Brust und hustete kläglich: „Hier, hier, Reb Feibisch, das sagen Sie dem Rebbe. Bringen Sie mir von ihm irgend einen Thee oder einen guten Bibelspruch. Aber bringen Sie um Gottes Willen etwas, Reb Feibisch!" Todesahnung und Todesfurcht röchelten aus den kranken Lungen des Patienten. Die Augen von Feibisch verdunkelten sich. Diesem kann er doch wohl versprechen, daß er ihm ein wenig Tee bringen werde, das ist doch keine so große Sache! Und er stotterte etwas. Das Antlitz des Kranken wurde von Hoffnung belebt. Nun stößt Amram Katz ihn beiseite und sieht mit bedeutungsvollem Zwinkern in die Augen des zur Abfahrt Drängenden. „Sie können auch wegen des Regens mit dem frommen Manne sprechen. Er soll um Regen flehen, hört Ihr, Reb Feibisch?" Amram Katz war ein kleiner Gutspächter, der guten, herbstlichen Regen brauchte. Was ist das für ein albernes Geschwätz?" schrie Esra Dukes. „Wozu der Regen! ich brauche keinen! Nur keinen Regen, Reb Feibisch." Esra Dukes war nämlich Hausierer, daher ])aßte ifem natürlich der Regen nicht. „Mach, daß du endlich fortkommst," sagte Frau Pessl, fürchtend, daß ihr Mann durch ein leichtsinniges Versprechen auch für andere das Gebet des Beizer Wunderrabbi in Anspruch nehmen würde. Doch war das Fortkommen nicht so leicht. Die Menschen umstanden den Waagen von Reb Feibisch wie eine Mauer. Noch im letzten Augenblick bindet ihm Chaskel Elfet seinen Sohn auf die Seele. Er muß zu den Soldaten, wenn der Zaddik, der Gottesfürchtige, nicht ein Gebet für ihn eingelegt. Pessech Kamarow wehklagt wegen seines Prozesses. Er wird ein Bettler werden, wenn er ihn verliert. Nach man Gramiczer jammert wegen einer Whtshauskonzession. „Ich bringe Gesundheit, bringe Regen, bringe eine Konzession," versprach ein andermal Herr Held, jetzt aber sagte er kein Wort, sondern winkte nur. Und als das Mitleid seine Seele preßte, berief er sich auf Gott. „Verzweifeln Sie nur nicht, Reb Chaskel, fürchten Sie sich nicht, Reb Pesech! Der gute Gott wird helfen!" Die Verzweiflung packte mit starren Fingern die Herzen der Unglücklichen. Wras will der vom lieben Gott? Ihnen liegt vor allem an der Fürsprache des Wunderrabbi! Die vorwurfsvollen Blicke aller Anwesenden trafen wie Dolchstiche sein Herz. Nachdem sich endlich der Wagen in Bewegung gesetzt hatte, kamen Mutter Pessl und Rachele zum Vorschein. Zärtlich nahmen sie Abschied vom Familienoberhaupt, das den schweren und verheißungsvollen Gang nach Beiz antreten sollte. Nun erst küßte und umarmte ihn die Gattin; vor allen Leuten durfte sie dies nicht tun, denn die Sitten des Judentums, die Jahrhunderte hindurch Selbstbeherrschung und Verzicht in die Herzen der geduldigen Ahasvere der Weltgeschichte pflanzten, gestatten solche Kundgebungen der ehelichen Liebe nicht. Reb Fei bisch ließ den Wagen halten. Dann legte er seine zitternden Hände auf das Haupt seines braunen, schönen Töchterchens Rachele, sie segnend, daß sie so werden möge wie ihre Urahnin war. Dann küßte ihm das Mädchen zärtlich und gehorsam die Hand, während Frau Pessl ihm um den Hals fiel. „Sie ist sechzehn Jahre alt geworden," sagte sie bedeutungsvoll. Er war froh, daß er endlich sich allein überlassen war und seinen Gedanken nachhängen konnte. „O Himmel, was verlangen alle diese Menschen von mir! Wie könnte ich das alles dem Zaddik vorbringen, und wenn ich es auch imstande wäre, darf ich es jetzt? Und doch, wie gern täte ich es; aber was würde Pessl dazu sagen?!" Er vergrub sein kummervolles Antlitz in seine Hände und wagte nicht, nach seinem Dorfe zurückzublicken, wo es nunmehr keinen Regen, keinen Tau, keine Konzession, keinen Erntesegen, gar nichts mehr geben wird. Nur eine glückliche Braut und eine Hochzeit wird es geben . . . Rachele ist ja sechzehn Jahre alt geworden! ('Einzig berechtigte ITebersetzung von ' Dr. Adolph Kohut.)'