Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1914-05-01 · Heft 5 (Mai 1914) · p. Seite 371 - 372

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 5 (Mai 1914)
Article
Wie Feibisch Held zum Wunderrabbi ging
Date
1914-05-01
Page
Seite 371 - 372 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2584047-2584052-2596617--15588-2596668
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

371 Peter Üjväri: Wie Feibisch Held zum Wunderrabbi ging. 372 WIE FEIBISCH HELD ZUM WUNDERRABBI GING. Von Peter Üjvari. Kachele, eine Jungfrau von seehszehn Jahren, saß an einem Fenster und ihr Vater an dem anderen. Die Mutter war an einem Tisch daneben beschäftigt. Mit ungleichen und heftigen Bewegungen breitete sie die Tischdecke aus, die Falten warf, wie ein sorgen- und kummervolles Menschenantlitz. Inzwischen sah sie auf ihren Mann, ob er wohl lese. Aber dieser las nicht. Allerdings blickten sichtlich seine Augen auf die Buchstaben der Zeitung, die er vor sich hatte, aber nur dem Anscheine nach. Seine Gedanken waren anderwärts. Ja, dieser Sabbath war nicht wie der gewöhnliche! Heute wurde sein Töchterchen Kachele seehszehn Jahre alt, und die Welt erschien ihm von nun ab in einem ganz anderen Licht. Sein kleines Mädchen ist nun eine Jungfrau geworden, ja, sie könnte sich sogar bald verheiraten. Aber, wer wird sie freien? Seine Frau Pessl quälte ihn schon deshalb seit einem Jahre. Rachele war noch nicht fünfzehn Jahre alt, und schon meinte die Mutter besorgt, daß sie eine alte Jungfer werden würde. „Na freilich," räsonnierte sie, „freilich, wie könnte das anders sein, da du dich um deine eigenen Familienangelegenheiten gar nicht kümmerst! Jedes Jahr gehst du zum Rabbi nach Beiz, aber auch bei diesem Heiligen sprichst du nicht für dich, sondern für andere Leute. Du bist schon glücklich, wenn du eine neue Erklärung zu einem „Poszuk" aus den Psalmen erhältst, und damit willst du leben und auskommen und aus den Zinsen dieses Kapitals die Mitgift für Kachele beschaffen?!"' AVenn sein Weib ihm in dieser Weise zuzusetzen pflegte, ging er mit ihr zu einer Kommode, zog eine Schublade hervor, und nahm daraus vorsichtig ein Sparkassenbüchlein heraus. ..Siehst du, liebe Pessl." sagte er dann mit sanfter Stimme, ,,hier gibts doch noch etwas außer einem Poszuk aus den Psalmen." ..Wieviel?" ..Zweitausend Gulden." Er sprach das so gravitätisch aus, als wenn er ..ein«' Million" gesagt hätte. Sie dachte an ihre jahrelange Arbeit, indem sie bemerkte: ..Das hast du mir zu verdanken.'' ..0 nein, dem Zaddik," sagte er. Sie schwieg; denn an dein heiligen Mann durfte sie sich nicht versündigen. Es war Tatsache, daß ihr Wohlstand sich mehrte, seitdem Feibisch Held nach Beiz wanderte. Seit jener Zeit stieg er in der Achtung seiner Glaubensgenossen. Da er nun zu den Intimen des Beizer Hofes gehörte, hielt man auch ihn für einen heiligen Mann. Zweitausend Gulden freilich war nicht viel Geld. Es hätte noch mehr sein können. Das letztere war wenigstens die Ansieht der Frau. Deshalb klapperte sie so geräuschvoll mit den Tellern. ..Komm her," rief sie ihrem Mann zu, „schneide den Sabbathkuchen." Fei bisch betrachtete den Kuchen, dann sagte er lächelnd: „Großartig, welch ein Kuchen! Vor zwanzig Jahren existierten so große Exemplare nicht. Auch die Teller waren kleiner. Ebenso auch die Fleischtöpfe. Seitdem sind sie erst so herangewachsen. Das ist ein Wunder, Pessl, ich soll so leben, es ist ein Wunder! Heutzutage wächst auch der Fleischtopf gerade so wie der Mensch/' Durch das Fenster blickte er auf die Straße hinaus. Stroh- und schindelgedeckte, kleine, zerfallene Häuschen standen schläfrig unter alten Akazien. „Nur diese armseligen Hütten können nicht wachsen," spann er seine Gedanken weiter. „Die Aermsten sind krank und auch ihre Bewohner. Sieh nur, Pessl, sieh dir doch diese armen Ruthenen an. Bemerkst du sie? Dort schläft Georg Pintye auf der Holzbank vor dem Tor. Und dort Pavel Fintak. und nicht weit davon Wassili Babutska. Das ganze Dorf schläft!" Und wie er in den Jammer der Straße hinuntersah, hatte er das Gefühl, als wrenn er in einer dunklen Grube sich befände, wo verhexte Schätze in einem erstarrten Steintraum ruhten. „Einmal könnte ich auch dieser armen Menschen wegen mit dem Wunderrabbi sprechen,'' seufzte er im Stillen, doch wandte er plötzlich seinen Blick von ihnen ab, denn er befürchtete, daß die Frau seine Gedanken erraten könnte. Die brauchte ja nicht zu wissen, daß er auch wegen Wassili Babutska den heiligen Mann anflehen wollte. Dennoch ahnte sie seine Gedanken. „Hörst du," fuhr sie ihn an, „wenn du in Beiz bist, denke nur an dich. Die pockennarbige Goldele kann noch warten!" „Noch warten?" fragte er furchtsam. „Im Frühjahr ist sie schon 25 Jahre alt geworden." „Nun, wenn sie im Frühjahr 25 Jahre alt geworden ist, hat sie sich schon daran gewöhnt. Später mach ich mir nichts daraus; später kannst du ihr auch einen Bräutigam verschaffen. Aber zuerst kommt Rachele, verstehst du?" Feibisch verstand, und er mußte ihr hoch und heilig versprechen, daß er diesmal nur wegen Rachele mit dem Heiligen sprechen werde. O, wenn das seine Schutzbefohlenen, für die er beim W^underrabbi Fürsprache halten wollte, erfahren hätten; heiliger Himmel, wie viele Herzen hätte dieser Gedanke tödlich verwundet! Denn sie alle erwarteten ihr Heil von Beiz. Ihre Armut ertrugen sie deshalb so geduldig, weil sie sich mit dem Gedanken trösteten, bald, bald werde es besser! —■ Bald werde sich alles ändern! Vor den heiligen Feiertagen wird ja Feibisch Held nach Beiz reisen, ihre Klagen dem heiligen Zaddik vorbringen, und der sendet ihnen ein Amulett und eine Kamea — einen guten Bibelvers. Dann hört die Sorge, der Kummer und die Armut auf . . . Von Jahr zu Jahr hielt sie diese Hoffnung aufrecht. Die Armut und die Sorgen alterten mit ihnen, aber sie bemerkten es kaum. Und wenn sie aus den benachbarten Dörfern auf elenden, mit Ochsen bespannten Bretterwagen vor dem Häuschen von Feibisch Held anlangten, schütteten sie ihre Kümmernisse vor ihrem Fürspreeher aus. Wie erleichterten diese Herzergilsse die Last, die auf ihnen ruhte! Auch heute waren sie wieder dort versammelt. Zuerst kam Frau Dunst an. Dann Herr Elovitz. Und dann die übrigen, das waren die Armen, die Kranken und die Frauen. Sic selbst können nicht nach Beiz reisen, wie Herr Feibisch, der sich so was leisten kann. Sie können nur ihre sehnsüchtigen Bitten hinschicken. Auch ihre Tränen und ihr Herzblut geben sie ihm mit auf die Reise. Inzwischen trifft Herr Feibisch Held seine Reisevorbereitungen. Es dauert lange, bis er alles zusammengesucht hat. Und wie er sich zur Fahrt an-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.