Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1914)
- Article
- Zwei alttestamentliche Tondichtungen von Giacomo Meyerbeer
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 369 - 370 (sequence 3)
- Language
- German
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369 Dr. Leopold Hirschberg: Zwei alttestamentliche Tondichtungen von Giacomo Meyerbcer 370 dar. Nicht minder der Hymnus der Priester am Altar, ein Soloquartett, von Harfe und zwei Gitarren begleitet: „Groß ist der Herr, Und was er tut ist wohlgetan, Darum betet seinen Ratschluß an." das als selbständiges Musikstück weiteste Verbreitung verdient. Höchst interessant, namentlich in rein instrumentaler Hinsicht, ist endlich die Schlußepisode. Schon soll das Opfer fallen, da senden alle noch ein brünstiges Gebet zum Himmel: „Laß ein Zeichen uns geschehn!"; und plötzlich erklingen in weiter Entfernung auf dem Theater liebliche Akkorde der Klarinetten und Fagotte, als wenn der Herr in sanftem Säuseln sich nahte; der Hohepriester kündet mit g e s p r o c h n e m Wort (immer von dem seltsamen fernen Klingen begleitet) den Willen des Höchsten, der nicht am Blut des Opfers, sondern nur am Gehorsam Gefallen hat. Ein Dank- und Jubelchor beschließt das Werk. II. Der 9 1. Psalm. Während selbst eine konzertmäßige Aufführung von „Jephtas Gelübde" vorläufig ein frommer Wunsch bleiben wird und vor einer völligen Umgestaltung des Textes auch in keiner Weise befürwortet werden kann, liegt bei dem Psalm nicht die geringste Veranlassung vor, ihn durch Unterlassung eines Neudrucks der allgemeinen Kenntnis vorzuenthalten. Wenn Meyerbeer denselben auch für den Berliner Domchor komponierte, so gibt es doch bei solchen Werten keiner konfessionellen Schranken; das Psalmenbuch ist ja, wie Johann Gottfried Herder so schön sagt, ein Gesangbuch aller Zeiten, aller Völker und aller Herzen. Die Veranlassung dieser Tondichtung hat etwas Rührendes; es ist ein Geburtstagsgeschenk des 62jährigen Sohnes für die 87jährige Mutter. „Trost in Sterbensgefahr" nennt Meyerbeer das Werk; stark und mild zugleich, kündet der Sohn der geliebten Mutter die Macht Gottes und raubt dem Tode, dem sie ja bald ins harte Auge blicken muß, seine Schrecken. Gehören schon in den beiden großen Opern „Robert" und „Prophet" die Szenen, in welchen Sohnesliebe ihre Verherrlichung findet, zu den schönsten und ergreifendsten der beiden Werke, so identifiziert sich in der vorliegenden umfangreichen Komposition der Sohn vollkommen mit dem Psalmisten, indem er die göttlichen Worte kündet. Das Werk verlangt einen nicht geringen Apparat — zwei Chöre und Solostimmen — und beschränkt sich dadurch von vornherein nur auf größere Chorvereinigungen; die Schwierigkeiten erhöhen sich dann durch den Umstand, daß es ohne jede; Instrumentalbegleitung (a cappella) ausgeführt werden muß. Jedenfalls bietet es für größere Synagogen- Chöre eine edle, erstrebenswerte Aufgabe dar. Stark und fest künden zunächst die Männerstimmen : „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzet und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibet, der spricht zu dem Herrn"; und nun brechen im höchsten, fast jubelnden Fortissimo alle Stimmen herein: „Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe." Zweifellos zeigt sich Meyerbeer hier von der berühmten klassischen Stelle in Haydns „Schöpfung" („und es ward Licht") beeinflußt; hier wie dort der gleiche überwältigende Eindruck des fast unvermittelt eintretenden Fortissimo. Hatten sich aber schon bei den Worten „auf den ich hoffe" die stürmischen Wellen des Chores zu glätten begonnen, so geht der Tondichter bei der weiteren Ausführung noch mehr in ruhiges Fahrwasser über; die ausdrucksvolle Sprache der Dichtung: „Denn er errettet mich vom Strick des Jägers und von der schädlichen Pestilenz" gibt ihm Veranlassung zu mannigfachen Tonmalereien. In überströmender Zärtlichkeit sprechen nunmehr die Solostimmen in einer ganz neuen, sanften Weise: „Es wird dich mit seinen Fittichen decken und deine Zuversicht sein unter seinen Flügeln. Seine Wahrheit ist Schirm und Schild." Und abermals bietet der Psalmist herrliche Gelegenheit zu ausdrucksvollster musikalischer Schilderung; das Grauen der Nacht, die Pfeile, die des Tages fliegen, die Pestilenz, die im Finstern schleichet, die Seuche, die im Mittag verderbet — all das sind Bilder, für die Meyerbeer gar merkwürdige Farben findet; die chromatischen Sequenzen für die Schilderung des „im Finstern Schleichens" gemahnen deutlich an die harmonische Kunst Liszts und Wagners. Nach der durchaus kräftig gehaltenen Episode: „Ob tausend fallen zu deiner Seite" usw. leitet die Musik allmählich zu einer wahrhaften Sphärenmelodie über, gehoben durch kunstreiche Verteilung und Abwägung der einzelnen Stimmengruppen. Die Solisten nämlich — zuerst der Tenor, dann der Sopran — beginnen mit der sanften, himmlischen Verheißung: „"Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir"; gleichzeitig aber gesellt sich zu diesen Seraphim und Cherubim die gläubige, tieferschütterte Gemeinde, die in demütigem Flüstern die Worte der Verkündigung nachstammelt. Immer stärker und mächtiger werden sie: „Auf den Löwen und Ottern wirst du gehen und treten auf den jungen Löwen und Drachen", bis endlich eine gewaltige Fuge: „Ich will ihn sättigen mit langem Leben und wilJ ihm zeigen mein Heil" die Krönung des Ganzen bildet. Immer leiser werden die Worte, immer gedehnter die Akkorde — in tiefem Baßklang verstummt alles, um in der Stille weiter zu beten und die Macht Gottes anzustaunen.