Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1914)
- Article
- Zwei alttestamentliche Tondichtungen von Giacomo Meyerbeer
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 367 - 368 (sequence 2)
- Language
- German
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367 Dr. Leopold Hirschberg: Zwei alttestamentliche Tondichtungen von Qiacomo Meyerbeer 36S Damit ist zugleich die Skala gegeben, nach der wir seine großen Schöpfungen ihrem "Werte nach bestimmen können. Wenn er bei seinem Aufenthalt in Italien seinen ersten Vornamen Jakob in Qiacomo umgestaltet und den zweiten mit seinem Stammnamen Beer zu dem Namen Meyerbeer zusammenzog, so wurde er dem väterlichen Glauben doch niemals untreu; er blieb Israelit, selbst als ihn sein König mit den höchsten Ehren überhäuft hatte. Abseits von den weltbewegenden großen Opern des Meisters, die soviel Begeisterung und soviel Widerspruch erregten, gänzlich unbekannt und nie in den Kreis der" Beurteilung gezogen, liegen aber zwei Werke, deren Vorhandensein gerade bei den Lesern dieser Zeitschrift einiges Interesse erwecken dürfte. Indem wir heute, nachdem sich der Grabhügel über Meyer beers irdischen Ueberresten 50 Jahre wölbt, zwei alttestamentliche Kompositionen des Tondichters aus ihrer bescheidenen Verborgenheit ans Tageslicht ziehen, glauben wir dem großen Toten eine nicht unwürdige Feier zu bereiten. 40 Jahre trennen die beiden Werke von einander; der 21jährige Jüngling schrieb die biblische Oper „J e p h t a s Q e 1 ü b d e", der 62jährige reife Meister den ,,9 1. Psa 1 m". 1. J e p h t a s G e 1 ü b d e. Von Meyerbeers eigner Hand geschrieben, ruht die Partitur dieses merkwürdigen Jugendwerkes in der Musiksammlung der Königlichen Bibliothek zu Berlin, lautet: Das Titelblatt Giacomo Meyerbeer J e p h t a ' s G e 1 ü b d e. Ernsthafte Oper in 3 Aufzügen. Gedichtet vom Professor Alovs Schreiber in Musik gesetzt von J. Meyerbeer angefangen in Darmstadt Ende des July ISil. geendet in Würzburg d. 6t. April 1812. Als ,.große" Oper im üblichen Sinne ist das Werk nicht zu bezeichnen, da die einzelnen Musiknummern noch durch das gesprochene Wert unterbrochen werden. Es scheint nur einzige Aufführung — in München — erlebt zu haben; von den Künstlern und Kennern wurde die Musik mit ihrer großzügigen Anlage, ihrem edlen Feuer, ihrer feinen technischen Arbeit bewundernd aufgenommen. Nicht so vom Publikum, das die Schwächen des Librettos schnell herausfühlte. Was dieses Textbuch so besonders langweilig macht, ist der Umstand, daß es durch ganz äußerliche, nicht zur dramatischen Handlung gehörige Dinge ungebührlich in die Länge gezogen ist. Nicht drei, sondern ein Aufzug hätte genügt, um die Wucht dramatischer Gewalt, die in der biblischen Erzählung liegt, voll und ganz herauszuarbeiten. Statt dessen hat der Textdichter in echt italienisierender Manier ein Liebesverhältnis mit obligatem rachesüchtigen Nebenbuhler einschalten zu müssen geglaubt, woran, da es gänzlich interesselos ist und den Gang der Handlung nur aufhält, selbst die Begeisterung eines Künstlers, der seine Erstlingsarbeit schreibt, scheitern mußte. Ob Sulima (so heißt in der Oper die in der Bibel namenlose Tochter Jephtas) den Asmavett liebt und dadurch die Wut des eifersüchtigen Abdon erregt oder nicht, ist völlig gleichgültig, und all die hierauf bezüglichen Stücke erheben sich auch nicht über das Niveau des Gewöhnlichen. In den Chören der Landleute und K Weger j ed och, wiewoh 1 auch sie einen ungebührlich breiten Raum einnehmen, kann der 'Tondichter wenigstens Melodik und Verve entfalten. So entzückt ein Chor der Jungfrauen, die dem Jephta die Erstlinge des Frühlings darbieten, durch ein eigentümliches orientalisches Kolorit, welches auch dem Triumpfmarsch der heimkehrenden Krieger eigen ist. Ein nicht übler Gedanke des Textdichters war es, Sulima zu Beginn des zweiten Aufzuges — während der Abwesenheit des Vaters — auf dem Grabe der Mutter beten zu lassen; der darauf folgende Chorgesang ihrer Gespielinnen, die mit abgemessenen Schritten das blumenstreuend unischreiten, ist Grabmal rührende Elegie, blassen gegen den Orchesters, der bei einbricht, als dieser seiner Rückkehr ihm Wer die verstand, Aber all dies muß tosenden Donnerschlag dem „Weh!" Jephtas die Tochter als erstes begegnendes Wesen erblickt. Verzweiflung eines Vaters so zu malen wie es Meverbeer an dieser und den foleme Verdes herbei genden Stellen tat, dessen Beruf zum dramatischen Komponisten ist voll und ganz entschieden. Weitere Höhepunkte des Werkes stellen der ergreifende Trauermarsch und der darauf folgende Chor: „Das Opfer ist geschmücket, Der S:ahl ist gezücket; Sulima, du mußt sterben. Du so schön und gut! Und dein junges Blut Muß die Schwelle des Tempels färben! Leiser töne die Klage, Leiser an ihrem Grab, Und das Lied, es sage, Der Blumen schönste .'.el hier ab!"