Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1914)
- Article
- Tancreds Pilgerfahrt
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 359 - 360 (sequence 8)
- Language
- German
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359 Prof. Dr. Ermanno Loevinson: Die Juden im öffentlichen Leben Italiens. 360 Rasse gerettet, und ihr untersteht euch, uns für diese Tat zu verfolgen!4* „Ich bin keiner eurer Verfolger," sagte Tancred bewegten Gemütes, ,,und wenn ich einer gewesen wäre, so würde mein Besuch in Bethanien mich von diesem unseligen Gedanken befreit haben." ,,\Yir stimmen in einigen unserer Ideen überein." sagte sein Gegenüber und erhob sich. „Wir sind beide zu der Ueberzeugung gekommen, daf5 die halbe Christenheit eine Jüdin und die andere Hälfte einen Juden verehrt. Ich möchte Sie zum Schlüsse nur noch eins fragen: Welches ist die höhere Rasse, die, die anbetet, oder die, die angebetet wird?" Tancred sah auf und wollte eben antworten, aber das Mädchen war verschwunden. DIE JUDEN IM ÖFFENTLICHEN LEBEN ITALIENS.1) Von Prof. Dr. Ermanno Loevinson, Rom. ..Wenn man aus den 35 Millionen Italienern irgendeine Gruppe von 40 000 Menschen zufällig herausgreift, so findet man unter ihnen zweifellos nicht wenige von Verstand, aber auch eine ungeheure Mehrheit mittelmäßiger, fauler und unfähiger. Nimmt man hingegen die 40 000 Juden, die es alles in allem in Italien gibt, so findet man wenig faule, wenig unfähige und eine ungeheure Mehrheit von Menschen mit schneller, gewandter Auffassungsgabe und reicherVerstandeskraft So erklärt es sich, wie unter 1000 Personen, die sich in Frankreich oder in Italien irgendwie mit Erfolg werktätig auszeichnen, wenigstens 100 Israeliten sind, während es nach dem statistischen Verhältnisse noch nicht 2 oder 3 sein dürften." So urteilte jüngst gelegentlich des Ablebens der Dreyfusfreunde Picquart und Francis de Pressense eine den Juden im allgemeinen nicht günstig gesinnte große Tageszeitung Italiens2). Es ist dies wohl auch das Urteil, welches man im allgemeinen in den gebildeten Kreisen Italiens über die Juden hören kann: Man ist gerecht genug, ihre hervorragenden Eigenschaften anzuerkennen, ohne sich iedoch deshalb für sie besonders zu begeistern. So ist es ihnen denn bei ihrer gewohnten Zähigkeit und Ausdauer im letzten Halbjahrhundert, in welchem sich das Königreich Sardinien zum Königreich Italien auswuchs, nachdem es die volle Gleichberechtigung aller Bürger vor dem Gesetz ausgesprochen und durchgeführt, gelungen, eine bedeutende Rolle im öffentlichen Leben zu spielen, jedenfalls viel hervorragender, als man nach ihrer geringen Kopfzahl annehmen sollte. Erleichtert wird ihnen dies durch manche Rasseneigentümlichkeiten, die nur unter einem Regime der vollsten Gleichberechtigung zur reinen Entfaltung kommen können. Dahin ist die Stärke ihres Familienlebens zu rechnen. Sie spricht sich statistisch in dem geringen Kontingent aus, welches die Israeliten Italiens zur Kriminalität im allgemeinen und zu der der minderjährigen im besonderen stellen. Ein schöner und allgemein anerkannter Zug von ihnen ist es, sich ohne Rücksichtnahme auf Religions¬ oder Rassenunterschied um die allgemeine Wohlfahrt des Landes und seiner Bewohner veidient zu machen. So ist die Antialkoholbewegung Italiens vor allem durch Juden, von denen der ehemalige Ministerpräsident Luigi Luzzatti und der Professor Levi-Morenos die bekanntesten sind, in die richtigen Wege geleitet worden. Die Stellung des Vizepräsidenten des roten Kreuzes in Ancona wird seit mehr denn zwölf Jahren von einem dem Glauben seiner Väter treu ergebenem Arzt, Geremia Fuä, eingenommen. Während der IsraelitErnesto Nathan seines Amtes als Bürgermeister von Rom waltete, ver- *) Siehe ..Ost u. West". Ig. XII, Heft IX u. XII u. Jg. XIII, Heft III, IV und V. 2) Giornale d'Jtalia, 22. Januar 1914. machte sein Stammesgenosse Emilio, der Sohn eines Abraham Treves, der Stadt Rom 100000 Franken zur Begründung einer Fürsorgeanstalt zum Besten Strafentlassener jugendlicher Verbrecher. Als vor kurzem Gelder zur Errichtung des ersten italienischen Krankenhauses für Radiumbehandlung gesammelt wurden, zeichneten mehrere Israeliten Turins ganz bedeutende Summen. Das Zustandekommen der großen Festlichkeiten zur Hundertjahrfeier des Komponisten Verdi in Parma im vergangenen Jahre ist zwei Israeliten, dem Rechtsanwalt Melli und dem Ingenieur Tedeschi, zu danken. Allen voran aber steht die große humanitäre Stiftung, welche Mitte der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts nach dem Tode des Erblassers, eines aus Mantua stammenden Juden, Moise Loria, der es in Aegypten zu einem großen Vermögen gebracht hatte, in Mailand ihre Wirksamkeit beginnen konnte. Mit einem Anfangskapital von 10 000 000 begründet, ist sie bestimmt, dem Handel, der Industrie und dem Handwerk neue Wege zu eröffnen. Hier möge nur einiger Folgeerscheinungen solcher Opferfreudigkeit gedacht werden. Lrnter den Handelskammern, deren Vorsteher gegenwärtig Israeliten sind, seien die von Ancona, Reggio deH'Emilia, Udine und Cuneo hervorgehoben. Unter vielen anderen Gleichaltrigen war der im vergangenen Jahre verstorbene Vorsteher der jüdischen Gemeinde von Florenz, Edoardo Vitta, ein lebender Beweis dafür, daß bereits vor mehr als einem halben Jahrhundert den Israeliten die Kriegs-, die Artillerieschulen, sowie die Militärakademie eröffnet waren. Er hatte die militärische Laufbahn erst verlassen, nachdem er Hauptmann im Geniekorps geworden. — Dem Fregattenkapitän Angelo Frank und dem Hauptmann Emanuele Pugliese, die sich im Kriege um Tripolis neben vielen anderen jüdischen Offizieren ausgezeichnet hatten, wurden Ehrendegen überreicht, iür welche irne Glaubensgenossen die Fonds durch Sammlungen unter sich aufgebracht hat;en. Bekanntlich hat es im Jahre 1902 der General Giuseppe Ottolenghi zum Kriegsminister und 1910 der Universitätsprofessor Luigi Luzzatti zum Ministerpräsidenten gebracht, so daß die einzige öffentliche Auszeichnung, welche bisher keinem Juden Italiens zuteil ward, der Orden der heiligen Annunziata, zu Ehren der Verkündigung Mariä ges'iftet, ist Seine Träger werden zu Vettern des Königs. Kenner des schwierigen Gebiets der Ordenskunde behaupten, er wäre Luzzatti ebenso wie anderen Ministerpräsidenten zuteil geworden, wenn nicht dazu eigens eine Abänderung des Ordensstatuts, wonach nur Bekenner Christi die Auszeichnung erhalten dürfen, hätte vorgenommen werden müssen. Bei dieser Gleichstellung der Israeliten mit den katholischen Bürgern kann es nicht wundernehmen, daß sich im vorigen Herbst, alsdieNeuwahlen zur Deputierten-