Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 4 (April 1914)
- Article
- Die Schulen der Alliance in den Jahren 1913 - 1914
- Date
- 1914-04-01
- Page
- Seite 311 - 312 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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311 Die Schulen der Alliance in den Jahren 1911—1913. 312 allmählich aus Elementarschulen zu höheren Schulen aufrücken. Bagdad und Saloniki besitzen bereits ein jüdisches Gymnasium, und in Konstantinopel ist ein gleiches im Aufbau begriffen, wie man aus folgendem Bericht des Direktors der Galata-Schule, Herrn A. Benveniste, entnehmen kann: In einer Stadt wie Konstantinopel muß der profane Unterricht möglichst ausgiebig sein, weil die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes es dringend verlangen. Die Lehranstalt, der die Eltern ihre Kinder anvertrauen, muß diese für die schwere Aufgabe vorbereiten, die sie beim Eintritt in das öffentliche Leben erwartet, ganz gleich, ob sie ihre Kenntnisse sofort ausnutzen wollen oder ob die Mittel ihrer Eltern ihnen die Fortsetzung ihres Studiums an höheren Schulen ermöglichen. Sobald die Schule in Galata diese beiden wesentlichen Vorbedingungen erfüllen kann, wird sie von den Kindern der besseren jüdischen Familien aufgesucht werden. Wir sind deswegen darauf bedacht, unseren Unterricht auf ein praktischeres Gebiet zu lenken, und haben in den Lehrplan der oberen Klassen einen auf zwei Jahre verteilten gründlichen Kursus für Buchführung fund Bankwissenschaft eingerichtet, damit unsere Jungen möglichst bald ihren Weg in die Geschäftshäuser, Banken und Verwaltungsbureaus finden. Auch die vielen neuen Unternehmungen, die in der Hauptstadt aufschießen, werden ein gutes Aufnahmegebiet für unsere Schüler sein, denn sobald erst vollständige Ruhe im Lande herrschen, die alle Kriegsfurcht vertrieben haben wird, werden diese Unternehmungen zu voller Blüte kommen. Sie werden bei der Ausgestaltung ihrer vielseitigen Projekte ein beträchtliches Beamtenheer brauchen, das sich schnell in die ihm zugewiesene Tätigkeit einarbeiten kann. Zweifellos werden wir dabei eine große Anzahl unserer besten Schüler unterbringen können. In dem Wunsch, unsere Lehrstufe bedeutend zu heben, hat das Schulkomitee schon lange daran gedacht, unsere Schule nach dem Beispiel Ihrer Schulen in Bagdad und Saloniki zu einem richtigen Gymnasium auszugestalten. Diese beiden Gemeinden besitzen ausgezeichnet organisierte und wohlausgestattete höhere Schulen, die alljährlich eine erhebliche Anzahl wirklich gut unterrichteter junger Leute ins Leben hinausschicken. Diese Elite kann dann ihre Bildung an den höheren staatlichen Anstalten vervollständigen und wird eine Reihe ausgezeichneter Männer hervorbringen, die oft aus den untersten Gesellschaftsschichten hervorgegangen sind und doch ihren Glaubensgenossen zur Ehre gereichen, und die mehr als andere imstande sein werden, die bedrohten Rechte des Volksstammes zu verteidigen, dem sie angehören. Mit den schwachen Mitteln, über die eine Elementarschule wie die unsere verfügt, scheint mir die Verwirklichung solchen Planes ziemlich schwierig. Um jedoch einen Anfang zur Befriedigung seines Wunsches zu machen, hat das Schulkomitee die Einrichtung eines ersten Jahreskurses mit höherem Unterricht beschlossen, der dazu dienen soll, den Geist unserer Schüler mehr zu kultivieren. Sie sollen in die Schönheiten der Literatur eingeweiht und zu eigenem Urteil angehalten werden, und das Studium von Geometrie und .Algebra soll ihren Verstand schärfen und in die rechten Wege leiten. Wenn dieser Versuch gelingt, wollen wir eine zweite Klasse mit höherem Unterricht eröffnen. Ich hoffe, daß wir von der Gemeinde die nötigen Zuschüsse erhalten werden, damit wir nach und nach unser Ziel erreichen. Die Hauptstadt der ottomanischen Judenheit wird dann ein richtiges, israelitisches Gymnasium besitzen und Generationen junger JLeute ausbilden, die nach den dort erworbenen Grundsätzen stolz und glücklich ihr Judentum bekennen. Die einzigen Wege, die bisher den jungen Mädchen im Orient offen standen, die sich selbst ernähren mußten, war die Erlernung von Handarbeiten oder der Lehrberuf. Jetzt bieten sich ihnen gute Aussichten auf geschäftlichem Gebiete. Die Direktorin der Mädchenschule in Galata, Frau Semach, schreibt darüber: Wir haben in diesem Jahr besondere Sorgfalt auf den Handelskursus verwendet. Die Türkei ist erwacht. Handel und Industrie und allerhand gewerbliche Unternehmungen nehmen großen Aufschwung. Wenn der Krieg nicht gekommen wäre, hätte man jetzt schon den glänzenden Erfolg des Fortschritts wahrnehmen können. Junge Kräfte sind nötig geworden; es fehlt daran, weil die jungen Männer durch den Militärdienst in Anspruch genommen sind. Deshalb werden junge Mädchen an ihrer Stelle gebraucht, und wir haben sie gelehrt, an praktischer und gesunder Tätigkeit Freude zu haben. Handel, Industrie und Geschäfte jeder Art stehen in hohem Ansehen, und die bei ihnen vorhandenen Stellungen sind ebenso gesucht wie die freien Berufe. Unser Handelsunterricht soll unseren Schülerinnen neben gründlichen praktischen Kenntnissen auch das Selbstvertrauen geben, das sie für ihre Stellung im modernen Leben brauchen. Vierzehn unserer besten Schülerinnen sind bereits in verschiedenen Handels-, Transport- und Versicherungsgesellschaften und in Bankinstituten zu sehr vorteilhaften Bedingungen angestellt. * 4 Auch die Mädchenschule in Hasköi hat durch die Aussicht, daß die Schülerinnen bald einen Broterwerb finden, einen reichen Zuspruch erhalten. Das Schulhaus kann eigentlich nur 400 Schülerinnen fassen, man hat trotzdem 520 aufgenommen und zu diesem Zweck alle Ecken und Winkel des Gebäudes ausgenutzt. Trotzdem haben noch Hunderte von Kandidatinnen abgewiesen werden müssen. Wenn wir über die Ursachen nachdenken — so schreibt Frau Alchael in ihrem Bericht —, die uns einen solchen Zustrom von Schülerinnen bringen, kommen wir zu folgendem Ergebnis: Vor allem besteht in der jüdischen Bevölkerung jetzt der allgemeine Wunsch, die Frau nicht mehr in Unwissenheit aufwachsen zu lassen. Als unsere Mädchenschulen begründet wurden, bekamen wir zuerst fast nur die Kinder wohlhabender Kreise, denn damals betrachteten die Proletarierfamilien, die kleinen Geschäftsleute, Hausierer usw. den Unterricht für Mädchen als einen überflüssigen Luxus, ja selbst als eine Gefahr. Wer eine andere als diese allgemein verbreitete Meinung äußerte, wurde als Snob, als ehrgeizig oder einfach als verrückt angesehen. Heute ist es nicht mehr so. Die reichen oder wohlhabenden Familien wohnen nicht mehr in Hasköi und unser Vorort wird nur noch von Proletariern bewohnt, deren Töchter unsere Schulen füllen. Der ärmste, ungebildetste und fanatischste Familienvater hat heute eingesehen, daß auch für die Frau der Unterricht eine Notwendigkeit ist, und er bringt gleich anderen Familien gern ein Opfer, um seine Töchter in unsere Schule aufnehmen zu lassen.