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Ost und West · 1914-04-01 · Heft 4 (April 1914) · p. Seite 297 - 298

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 4 (April 1914)
Article
Auf der Suche nach jüdischen Volksliedern
Date
1914-04-01
Page
Seite 297 - 298 (sequence 3)
Language
German
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297 A. König: Auf der Suche nach jüdischen Volksliedern. 29S worden. Mir liegt es vor als Komposition für Streichorchester und Orgel von Robert Franz, dem großen Liedermeister.' Wie weit jüdische Melodien in bekannte Musikwerke eingedrungen sind, entzieht sich allzuleicht der Kenntnis des Nichtjuden. Meine Vermutung ging auf das Tischgebet in Halevys Jüdin; Herr Krämer verneint aber. Vielleicht sind in Rubinsteins Makkabäer solche Melodien, und einzelnes aus der Oper, mutet mich wenigstens so an. In neuerer Zeit gab Bruch seine Hebräischen Gesänge für gemischten Chor heraus. Die dort verwendeten Motive sind: Hebräische Gesänge (nach Byrons hebräischen Melodien von M. Bruch bearb.) DIE MUTTER.*) Von Jakob Loewenberg. Das war der letzte frohe Tag im Leben der Mutter. Als das junge Paar Abschied nahm und Mainzer noch in der Türe lächelnd sagte: „Auf der Hochzeit Ihres Sohnes tanzen wir beide noch zusammen/' da schüttelte sie den Kopf und in ihren Augen stand: Euch seh ich nie wieder. Zum ersten Male fühlte sie mit sicherm Bewußtsein, daß es mit ihr zu Ende ging, und ganz ruhig, fast fröhlich sprach sie es aus. War es ihr doch mehr ein, Wiedersehen als eine Trennung. Eltern und Geschwister, Mann und Kind warteten schon auf sie und noch so viele andere, die sie gekannt hatte, und die ihr gewiß alle gern die Hand entgegenstrecken würden. Freilich, von ihrem Jungen müsse sie sich losreißen, wenn sie die andern wiedersehen wolle, aber in der bitteren Angst um ihn kam der tröstende Gedanke: Eine Sorge hat er weniger. Er ist jung 'und stark, und wenn er die alte Mutter auf seinem Weg nicht mehr mitzunehmen braucht, geht es noch einmal so leicht. So matt sie sich auch fühlte, so war sie tagsüber doch 'nicht zu bewegen, sich zu Bett zu legen. „Wenn man noch nit krank is, im Bett wird's man gewiß/' wehrte sie sich. Sie wollte nicht, daß ich den ganzen Tag in dem dumpfen, engen Kämmerchen säße, und für sie selber wäre es auch zu langweilig. Man hätte keine Augenweide im Schlafzimmer. So in der Stube, das sei ganz was anderes. Da sei alles heller, und jedes Ding wisse was zu erzählen, die Bilder da an der Wand: Moses und Aaron, Kaiser Friedrich und der alte Kaiser Wilhelm und Bismarck, *) Ein Kapitel aus dem soeben zur Ausgabe gelangenden Buch „Aus zwei Quellen44 von dem bekannten und hochverdienten Hamburger Dichter und Pädagogen Jakob Loewenberg (Egon Fleischel & Comp., Berlin 1914). Das Buch, offenbar ein biographischer Roman, enthält eine Reihe ausgezeichneter meisterhaft geschilderter Skizzen aus dem intimen häuslichen und Familienleben der Juden und darf getrost einen Platz neben dem berühmten Roman „Asmus Sempers Jugendland" von Loewenbergs Freund, Otto Ernst, beanspruchen. Die hohe persönliche Kultur des Verfassers entspringt zwei Quellen, der jüdischen und der deutschen, deren Gewässer sich in seiner Seele zu einem kräftigen lautern Strom vereinigt haben. Wie ein am Judentum mit ganzer Hingebung hängender Jude die höchste Blüte deutscher Kultur in sich aufnehmen kann, beweist dies prachtvolle Buch am besten. (Anmerkung der Redaktion.) wo kämen nochmal so fünf Leut beisammen? Und die Tasse da' auf dem Bort, der selige Vater hätte zuletzt daraus getrunken, und die Schabbeslampe, die sie von der Großmutter geerbt und über die sie selber als junge Frau den ersten Segensspruch gesprochen habe, das Soldatenbild ihres Ascher —i da an dem Tisch hätt er immer gesessen — „ach, du lieber Gott, wer hat nit an dem Tisch da gesessen!" Dinge und Gestalten flössen zusammen. Nie hat sie so viel geredet wie in diesen letzten Tagen. „Kuck, mein Jung/' fing sie gewöhnlich an, als ob ich es so vor Augen sehen könne, wie sie selber. „Kuck, mein Jung/' und aus ihren fernsten Tagen kam Kunde. „Ein ganz klein Mädchen bin ich noch gewesen, die Mutter war tot, die Brüder waren schon von Haus, und der Vater war die ganze Woch' draußen. Wenn er des Morgens fortging, hab ich noch geschlafen, und wenn er abends wiederkam, war ich schon im Bett. Bloß am Schabbes waren wir zusammen. Und da hab ich mich denn manchmal in der Woch', so im Abendschummer, auf die Bank hinterm Ofen gesetzt, hab die Augen zugemacht und geträumt, jetzt ist Freitag nachmittag, jetzt kommt er, da geht ein Schritt auf der Straße — das ist er! Und's Herz im Leib hat mir gelacht. Aber ich hab die Augen nit aufgemacht, ich wüßt ja, dann war alles vorbei/' Und sie erzählte, wie sie ihr Brot in der Fremde verdient, wie mein Vater um sie geworben und sie ihn zuerst, weil sie noch gar so jung war, auf eine Verwandte hingewiesen, und wie er ganz wütend gebrummt hätte: „Dumme Gans, wenn ich die hätt haben wollen, hätt ich dich nit gefragt!" Sie habe ihn so gern gehabt, aber ihr Jawort habe sie da doch vor lauter Angst gegeben. Und dann aus den Jahren der jungen Ehe, von ihrer Not und ihrem Frieden und von den Tagen, die ich schon selber miterlebt. Und da fand sich, daß uns beiden die liebste Zeit doch die war, wo wir morgens früh zusammen fortgewandert, jeder zu seiner Arbeit, sie zum Handeln und ich zum Lernen. „Mach gute Geschäfte, Mutter!" „Lern gut, mein Jung!" Das klang jetzt aus fernen Tagen wie ein Vogelruf in später Abendstunde.

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