Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 4 (April 1914)
- Article
- Auf der Suche nach jüdischen Volksliedern
- Date
- 1914-04-01
- Page
- Seite 295 - 296 (sequence 2)
- Language
- German
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295 A. König: Auf der Suche nach jüdischen Volksliedern. 296 zu verstehen und ich habe Achtung vor dem Manne, der in seinem Liede singt: „Ich will sein a( Jüd!" Vielleicht, daß jeder dem anderen am meisten nützt, wenn jeder des Sinnes ist: „Ich bleib bei dos Meine!" \ Wenn ich nun aber recht sehe, so ists bei uns doch nicht allein die Scheu vor der Profanierung, die uns keine Volkslieder kennen lernen läßt, sondern vielleicht doch die Zersplitterung des Stammes, die eben ein weitverbreitetes Volkslied nicht aufkommen läßt. Ich vermute — und wünschte, daß diese Zeilen zur Aufklärung Anlaß geben —, daß ein eigentliches jüdisches Volkslied mehr im Osten lebt, wo eben der Jude zu größeren Gemeinschaften sich zusammenschließt und sein Volkstum bewahrt Bei uns in Deutschland ist er zu sehr versprengt; er geht in der Masse unter, ja er will vielfach in ihr untergehen, will es nicht mehr sehen lassen, daß er Jude ist. Aus meinen sehr vereinzelten Bemerkungen ersehe ich, daß in Oesterreich (die Nachricht stammt aus dem Jahre 1907) eine Sammlung jüdischdeutscher Volkslieder auf Staatskosten geplant war, und zwar im Anschluß an eine 1908 zum 60jährigen Regierungsjubiläum des Kaisers Franz Joseph geplante Sammlung von Volksliedern aller in Oesterreich wohnenden Volksstämme. Jüdische Akademikervereine mit zionistischer Tendenz hätten sich erboten, die Arbeit des Sammeins und Verdeutschens der hauptsächlich in Galizien zu findenden Lieder zu übernehmen. Trotz meiner regen Ausschau auf dem Gebiete des Volksliedes ist mir weder von dem großen Werk noch von der Spezialsammlung etwas bekannt geworden. Wäre sie erschienen, so dürfte kaum Herr Leo Winz auf den Gedanken gekommen sein, nochmals eine Sammlung auf eigene Kosten herauszugeben.2) 1899 veröffentlichte Dr. A. Landau in Weinholds Zeitschrift für Volkskunde eine Studie über Holekreisch. Der Inhalt dieses Artikels ist etwa folgender: In einzelnen jüdischen Gemeinden Deutschlands, auch in Holland und Frankreich, heben Kinder beim Namengeben das Neugeborene in die Höhe, wobei in Deutschland gerufen wird: „Holekreisch! Wie soll das Kindche heiße?" Dieses früher aus chol und kreischen erklärte Wort will man neuerdings mit Hulda, Holle in Verbindung bringen. Damit komme ich aber auf ein ganz anderes Gebiet, nämlich nicht auf das jüdische Volkslied, sondern auf Jüdisches im deutschen Volkslied, denn in einem niederösterreichischen Reitliedchen heißt es: Hop, hop, Heserlmäii! Unsa Käz häd Schtifeiin an. Rennt dämid af Hollabrunn, Fiüdt a Kindl in der Sunn. 2) Es sei hier auf die Studie „Das jüdische Volkslied" von Bar Ami im Märzheft 1904 von „Ost und West", ferner auf den Aufsatz, Jüdische Volkslieder" von Dr. G. L e v y im Februarheft 1912 dieser Zeitschrift hingewiesen, aus dem man ersehen kann, was bisher zur Kunde des jüdischen Volksliedes geleistet worden ist. (Anmerkung der Redaktion.) Wollte ich aber dieser Sache weiter nachgehen, so würde, was ich nicht beabsichtige, eine Studie über das Judentum im außerjüdischen Volkslied entstehen. Im Globus 1900 fand ich „Beiträge zur Volkskunde der Juden von Dr. S. Weißenberg in Elisabethgrad (Südrußland)". Daselbst ist eine Reihe von zehn Liedern deutsch (mundartlich) wiedergegeben, die ich auch in unserem Sinne als Volkslieder anerkenne — teilweise Wiegenlieder, eines religiösen Inhalts. Desgleichen enthielt die Zeitschrift Am Urquell 1893 „Judendeutsche Kinderlieder", mitgeteilt von Akiba Nagelberg in Bolszowce (Galizien). Das sind die wenigen jüdischen Lieder, die ich gefunden und zu meiner Sammlung genommen habe. Durch die Freundlichkeit des Herrn Kantors Lübeck in Fürth sind mir viele Ritualgesänge bekannt geworden. Für den fernerstehenden Forscher wäre es interessant, zu erfahren, wie weit diese Melodien zum Gemeingut, zum „geistlichen Volkslied" geworden sind, wie z. B. gewisse Wallfahrtslieder bei den Katholiken, gewisse Choräle bei den Protestanten. Im ganz strengen Sinn freilich sind das alles keine richtigen Volkslieder. Nach dem von der Redaktion von „Ost und West" veranstalteten jüdischen Volksliederabend (in Nürnberg) wandte ich mich an Herrn Kantor Krämer in Ansbach, der mir mit großer Liebenswürdigkeit etliches zur Verfügung stellte. Nach seiner Meinung ist die in dem Heft „Rezitative und Gesänge, Lob- und Danklieder . . . von A. Schönfeld" enthaltene Melodie „Wo man singt, da laß dich ruhig nieder" ein jüdisches Volkslied, weil sie allgemein verbreitet sei. „Jüdisch" würde ich als Volksliedforscher diese ganz moderne Melodie nicht heißen, die nicht im entferntesten einen Anklang an Nationales verrät, während die alten Rezitative mit ihrer orientalischen Freude am Melisma echt und alt sind. „Echt!" Was ist echt? Schwere Frage. Die Echtheit, d. h. das Zurückgehen auf urälteste Zeiten hat man wohl auch den Synagogalmelodien wenigstens teilweise abgesprochen, sowie ja auch Alter und ursprüngliche Beschaffenheit des katholischen sogenannten Gregorianischen Chorals ebenfalls in Dunkel gehüllt sind. — Weiterhin legte mir Herr Krämer den sabbatlichen Tischgesang Mah jofis vor, der einer Zeitungsnotiz zufolge von M. Schnerb-Frankfurt stammen soll, den aber Herr Krämer schon in der Satzweise des Orgelkomponisten Ett kennt. Ferner erhielt ich den Sang von Goldfaden: Mein heilig Land, den Herr Krämer, als allgemein bekanntes Volkslied bezeichnet. Wir würden nach Forscherbrauch dieses sowie das oben erwähnte Schönfeldsche Lied nicht als Volkslied, sondern als „volkstümlich" bezeichnen, sowie z. B. Mendelssohns vielgesungenes „Wer hat dich, du schöner Wald" zwar volkstümlich, aber kein Volkslied ist. Auch die Melodie der Chanukka-Hymne (Bearbeitung von Lewandowsky) macht mir trotz der Bezeichnung „nach der alten Sangweise" den Eindruck einer durchaus modernen Komposition. — Von jüdischen Melodien ist Kol Nidre in mancherlei Bearbeitungen in deutschen Konzerten gespielt