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Ost und West · 1914-04-01 · Heft 4 (April 1914) · p. Seite 289 - 290

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 4 (April 1914)
Article
Zur Geschichte des Chief-Rabbinats in England
Date
1914-04-01
Page
Seite 289 - 290 (sequence 3)
Language
German
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289 Dr. S. M. Melamed: Zur Geschichte des Chief-Rabbinats in England. 2C0 (einen Teil von dem einzuholen, was bis jetzt auf diesem Gebiete vernachlässigt worden ist. Er gedenkt ferner, das Londoner Beth-Din, dem er als Oberrabbiner vorsteht, zu reorganisieren und seine Autorität durch1 die Vermehrung seiner Mitglieder zu stärken. Das osteuropäische Judentum in der Hauptstadt und in den Provinzen fordert gebieterisch eine Reorganisation des Beth- Din und will diese Institution durch1 keine geringere Kraft als durch die des Rabbi Israel Daiches, Haupt des Leedser Beth-Din und Vorsitzender des englischen Rabbinerverbandes, stärken. Rabbi Israel Daiches zählt zu den bedeutendsten Talmudisten rumd Decisoren der Gegenwart, und infolge seiner jetzt geplanten Berufung an das Londoner Beth-Din würde sich das osteuropäische Element der zentralistischen Verwaltung fügen und sich dem ganzen Regime unterordnen. Durch diese Vereinigung des „weltlichen4' mit dem gelehrten Chief-Rabbinat würde eine glückliche Zusammenschweißung der noch einander widerstrebenden Elemente zustande kommen, die dem englischen Judentum gute Entwicklungsmöglichkeiten nach innen geben könnte. JÜDISCHE PORTRÄTMINIATURISTEN. (Ein Beitrag zur Geschichte der Kunst bei den Juden.) II. Louis Katzenstein wurde am 19. März 1824 in Kassel geboren. Er malte Porträts in Öl und Miniatur und Genrebilder. Er erhielt verschiedene Ordensauszeichnungen und starb nach 1860. In Mecklenburg lebten im XVIII. Jahrhundert einige jüdische Familien, die künstlerisch veranlagte Sprößlinge aufzuweisen hatten. „In Schwerin," schrieb ich in meinem Buche „Meisterminiaturen aus fünf Jahrhunderten", „in Schwerin, wo man 1780 erst 1580 zählte, war es den Juden noch auf das strengste verboten, Talent zu haben". Und so gestaltete sich das Erdenwallen des jüdischen Künstlers in Mecklenburg anders als in Kurhessen. Lippmann Fraenckel wurde am 26. April 1772 in Parchim"*) in Mecklenburg geboren. Sein großes Zeichentalent offenbarte sich bereits in früher Jugend. Die Eltern, die sehr arm waren, konnten beim besten Willen für den Jungen nicht viel tun. Da erbarmte sich ein reicher deutscher Gutsbesitzer des aufgeweckten Judenknaben — den Namen dieses Braven kenne ich nicht — und erklärte sich bereit, die Mittel herzugeben, damit sich der Kleine auf einer Zeichenschule in Schwerin zum Künstler ausbilde. Dort wollte niemand, selbst nicht für Geld, den Juden jungen aufnehmen. Sein Vorsatz, Künst- E. Lichtenstern: Julius Lemberger, Börsenagent des Wiener Bankhauses S. M. von Rothschild. Von Ernst Lemberger (Charlottenburg). ler zu werden, stand aber ehern fest. Schließlich gaben ihm die Eltern ihren Segen und mit schwerstem Herzen, ein armseliges Bündel in der Hand, verließ er Vaterhaus und Heimat. Lippmann Fraenckel ging erst nach Hamburg. Ueber seinen dortigen Aufenthalt weiß ich nichts zu berichten. 1792, im Alter von 20 Jahren, reiste er nach Kopenhagen, wo er Verwandte hatte. Im freiheitlichen Dänemark stand seinem Wunsche, Künstler zu werden, nichts im Wege. Er kam erst zu einem Graveur in die Lehre, den er aber bald verließ, um die Kunstakademie zu besuchen, wo ihn Camradt im Pastell- und Miniaturmalen unterwies. Zwischen 1808 und 1817 weilte der Künstler in Schweden. Um 1818 kehrte er, an Geld und Ehren reich, nach Kopenhagen zurück. 1819 wurde er Königlich Dänischer Hofminiaturmaler, ein Titel, den er unter Friedrich VI. und Christian VIII. führte. Beim Staatsbankerott verlor er Hab und Gut. Nun galt es, wieder von vorn anzufangen. Sein heller Verstand aber wies ihm neue Wege, um die Verluste wieder hereinzubringen. Er gründete 1826 eine Tapetenfabrik, die er aus ganz kleinen Anfängen in die Höhe brachte. Er leitete das Unternehmen bis 1847. (Von da an führten seine Söhne das Ge- *) Ich bat den Vorstand der Gemeinde um einen Matrikelauszug. Und erhielt den Brief: „Antwortlich Ihres Schreibens bedauere ich, Ihnen mit der gewünschten Auskunft nicht dienen zu können, weil Matrikelbücher in der hiesigen jüdischen Gemeinde erst seit 1810 geführt werden. Lipmann Fraenkel war der Bruder meiner Großmutter Rebekka Weil, s:eb. Fraenkel, welche im März' 1771 geboren und September 1852 gestorben ist. Ich besitze ein von dem Künstler 1842 angefertigtes Porträt seiner genannten Schwester." Parchim, den 16. Februar 1014. Der Vorstand hiesiger Gemeinde Louis Weil.

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