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Ost und West · 1914-04-01 · Heft 4 (April 1914) · p. Seite 287 - 288

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 4 (April 1914)
Article
Zur Geschichte des Chief-Rabbinats in England
Date
1914-04-01
Page
Seite 287 - 288 (sequence 2)
Language
German
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287 Dr. S. M. Melamed: Zur Geschichte des Chief-Rabbinats in England. 2SS Die großen Vorzüge der beiden Adler waren ihr vornehmer Aristokratismus, der das Judentum in England hof- und salonfähig gemacht, und ihr wahres „Bischoftum". Sie waren ausgesprochene Herrennaturen und verstanden es, mehr durch die Geste als durch barsche Befehle sich selbst und dem Judentum Respekt zu verschaffen. Sie w aren in der christlichen und in der Hofgesellschaft ebenso angesehen, wie in der jüdischen Gesellschaft, und da England nun einmal das Land des sozialen Konservatismus, isrfc, kann man sich lebhaft denken, welchen tiefen Eindruck diese Beziehungen der beiden Adler zur englischen Gesellschaft und zum Hof auf die jüdischen Massen machen mußte. Sie haben dem Chief - Rabbinate Würde und Glanz verliehen und das Judentum in der englischen Gesellschaft populär gemacht. Auf die Emigranten aus dem Osten Europas, die in den achtziger Jahren massenweise nach England kamen, machte das Chief-Rabbinat nicht den gewünschten Eindruck. Sie wollten ihre althergebrachten Anschauungen vom Rabbiner auch nach England verpflanzen. Sie versuchten mehrere Male, sich vom Chief-Rabbinate loszulösen, indem sie eine eigene Schechita einzuführen unternahmen. Allein die Versuche mißlangen. In der Folge mußten sie sich mit der Gründung von Sondergemeinden, die ihre eigenen Rabbinen aus Rußland beriefen, zufrieden geben. Diese Gemeinden haben aber keinerlei Institutionen, sie sind nur Gesellschaften zur Pflege des osteuropäischen Rituals, also Betgesellschaften. Die Führung hat die United Synagogue. Aber auch diese kleinen Sondergemeinden sind später zu einem Verband vereinigt worden, dem heute Lord Swaythling vorsteht, wie Lord Rothschild der United Synagogue. In allen Fragen der politischen und sozialen Unterweisung hat noch immer die United. Synagogue das entscheidende Wort, In den letzten Jahren der Amtstätigkeit des letzten Chief-Rabbi kam es allerdings zu Konflikten zwischen dem Chief-Rabbinate und dem osteuropäischen Judentum in England. Die osteuropäischen Juden haben die ^Einheimischen" majorisiert und wollten sich von ihrem naiv-orthodoxen Standpunkt aus die nicht ganz einwandfreie Politik des Chief-Rabbi nicht gefallen lassen; insbesondere als Dr. Hermann Adler den Versuch machte, dem englischen Scheidun^sa'esetz die Priorität zu geben und die Rabbi Israel Daiches, Schächter der kleinen Provinzgemeinden unter seine unmittelbare Jurisdiktion zu stellen, wodurch die Unabhängigkeit dieser kleinen Gemeinden illusorisch1 geworden wäre. Die famose Get-Frage ist unentschieden geblieben, während in der zweiten Frage das Chief-Rabbinat eine Niederlage erlitten hat, da das Parlament die von der United Synagogue zur Sanktion unterbreitete Bill nicht einmal zur Diskussion zuließ. Dem frühzeitig gealterten Dr. Hermann Adler war in den, letzten Jahren die früher von ihm so virtuos gehandhabte Führung entglitten und während des letzten Jahres seiner Amtstätigkeit war eine Anarchie im Gemeindeleben eingerissen, an deren Ueberwindung noch der jetzige Chief- Rabbi viel zu schaffen haben wird. Es ist kein Wunder, daß die osteuropäischen Juden in England nach dem Tode Adlers von derNeubesetzungj dieses hohen Postens nichts wissen wollten, und es hat viel Klugheit, viel Ueberredungskunst und vieler Drohungen bedurft, um sie gefügig zu machen. Nach einem anderthalbjährigen Interregnum ist Dr. Hertz von der Orach - Chaini - Gemeinde in New York zum Nachfolger Dr. Adlers berufen worden. Dr. Hertz ging der Ruf eines jgroßen Organisators voraus. Während seiner dreizehnjährigen Amtstätigkeit in Johannesburg hat er aus eigener Kraft das zu einer ansehnlichen Gemeinschaft angewachsene südafrikanische Judentum administrativ, politisch! und philanthropisch organisiert. Er hat allein das südafrikanische Board of Deputies nach dem Muster des Londoner Board of Debuties organisiert, und den hebräischen Unterricht organisiert und 'ausgestaltet, er hat mit den Holländern einen Kampf um die Emanzipation der Juden in Transvaal geführt und ist aus diesem Grunde während des Krieges des Landes verwiesen worden. Herr Dr. Hertz hat sich auch als gelehrter Schriftsteller Ihiervorgetan und hatte längere Zeit eine Professur f ür Philosophie an der Cap - Universität inne. Als Igeborener Ungar und als Sohn eines hebräischen Schriftstellers vereinigt der jetzige Chief-Rabbi viele Tugenden des Ost- und des Westjudentums in sich. Er steht in seinem 41. Lebensjahr und hat nicht weniger vor, als das ganze religiöse Judentum in England zu reorganisieren, sowie die jüdische Erziehung in England von der jüdischen Elementarschule bis zum Rabbinerseminar zu reformieren, um mindestens

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