Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 4 (April 1914)
- Article
- Ein neues Heine-Buch [Rezension]
- Date
- 1914-04-01
- Page
- Seite 277 - 278 (sequence 4)
- Language
- German
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- Homer 1× ep/1025156
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277 Sigmar Mehring: Ein neues Heinebuch. 278 nicht erwehren, wenn man sieht, wie der teutsche Mann immer wieder zu mächtigem Schlage gegen den toten Heine ausholt und immer wieder mit nie versagender Kraft vorbeihaut! Und unbezwingbar komisch ist es, wenn in all dem Geifer, den der Gymnasiallehrer gegen den Dichter speit, doch kleine Bekenntnisse schwimmen, die das literarische Gewissen des teutschen Schulmeisters verraten. Da lesen wir: „Harry Heine trug zu seiner Mutter eine große Zuneigung . . . und sie ist auch die einzige wohltuende Tatsache in Heines Charakter." Ferner: „Heine hat mit seiner unzweifelhaft echten lyrischen Begabung doch kaum etwas geschaffen, das uns fördert, erquicki und veredelt.'1 Die hier gesperrten Worte sind auch im Original (S. 37) durch Sperrdruck hervorgehoben. Das einschränkende „kaum" ist köstlich. Weiter: Seite 45: „Er ist trotz unleugbar schöner Gedichte" - z. B. „Wir saßen am Fischerhause", „Meeresstille", „Das ist ein schlechtes Wetter", „Ich kam von meiner Herrin Haus", „Nacht liegt auf den fremden Wegen", „Der Tod, das ist die kühle Nacht" usw. — mit treffender realistischer Malerei und echter Stimmung doch ein wesentlicher Eklektiker und lyrischer Requisitenspieler, sehr selten aber von wahrer und zwingender Kraft." Also doch wohl manchmal! Der Satz geht weiter, zugleich als ein Muster teutscher Ausdrucksweise: „Am besten zeigt seine Eigenart die „Wallfahrt nach Kevelaar" oder noch besser „Frieden!"" Am besten oder noch besser! Auf der nächsten Seite: „Heine verstand es ausgezeichnet, den wirksamen Vokalwechsel zu vollziehen, die Antithese herauszuarbeiten, den lyrischen Gehalt auf die schlagendste Formel zu bringen und im ganzen keine Schindung des Gehirns von seinen Lesern zu verlangen." Wie der letzte Satz andeutet, soll mit jenen Angaben Heine nicht gelobt, sondern - welch ein drolliger Kauz dieser Dr. Werner! — getadelt werden. Gleich darunter liest man: «Es ist eigentlich erstaunlich, daß Heine, der die Fähigkeit hat, mit einigen Strichen ein Bild vor Augen zu stellen, häufig einen auffallenden Mangel an Naturanschauung beweist." Und dann folgt das Zitat: «Grau ist alle Theorie, und grün allein des Lebens goldner Baum". Nein! Um Himmelswillen, nein! Es folgt das Zitat: „Es leuchtet meine Liebe in ihrer dunklen Pracht", und einige andere Beispiele, die eben nur zeigen, daß auch DIE STADT DÜSSELDORF IST SEHR SCHON, UND WENN MAN Ih DER FERNE AN SIE DENKT, UND ZUFÄLLIG DORT GEBOREN IST, WIRD EINEM WUNDERLICH ZU MUTHE. 1 ICH BIN DORT GEBOREN, UND ES IST MIR, ALS MÜSSTE ICH GLEICH NACH HAUSE GEHN HEINRICH HEINE Hein es Gedenktafel am Geburtshause Heines in Düsseldorf. Gestiftet von Herrn Felix Marcus, Brüssel. Modelliert von Prof. Hugo Bergwald. Phot. Atelier Schaul, Hamburg. Heine=Denkmal von Hasselries, (von der Kaiserin Elisabeth von Oesterreich in Korfu errichtet) jetzt in Blankenese im Besitz von Campe. Heine, wie mancher andere Dichter, seit dem zuweilen schlafenden Homer! — seine schwachen Stunden hatte. Ein neues Lob schleicht sich auf Seite 51 ein: „Zweifellos ist Heine ein witziger Kopf; in seinen Schriften finden sich treffliche Wortwitze, glänzend herausgearbeitete Pointen usw." Zweifellos! Man blättere weiter und lese Seite 63: „Es kann freilich keineswegs bestritten werden, daß Heine nicht selten glänzend schreibt." Indessen der Jude wird verbrannt! Immer und immer wieder. Dr. Werner, Mitglied des Reichstags und Gymnasiallehrer in Gießen, errichtet ihm zum tausendsten Male einen Scheiterhaufen . . . und siehe da! das flackernde Feuer, das den Dichter vernichten sollte, wird wiederum zur leuchtenden Flamme, aus der Heines Geist unversehrt aufsteigt. Und ein fleißiger Schüler Dr. Werners kauft sich das Schmähschriftlein und streicht alle Stellen an, die im deutschen Aufsatz nicht vorkommen dürfen. Denn es kann freilich keineswegs bestritten werden, daß Dr. Werner nicht glänzend schreibt.---