Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 4 (April 1914)
- Article
- Eine Ehrenrettung des pharisäischen Judentums
- Date
- 1914-04-01
- Page
- Seite 269 - 270 (sequence 3)
- Language
- German
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269 B. Saphra: Eine Ehrenrettung des pharisäischen Judentums. 270 Heinebrunnen in New York von Professor Ernst Herter, Berlin. sehr kräftigen Umfärbung bedarf. Herford macht es begreiflich, warum Jesus (dessen historische Existenz für ihn feststeht) seine jüdischen Zeitgenossen nicht in ihrer Eigenart zu würdigen vermochte und vollends dem Paulus ihr Wesen verschlossen bleiben mußte. Vom Standpunkt des Historikers aus entwirft er auf Grund der Urkunden das wahre Bild der Zeiten und der Menschen in der Epoche der Entstehung des Christentums. Besonders anziehend ist das Kapitel „Einige Punkte der pharisäischen Lehre", und ferner: „Der Pharisäismus als Religion der Seele". Hier versucht Herford, im positiven Sinne die Grundlinien der ,.pharisäischen Religion", d. h. der jüdischen Religion in der Zeit des Talmuds, zu zeichnen. Manch feine Bemerkung und manch tiefen Blick findet man hier. Aber zugleich entgeht dem Verfasser gerade hier manches wesentliche. Der Grund ist wohl darin zu suchen, daß Herfordj am Ende das „pharisäische Judentum" nur aus Talmud und Midrasch genau kennt, die weiteren Stadien seine Entwicklung sowie seiner Ausgestaltung und Betätigung im lebendigen Leben offenbar nur aus den Darstellungen kennt und nicht unmittelbar studiert und beobachtet hat. Es genügt aber nicht, eine historische Erscheinung an sich, im Rahmen ihres Zeitalters zu kennen; wenn man sie voll würdigen will, muß man auch wissen, was sie im Verlaufe der Zeiten den Ihrigen gewesen ist. Auch ein Gedanke, eine Lehre können in ihrem vollen Werte erst erkannt werden, wenn man berücksichtigt, wie sich ihre innere Kraft in guten wie in bösen Zeiten ausgewirkt hat. Für uns Juden ist z. B. Hillel auf eine ganz andere Weise lebendig, als für den, der ihn nur aus dem Talmud und dem Midrasch kennt. Und mit unseren Augen muß man ihn und Seinesgleichen sehen lernen, wenn man ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen will. Aber Solches von Herford zu verlangen, wäre ungerecht. Begnügen wir uns damit, daß, wenn sein Werk die verdiente Verbreitung findet und die Resultate seiner, ein Menschenalter umfassenden Arbeit Gemeingut der Gelehrten und der gebildeten Laien geworden ist, mit einem der schimpflichsten und gefährlichsten Vorurteile aufgeräumt sein wird, welche uns so lange Jahrhunderte hindurch verfolgt haben.