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Ost und West · 1914-04-01 · Heft 4 (April 1914) · p. Seite 267 - 268

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 4 (April 1914)
Article
Eine Ehrenrettung des pharisäischen Judentums
Date
1914-04-01
Page
Seite 267 - 268 (sequence 2)
Language
German
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267 B. Saphra: Eine Ehrenrettung des pharisäischen Judentums. 268 ebenso sorgfältigen wie eleganten deutschen Uebersetzung vorliegt. Die Uebersetzung hat Frau Rosalie Perles besorgt und ihr Sohn Felix Perles hat das Buch mit einer Einleitung und lehrreichen Bemerkungen versehen. Man darf es ruhig aussprechen, daß dieses Werk einen Bruch, und zwar einen radikalen Bruch mit den in nichtjüdischen Kreisen seit jeher traditionellen Auffassungen vom Judentum bedeutet. Das ersieht man schon aus der Stellungnahme des Verfassers zu dem bekannten Buch von Weber, „Jüdische Theologie", welches bisher den christlichen Gelehrten als Hauptquelle für die Kenntnis des nachbiblischen Stadiums der jüdischen Religon gedient hat. „Für das richtige Verständnis des pharisäischen Judentums ist es geradezu eine verhängnisvolle Tatsache, daß Webers Buch gewöhnlich als Führer gebraucht wird." Und an anderer Stelle: „Die Behauptung, (die Bezeichnung Gottes als) Unser Vater im Himmel habe für den Pharisäer nichts weiter besagt, als daß Gott Israel zu seinem Eigentumsvolk erwählt hat, und der Name Vater habe in der jüdischen Theologie nicht ein tieferes Eindringen in das Wesen Gottes, als der die Liebe ist, zur Folge gehabt, ist eine von den flagranten Entstellungen, von denen Webers Buch wimmelt." Ich glaube, es ist das erstemal, daß aus christlicher Feder solche gerechten Worte über dieses verhängnisvolle Buch fließen. Und hier darf man für die Vertreter der Wissenschaft des Judentums das hohe Verdienst in Anspruch nehmen, daß dank ihrer unermüdlichen, selbstlosen und unerschrockenen Arbeit seit einem halben Jahrhundert dieser Umschwung herbeigeführt worden ist. Die Resultate ihrer mühseligen Untersuchungen wurden von christlicher Seite lange Jahre geflissentlich ignoriert oder hochmütig beiseite geschoben. Die Herren wußten alles besser und sie machten sich die Arbeit nicht allzuschwer. Warf man ihnen vor, daß sie oft Einzelheiten aus dem Zusammenhang rissen und in falsche Beleuchtung stellten, da sie bei der Beurteilung das Ganze aus Unkenntnis nicht berücksichtigten, so antworteten sie fix, es sei hier eben möglich, das Einzelne ohne das Ganze zu verstehen. Oder: hier genüge eben der allgemeine Eindruck. Auf keinem anderen Wissensgebiete würde man es wagen, auf Grund oberflächlicher und unvollständiger Sachkenntnis ein Urteil, und noch dazu ein wegwerfendes und verdammendes, zu fällen. Aber das Judentum mußte es sich gefallen lassen, das Schicksal der Juden zu teilen. Ueber beide durfte man ohne tieferes Eingehen in die Sache, ohne genauere Sachkenntnis aburteilen. Die jüdischen Gelehrten und Forscher haben in der Bekämpfung der Vorurteile gegen die Juden weniger Erfolg gehabt als in der Bekämpfung der Vorurteile gegen das Judentum. Das Buch von Travers Herford ist ein schlagender Beweis für die Anerkennung, die sich die ruhige und stille Arbeit der Wissenschaft des Judentums in der Welt errungen hat. Renan sagt einmal, daß das Wesen einer Religion nur von dem erfaßt und dargestellt werden könne, der sich von Jugend auf zu ihr bekannt und sie innerlich erlebt, dann aber sie verlassen und überwunden hat und ihr objektiv gegenübersteht. So geistvoll das klingt, so übertrieben ist es. Die modernen Forschungsmethoden bieten uns genügend Mittel an die Hand, um auch völlig fremdartige Gedankengänge und Gefühlswelten uns nahezubringen und uns in sie eindringen zu lassen. Nur gehört dazu vollständige Beherrschung des Tatsachenmaterials und die Fähigkeit, es psychologisch zu durchdringen. Travers Herford hat sich alle Mühe gegeben, in einem Studium, welches dreißig Jahre seines Lebens in Anspruch genommen hat, das in Betracht kommende Schrifttum zu erfassen und mit möglichster Präzision kennen zu lernen. Und von der Natur war ihm die Gabe verliehen, sich in eine fremde und ferne Geisteswelt hineinzuleben und sie objektiv zu begreifen. Eine seltene und glückliche Vereinigung von Eigenschaften, die es ihm ermöglicht haben, eine zweitausendjährige Ungerechtigkeit zu bekämpfen. Das Buch von Travers Herford ist in erster Reihe für christliche Leser bestimmt, allein wir Juden können sehr viel daraus lernen. Es ist unendlich reizvoll zu sehen, wie sich unsere Geisteswelt im Kopfe eines wohlwollenden Mannes spiegelt, der fremd und gleichgültig in sie eindrang, nur mit wissenschaftlichem Rüstzeug versehen, von wissenschaftlichem Interesse getrieben, und nichts wollte, als die Wahrheit feststellen. Wir Juden lernen durch ihn, die Lehre unserer Väter in einem neuen Lichte sehen, und werden mancher Seiten gewahr, die uns bis dahin entgingen. So lernt der alteingesessene Bewohner einer Landschaft neue Schönheiten seiner Heimat kennen, wenn er durch einen fremden Wanderer auf sie aufmerksam gemacht wird. Das wichtigste Resultat, zu dem Herford gelangt, ist zunächst eine sehr starke Erschütterung der Glaubwürdigkeit des Bildes, welches aus den Evangelien von den „Schriftgelehrten und Pharisäern" gewonnen wird. Auch jene, denen jedes Wort der Evangelien buchstäblich heilige Offenbarung ist, an dem zu zweifeln Todessünde wäre, werden sich sagen müssen, daß die Schilderung, welche das Neue Testament von den Zuständen und Persönlichkeiten innerhalb des Judentums zur Zeit Jesu bietet, mindestens einer radikalen Umdeutung und

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