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Ost und West · 1914-03-01 · Heft 3 (März 1914) · p. Seite 211 - 212

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 3 (März 1914)
Article
Die Bekämpfung des Hasses, eine Kulturmission der Juden
Date
1914-03-01
Page
Seite 211 - 212 (sequence 3)
Language
German
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211 Albert Bach: Die Bekämpfung des Hasses, eine Kulturmission der Juden. 212 Genuß. Das sind Zustände, die natürlich keine Grundlage bieten für eine höhere Lebensführung. Die beste Weisung zum Besserwerden finden wir in der Thora. V. 11 K. 30. 5. B. lautet: „denn dies Gebot, das ich Dir gebiete, ist Dir nicht verborgen und nicht fern". Ferner V. 12: „es ist nicht im Himmel, daß Du sagtest: „wer steigt für uns in den Himmel hinauf und holt es uns und macht es uns kund, daß wir es tun'"'. Ferner V. 13: „und es ist nicht jenseits des Meeres, daß Du sagtest: „wer reist für uns jenseits des Meeres hin und holt es uns und macht es uns kund, daß wir es tun"". Ferner V. 14: „sondern sehr nahe ist Dir die Sache, in Deinem Munde und in Deinem Herzen, es zu tun". Moses war also überzeugt, daß die Neigung zur Ausübung des Guten dem Menschen eingeboren ist. Freilich ist der göttliche Funke, der im Menschen liegt, von Schlacken umgeben. Diese aus dem Wege zu räumen, um zum Göttlichen zu gelangen, ist unsere Aufgabe. Die bösartigste Eigenschaft, welche die Mobilisierung des Göttlichen im Menschen am meisten hemmt, ist der Haß. Er ist des Juden größter Feind. Es gilt daher, diesen Feind endlich einmal in systematischer Weise zu bekämpfen. Der Kampf wird erleichtert durch die sichtbaren Schäden, die der Haß anrichtet. Der einfachste Mensch wird diese Schäden erkennen, wenn man ihn darauf aufmerksam macht. Der Haß schädigt namentlich das Wirtschaftsleben. Die vom Hasse erzeugte Befangenheit führt hier gewöhnlich zu falschen Dispositionen und zum Rückgang. Der Befangene erblickt die Ursache eines wirtschaftlichen Rückganges oft dann noch in Personen, wenn es auch klar zutage liegt, daß die Ursache in den Dingen bzw. in falschen Dispositionen zu suchen ist. Des Hasses größter Schaden für die Volkswirtschaft überhaupt besteht im unproduktiven Verbrauch menschlicher Energie. Ganz enorm ist der Schaden, den der Haß im sozialen Leben anrichtet. Haßerfüllte Menschen üben einen ungünstigen Einfluß auf die Familie aus. Herzlichkeit und Schönheit des Familienlebens werden in ihrer Entwicklung gestört. Der Haß schädigt natürlich das ganze gesellschaftliche Leben: er wirkt in den letzten Konsequenzen stets trennend und führt oft zum Verbrechen. Der Haß hemmt mithin den ganzen sozialen Fortgang. Der Hassende macht also sich und der Gesellschaft das Leben zur Hölle. Der Haß steht insbesondere der Verwirklichung der Nächstenliebe genau so im! Wege, wie Oel dem Löschen eines Feuers. Auf diese unglückseligen Wirkungen sind Juden und Nichtjuden hinzuweisen. Die Menschen müssen überzeugt werden, daß die meisten sozialen Uebel aus Haß und Neid entstehen. Den Menschen wollen wir klar machen, welchen großen Schaden der Haß an Körper und Geist, an unserem ganzen Leben verursacht. Wir wollen den Menschen zu Herzen reden, daß es nützlicher ist, dem Leben anstatt dem Tode zu dienen, in Uebereinstimmung mit V. 15, K. 30, V. Buch Moses, welcher lautet: „Siehe, ich lege Dir heute vor das Leben und das Gute auch den Tod und das Böse." Der Haß ist etwas Böses. Wir dienen also, wenn wir hassen, dem Tode. Seit Jahrtausenden wird, um die Menschen besser zu machen, die Nächstenliebe gepredigt. Damit sind wir nicht vorwärts gekommen. Der Abgrund, vor dem wir stehen, läßt sich nur überbrücken, wenn wir nicht nur vom Nutzen der Nächstenliebe, sondern noch viel mehr vom Schaden des Hasses reden. Und wahrlich, kein anderer Kreis von Menschen darf sich so berufen fühlen, von den Schäden des Hasses zu reden, wie wir Juden. Die Quelle unserer ganzen Leidensgeschichte besteht im Haß. Doch vor allem müssen wir zu den jüdischen Herzen reden. Wir wollen den Kindern von frühester Jugend an einprägen, daß der Haß dem Tode und die Menschenfreundlichkeit dem Leben dient. Nur dieser Geist der Thora besitzt die Macht, den Juden die soziale Erlösung und der ganzen menschlichen Gesellschaft die soziale Rettung zu bringen. (Anmerkung d. Red.) Es ist erstaunlich, in unserer von Waffengeklirr und den wilden, heisern Schreien des Menschenhasses widerhallenden Zeit eine Stimme zu vernehmen, die zur Bekämpfung des Hasses aufruft. Das wäre unbegreiflich, wenn es nicht die Stimme eines Juden wäre, der an der Bibel großgezogen ist und aus ihr seine besten Kräfte schöpft. Es zeigt sich wieder einmal, wie ewig jung und ewig neu die alte Bibel ist. und wie viel sie den Menschen jedes Zeitalters zu sagen hat. Das besonders Kennzeichnende an den Ausführungen des Herrn Albert Bach ist, daß sie nicht durch die Lektüre toter Bücher, sondern durch die Beobachtung des lebendigen Lebens angeregt worden sind. Hier spricht nämlich zu uns ein Kaufmann, der mitten im Treiben des Alltags, im Kampf um Erwerb steht. Es muß wohl ein großer Fond von Menschenliebe, Tatkraft und Optimismus in seiner Seele aufgespeichert sein, wenn er anstatt Verbitterung und Misanthropie und Groll oder Gleichgültigkeit und Verdrossenheit, vom Markte des Lebens die Überzeugung heimgebracht hat, es sei die Aufgabe des Menschen, den Haß zu bekämpfen, und, was das wichtigste ist, der Kampf werde von Erfolg sein und es werde gelingen, den Haß aus denHerzen der Menschen auszurotten. Manche werden vielleicht über diese Vertrauensseligkeit lächeln. Allein man vergesse nicht, daß auch Sokrates predigte, die Tugend sei lehrbar, man müsse nur von dem schlecht unterrichteten an den besser unterrichteten Menschen appellieren, um ihn auf den Weg desGuten zuleiten. Wenn der Mensch nur weiß, was das Gute ist, wird er es auch schon üben. Nietzsche hat bekanntlich Sokrates (und auch Plato) Juden genannt — ohne vielleicht selbst zu wissen, wie tief verwandt die Sokratische Tugendlehre mit den Anschauungen des Talmud ist. Kein Mensch begeht eine Sünde, ohne daß zuvor der Geist der Torheit in ihn gefahren sei, lautet ein vielfach wiederkehrender Ausspruch des Talmud. Solange der Mensch bei klarer Vernunft ist, kann er gar nichts Böses verüben. Darum ist wohl auch der Kern der jüdischen Religion Thora, Lehre. Lehret die Menschen, und sie werden sich bessern. Die Gedanken des Herrn Bach sind daher so echt jüdisch.

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