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Ost und West · 1914-03-01 · Heft 3 (März 1914) · p. Seite 209 - 210

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 3 (März 1914)
Article
Die Bekämpfung des Hasses, eine Kulturmission der Juden
Date
1914-03-01
Page
Seite 209 - 210 (sequence 2)
Language
German
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209 Albert Bach: Die Bekämpfung des Hasses, eine Kulturmission der Juden. 210 Zu jener Zeit war der Judenhaß vorwiegend bei den unteren Schichten des Volkes zu finden und trug mehr einen konfessionellen Charakter. In akademisch gebildeten Kreisen war fast kein Judenhaß mehr vorhanden. Zwischen der großen Masse des Volkes einerseits und der akademischen Welt anderseits war eine viel größere Kluft als gegenwärtig. Das Volk im großen und ganzen war noch wenig aufgeklärt. Es gab noch einen großen Prozentsatz Analphabeten. Unter den akademisch gebildeten Leuten, ohne Unterschied der Konfession, herrschte Harmonie. In wissenschaftlichen Kreisen hätte man es als unfair betrachtet, jemand wegen seiner Konfession sozial zurückzusetzen. Die akademisch gebildete Welt war voll von Idealen. Katholiken, Protestanten und Juden verkehrten in freundschaftlicher Weise. Sie freuten sich gemeinsam, die Vertreter der Wissenschaft und zugleich die Vertreter einer höheren Lebensauffassung zu sein. Wie sieht es nun heute aus? In vielen akademischen Verbindungen bleiben den jüdischen Söhnen bzw. Enkeln die Türen zu jenen Stätten verschlossen, in denen die Väter bzw. Großväter frohe Stunden verbrachten. Diese christlichen Kreise haben die Ideale mit wirtschaftlichen Bestrebungen vertauscht, denen sie Mittel dienstbar machen, die der Ethik des Judentums wie der des Christentums vollkommen fernstehen. Diese Verhältnisse müssen uns überzeugen, daß unsere soziale Lage sich wesentlich verschlimmert hat. Die Umgangsformen, die man im Verkehr mit uns in Anwendung bringt, sind allerdings besser geworden. Aber gerade die besseren Umgangsformen tragen oft dazu bei, die soziale Gefahr zu verschleiern, in der wir uns befinden. Viele Juden,namentlich in den Oberschichten, lassen sich durch exakte Höflichkeit der Christen zu der Ansicht verleiten, daß, wenn jeder Jude gute Lebensformen besäße, der Judenhaß verschwinden würde. Das ist ein Irrtum. Gewiß sind gute Umgangsformen von Nutzen. Haß und Mißachtung gegen die Juden wurzeln jedoch so tief, daß durch ästhetische Mittel nichts wesentliches erreicht werden kann. Die Tatsache, die vorhin angeführt wurde, daß auch dem wohlerzogenen jüdischen Studenten der Eintritt in eine christliche Verbindung versagt ist, illustriert die Situation am' treffendsten. Man behandelt uns als Menschen zweiter Klasse, trotz unserer Kulturleistungen: Die Juden offenbarten der Welt den Gottesgedanken. Die Juden entwickelten den ökonomischen Sinn der Menschen. Und der entwickelte ökonomische Sinn war die Triebfeder zu dem heutigen hohen Stand der wissenschaftlichen Technik. Es liegt nicht im Rahmen dieser Ausführungen, hervorragende Juden zu nennen, die sich um die technische Kultur verdient gemacht haben. Gleichwohl sollen hier zwei Juden angeführt werden, und zwar die Professoren Tranck und Haber, weil sie gerade den zumeist judenfeindlichen Landwirten durch ihre Erfindungen auf dem Gebiete des Kunstdüngers großen Nutzen brachten. Auch um die Errungenschaft politischer Freiheit haben sich die Juden verdient gemacht. In Deutschland braucht man nur an Johann Jaoobi, Riesser, Lasker und Bamberger zu erinnern. Die wirtschaftliche Befreiung der arbeitenden Massen wurde von den Juden Marx und Lassalle eingeleitet. Trotz dieser .Kulturleistungen werden uns alle Verdienste um "die Kulturförderung bestritten. Vor mehr als 800 Jahren hatte man für die Tätigkeit der Juden noch einen ungetrübten Blick. Im Jahre 1084 sagte Bischof Rüdiger von Speyer in seinem Judenprivileg: „Da ich aus dem Flecken Speier eine Stadt machen wollte, habe ich die Juden aufgenommen. Ich habe gedacht, die Ehre unserer Stadt lOOOfach dadurch zu mehren, daß ich die Juden in ihren Mauern ansammle." (Sigmund Mayer, „Ein jüdischer Kaufmann".) Heutzutage werden unsere Leistungen nicht mehr anerkannt. Die Befangenheit der Christen in ihrer großen Mehrzahl ist derart, daß ihr Geist versagt, wenn es gilt, die Juden objektiv zu beurteilen. In Verbindung mit dem, Gottesgedanken werden wir gehaßt und mißachtet. In Verbindung mit dem Freiheitsgedanken werden wir gehaßt und mißachtet. In Verbindung mit dem ökonomischen Gedanken werden wir gehaßt und mißachtet. So lange sich alles im gesetzlichen Rahmen bewegt, wird man uns trotzdem weder verbrennen noch totschlagen, auch nicht plündern; aber jetzt schon sucht man, oft sogar unter Berücksichtigung! der besten Umgangsformen, uns allmählich sozial auszustoßen und wirtschaftlich auszuhungern. Dennoch wollen wir niemandem einen Vorwurf machen. Wir wollen zwar unsere Menschenrechte, wenn es not tut, mit Todesverachtung verteidigen, aber gleichwohl uns von den Worten Spinozas leiten lassen: „Die Geschichte der Menschen ist weder zu tadeln noch zu loben, sondern zu begreifen." Wir stehen vor einem sozialen Abgrund, und mit uns die ganze menschliche Gesellschaft. Bei den eifrigen Bestrebungen, die Natur durch die wissenschaftliche Technik zu bezwingen, hat man die Seele des Menschen vergessen. Wir beherrschen zwar die Luft, aber nicht das Tier im Menschen. Weder die technische Befreiung aus der Gewalt der Natur, noch die politische und wirtschaftliche Befreiung haben einen sozialen Wert, wenn nicht eine Ueberbrückung der sozialen Gegensätze ermöglicht wird. Wir brauchen aber keineswegs zu verzagen. Es kann geholfen werden. Es ist nur notwendig, darüber klar zu sein, was an der heutigen Kultur fehlt. Es fehlt der gute Mensch! Seit Jahrtausenden sind die Menschen ununterbrochen bestrebt, Erfindungen zu machen, die den Lebenskomfort erhöhen. Dabei sind die Menschen nicht besser, sondern nur begehrlicher geworden. Der Arme, der sich auf der blanken Diele, oder der Reiche, der sich aui dem Smyrnateppich bewegt, beide sind unzufrieden. Der Arme beneidet den Reichen und der Reiche wiederum empfindet durch die Wirkung der Gewohnheit im Luxus fast keinen

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