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Ost und West · 1914-02-01 · Heft 2 (Februar 1914) · p. Seite 143 - 144

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 2 (Februar 1914)
Article
Fortbildungsschulwerk für die schulentlassene Jugend
Date
1914-02-01
Page
Seite 143 - 144 (sequence 2)
Language
German
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143 Fortbildungsschulvrerk für die schulentlassene Jugend. 144 Vergnügungen fernzuhalten und zur richtigen Wertung ihrer gesellschaftlichen und beruflichen Kräfte vorzubereiten. Die an vielen Orten begründeten Vereine ehemaliger Schüler" sind ein erster und bedeutsamer Schritt auf diesem Wege; sie bilden den natürlichen Organismus für die Verwirklichung des Fortbildungswerks. Einige dieser Vereine haben deshalb unsere Anregung gar nicht erst abgewartet und haben sich in dieser Richtung betätigt; allerdings waren ihre etwas schüchternen und vereinzelten Versuche noch nicht mit der erforderlichen Kraft und Beständigkeit geführt worden. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo dieses Programm verallgemeinert und mit Ausdauer und Geduld ausgeführt werden sollte. An unseren Direktoren ist es nun, den Anstoß zu dieser methodischen Organisation zu geben. Wir kennen die Schwierigkeiten verschiedenster ■ Art, gegen die zu kämpfen sein wird, sie dürfen uns aber nicht zurückhalten und nicht entmutigen. Man muß mit dem einfachsten und dem dringendsten anfangen, das sind: Abendkurse. a) Am notwendigsten ist der Unterricht im Lesen und Schreiben für alle jungen Leute und alle erwachsenen Männer, die keine Schule besucht haben und ihre Unbildung beklagen, durch die sie zu geschäftlicher und gesellschaftlicher Minderwertigkeit verurteilt sind. Für diese recht zahlreiche Gruppe sind solche Abendkurse von unmittelbarer Notwendigkeit und sofortigem Nutzen. In Städten, wo ein „Verein ehemaliger Schüler" besteht, wird der Direktor mit dem Vereinsvorstand über die praktischste Einrichtung dieser Kurse, die dazu erforderlichen Mittel, die Unterrichtsgegenstände usw. beraten. Wo noch keine Schülervereine bestehen, werden die Direktoren bestrebt sein, das Schtilkomitee, die Gemeindevorstände und alle einzelnen Personen dafür zu interessieren, deren Mitarbeit oder Unterstützung von Nutzen sein kann. Schon vor einigen Jahren hatten wir den Versuch gemacht, in den großen Städten der Türkei Abendkurse einzuführen. Der Versuch hatte sich vortrefflich bewährt, besonders in Konstantinopel, aber diese nächtlichen Zusammenkünfte von Männern und jungen Leuten erweckten den Argwohn der Polizei, die dahinter staatsgefähiiiehe Beratungen vermutete; sie ließ deshalb die Kurse schliefen. Die neue Regierung in der Türkei hat dieses Hindernis beseitigt, so daß von dieser Seite ikeine Schwierigkeiten mehr zu befürchten sind. In den unter französischem oder spanischem Protektorat stehenden Städten Marokkos sind die Vorbedingungen für die Ausführung unseres Planes sehr günstig, deshalb ist keine Zeit zu ^verlieren. Nehmen wir zuerst die Analphabeten, die in keiner Sprache lesen oder schreiben können. Für diese Hörer werden Lese- und Schreibkurse in der ihnen geläufigen Sprache veranstaltet werden müssen — jüdisch-spanisch, spanisch, arabisch — und etwas Unterricht im schriftlichen Rechnen. Diesem bruchstückartigen Unterricht müssen noch Kurse in jüdischer Geschichte angefügt werden, und zwar in Gestalt von Vorlesungen von Seiten des Lehrers. b) Viele Kinder verlassen die Schule schon sehr früh und bringen nur lein leichtes Gepäck von Kenntnissen daraus mit; andere, die den vollständigen Elementarzyklus absolviert haben, vergessen bald die in der Schule erhaltenen Weisungen. Der W'ert der Abendkurse für die einen wie für die anderen braucht nicht erst bewiesen zu werden. In welcher Gestalt soll nun diesen Kategorien von Hörern oder Arbeitern der Unterficht erteilt werden? Die Verhältnisse in den verschiedenen Städten und Gegenden sind zu verschiedenartig, als daß man für alle ein gleichmäßiges Programm aufstellen könnte. Die Organisatoren werden sich deshalb an jedem Ort nach den besonderen Bedürfnissen richten müssen. Der leitende Gedanke, der nach unserer Meinung bei der Wahl der Lehrgegenstände vorzuherrschen hat, muß der sein, daß die Abendkurse nicht eine Fortsetzung der Schule vorsteilen dürfen. Sie haben einen praktischeren Zweck: sie sollen den Hörern die Möglichkeit geben, ihr Handwerk oder ihren Beruf mit größerer Intelligenz und mit besserem Nutzen auszuüben; der Unterricht soll also hauptsächlich auf kaufmännisches Rechnen und Korrespondenz, auf die wirtschaftliche Geographie der Gegend (bei Handwerkern auf Zeichnen) und nach Bedarf auf die Kenntnis der am meisten nützlichen Sprache Gewicht legen. Geeignete Vorlesungen werden das Gelernte vervollständigen. Vorträge. An diese Lehrkurse knüpft sich die Einrichtung von öffentlichen Vorträgen, die in manchen Städten bereits eingeführt sind und die neues Leben in die Gemeinden bringen. Wir brauchen nicht auf den großen Wert hinzuweisen, den diese Vorträge für die Bevölkerung haben, wir wollen nur die Anregung dazu geben, daß diese Einrichtung allgemein eingeführt werde. Ueberall werden Sie ein paar wohlgesinnte Männer finden, die Ihnen ihr Wissen und ihren Beistand zur Verfügung stellen. Ein oder zwei Vorträge monatlich, während der guten Jahreszeit gehalten, werden dazu ausreichen, den Geist des jüdischen Publikums aufzurütteln und wach zu halten. Die Wahl der zu behandelnden Gegenstände ist unbegrenzt. Der Vortragende kann ganz nach Wunsch die Landessprache benutzen; es ist durchaus nicht nötig, daß er sich der französischen Sprache bedient, wenn diese ihm nicht sehr vertraut ist oder wenn das Auditorium die Landessprache vorzieht oder besser versteht. Bibliotheken und Klubs. Mit der Einrichtung der Kurse und Vorträge, die den Grundstock des Fortbildungswerks bedeuten, ist die Begründung einer Bibliothek verbunden. Selbstverständlich stehen die in unseren Schulen vorhandenen Bibliotheken unseren vormaligen Schülern und selbst Fremden zur Verfügung, aber die Bestimmung dieser Bibliotheken begrenzt die Auswahl der für sie^ angeschafften Bücher. Viele 'erwachsene'Leser würden gern Werke kennen Temen, die dort nicht vorhanden sind, und Zeitungen oder Zeitschriften lesen, die in Frankreich, Deutschland bder England erscheinen, deshalb wäre es von großem Interesse, diesen wissensdurstigen Geistern solide und lehrreiche Lektüre zu verschaffen. Wer von Ihnen in Konstantinopel, Saloniki oder Tanger gewesen ist, weiß, daß die „Vereine «ehemaliger Schüler" in diesen Städten Klubs gegründet haben, in denen die Mitglieder Bücher, Zeitungen und Zeitschriften und ein zweites Familienheim finden.

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