Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1914)
- Article
- Jüdische Spuren im mittelalterlichen Zentralasien
- Date
- 1914-02-01
- Page
- Seite 133 - 134 (sequence 2)
- Language
- German
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133 Direktor Dr. S. Feist: Jüdische Spuren im mittelalterlichen Zentralasien. 134 arbeiten. Leider hat sich Dr. Huth infolge des mörderischen Klimas den Todeskeim geholt und starb bereits im Jahre 1906. Bald erschienen auch andere Nationen auf dem Plan und sandten Expeditionen nach der neu erschlossenen Fundstätte aus, die Japaner und Franzosen in erster Linie. Auch von Deutschland wurde im Jahre 1904 eine neue Expedition ausgerüstet, bei der an Stelle des erkrankten und bald verstorbenen Dr. Huth Prof. von Le Coq mitwirkte. Die Ergebnisse waren diesmal besonders bedeutungsvoll, da man außer zahlreichen Manuskripten auch große Wandgemälde aus verlassenen Höhlentempeln bei Turfan mitbringen konnte, die jetzt im Museum für Völkerkunde in einem eigens dazu hergerichteten Raum aufgestellt sind. Die umfänglichsten Funde von Manuskripten aber glückten dem schon genannten anglo-indischen Forscher Sir Aurel Steh und dem französischen Sinologen Pelliot, die nicht weit von Tun-Huang in der chinesischen Provinz Kansu an der äußersten Ostgrenze Turkestans in den sog. Grotten der 1000 Buddhas eine vermauerte Bibliothek fanden, die die Mönche der dortigen Klöster bei ihrer Flucht vor neunhundert Jahren auf diese Art vor der Zerstörungswut der türkischen und kirgisischen Horden gerettet hatten. Die von den verschiedenen Missionen heimgebrachten Manuskripte befinden sich in Berlin, Paris, London, Petersburg, Peking und Kioto. Ueberau ist ein Stamm von Gelehrten damit beschäftigt, sie zu entziffern, zu übersetzen und herauszugeben. Nicht weniger als 15 Sprachen sind in den aufgefundenen Manuskripten vertreten, darunter verschiedene heute ausgestorbene Sprachen, wie das Tocharische, Sogdische, Nordarische, oder ältere Stufen noch lebender Idiome, des Türkischen, Persischen, Syrischen, Chinesischen usw.1) Als Kuriosität sei erwähnt, daß Sir Aurel Stein aus Dundan Uiliq einen Geschäftsbrief in persischer Sprache mitbrachte, der in hebräischer Quadratschrift, also offenbar von einem Juden geschrieben ist. Wie die meisten der aufgefundenen Manuskripte älter als das Jahr 1000 n. Chr. sind, so wird auch dieser Brief von Dr. Margoliouth um das Jahr 718 angesetzt. Der interessanteste jüdische Fund aber, der uns jetzt des Näheren beschäftigen soll, glückte dem französischen Gelehrten Pelliot, der in der vermauerten Bibliothek bei Tun-Huang ein Blatt auffand, das in schöner hebräischer Quadratschrift geschrieben ist. Die fünf ersten Zeilen lauten unter Verbesserung der Fehler der Handschrift folgendermaßen: Textprobe. .... N^n pya na 1) «3 Vin \V -JlfDD hü KUHS 13[pj'| 2) rn mo h? Snsrn ratn nn«ri 3) n?n w?n UV*? sa nho man untam 4) c22n r.*nrp nwon üwn -pv nnt 5) a) Die bisherigen Ergebnisse der Forschung habe ich in einem Artikel „Die in "Zentralasien aufgefundenen Handschriftenreste und ihre Erschließung" jüngst in der «Ostasiatischen Zeitschrift" (Bd. 2, Heft 3) zusammengestellt. , Übersetzung. 1) Unklarer Sinn (. . . von der Sünde wende dein Auge?). 2) Reinige uns von der Sünde. Wer ist, o Gott, wie Du; der die Schuld wegnimmt? Beachte doch 3) diesen Rest und verzeihe diesen Abfall. 4) Verachte unser Loblied nicht, vergib doch die Sünde diesem Volk. 5) Sammle die Zerstreuten deines Volkes, tilge die Sünden Judas etc. etc. Das Blatt wurde von Philippe Berger am 1. Juli 1910 in einer Sitzung der Pariser Academie des Inscriptions et Belies Lettres vorgelegt. Der einstige Besitzer hatte es in der Mitte zusammengefaltet, offenbar um es bequemer in die Tasche oder in den Gürtel stecken zu können. Infolge des Bruchs ist die mittelste Zeile des 18 beschriebene Reihen umfassenden Manuskripts ziemlich zerstört, auch die erste Zeile ist nicht ganz erhalten. Der Inhalt ist eine Art Selicha oder Bußgebet, das aus Psalmen- und Prophetenstellen zusammengesetzt ist. Er bietet also an sich wenig Interesse und die Dichtung selbst ist ein recht mäßiges Fabrikat. Um so interessanter aber ist die Form der Schrift und die über den Buchstaben an einzelnen Stellen angebrachte, noch recht rudimentäre Vokalbezeichnung. Da die Vermauerung der Bibliothek kurz nach dem Jahre 1000 zur Zeit der Einfälle der Hsihsia in China stattgefunden hat, wie aus der Zeitstellung der aufgefundenen und datierten Manuskripte hervorgeht, so beansprucht das unscheinbare Blatt schon durch das Alter unsere Aufmerksamkeit. Wenn es auch vielleicht nicht, wie der Herausgeber M. Schwab1) glauben möchte, das älteste hebräische Manuskript ist, so gehört es doch sicher zu den frühesten, die uns erhalten sind. Doch befindet sich außer einem Papyrus in Oxford (Bibliotheca Bodleiana) auch im alten Berliner Museum neben anderen hebräischen Fragmenten ein gleich jenem aus dem 8. Jahrhundert stammendes Papyrusblatt ähnlichen Inhalts, das im Jahre 1903 von Moritz Steinschneider herausgegeben wurde. Aelter dürfte das in Tun- Huang aufgefundene Manuskript auch nicht sein. Aber hebräische Handschriften aus so früher Zeit gehören ja überhaupt zu den größten Seltenheiten. Zwar hat S. Schechter unter den aus der Geniza in Kairo stammenden Manuskripten eines (Fragments of a Zadokite Work) veröffentlicht, das angeblich aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. stammen soll; aber die neuere Forschung hat sein Alter bedeutend herabgesetzt und stellt es ebenfalls in das letzte Drittel des 1. Jahrtausends2). Die Buchstabenformen des Blattes aus Tun- Huang sind die altertümlichsten, die wir bis jetzt in Handschriften kennen. Sie erinnern noch sehr an das phönizische Vorbild des hebräischen Alphabets und stehen jedenfalls vor den Buchstabentypen des ältesten bekannten hebräischen Manuskripts, des Codex Babylonicus in St. Petersburg, der das Datum 916 n. Chr. trägt. Außerordentlich altertümlich ist auch die spärliche Vokalisation, die sich nicht, wie heute üblich, unter den Konsonanten, J) Journal asiatique, 1913, S. 139 ff.: Le plus ancien manuscrit hebreu. -) Büchler, Jewish Quarterly Review, 1913, S. 429 ff.