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Ost und West · 1914-02-01 · Heft 2 (Februar 1914) · p. Seite 123 - 124

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 2 (Februar 1914)
Article
Die Glanzzeit des osmanischen Reiches
Date
1914-02-01
Page
Seite 123 - 124 (sequence 4)
Language
German
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123 Dr. Simon Bernfeld: Die Glanzzeit des osmanischen Reiches. 124 und systematischer Kopf an ihrem mystischen Treiben nicht beteiligte. Josef Karo besass ein erstaunliches Wissen und beherrschte den stark angewachsenen talmudischen Stoff mit seltener Klarheit und Meisterschaft. Er verfasste das umfangreiche, in der talmudischen Literatur bedeutsame Werk „Beth Josef" und den Quellennachweis zu dem grossen Religonskodex ..Mischne Thora" des Maimonides. Die zuletzt genannte Arbeit „Kesef Mischne" ist als eine überaus verdienstvolle zu bezeichnen, da an demmaimunischen Religionskodex der Mangel eines Quellennachweises, der von Maimonides selber sehr beklagt wurde, stark vermisst wurde. Am meisten ist Josef Karo in weiten Kreisen durch seinen „Schulchan Aruch" bekannt geworden, der im Laufe der Zeit in der Judenheit zu grosser Autorität gelangt ist. Karo selbst hat niemals daran gedacht, dem Schulohan-Aruch eine solche Autorität beizumessen, vielmehr betonte er ausdrücklich in der Vorrede zu diesem Werke, dass er es als Kompendium für Schüler verfasst habe. Damit sind auch die Vorwürfe zurückzuweisen, die man in neuerer Zeit gegen ihn und sein Werk erheben zu dürfen glaubte: er hätte das Judentum in Fesseln zu schlagen unternommen und dessen Lehren im „Schulchan-Amch" für alle Zeiten festgelegt. Daran hat dieser bescheidene Gelehrte nie gedacht; immerhin aber ist dieses Werk ein Muster an Klarheit und Systematik, und es ist kein geringes Verdienst Karos, dass er sich in seinem Kompendium von jedem EinfJuss der Kabbaia und des kabbalistischen Aberglaubens fern zu halten wusste. Die Sprache des Luches ist einfach und von seltener Präzision, so dass ihm eigentlich ein Platz in der Geschichte der hebräischen Literatur gebührt. Diesem Manne ist in der Geschichte ein grosses Unrecht zugefügt worden. Lange nach seinem Tode erschien eine seichte kabbalistische Schrift .JNlaggid mescharim", die wahrscheinlich Salomo al Kabez zum Verfasser hatte, aber als ein Werk Karos ausgegeben wurde. Lncl obwohl David Gassei (vor ihm noch Kapoport in einem Privatbrief) im Jahre 1888 den klaren Nachweis führte, dass Karo mit jenem abgeschmackten Machwerk nichts zu tun hatte, leidet das Ansehen dieses grossen Mannes noch immer unter der angeblichen Autorschaft jener Schrift. Ebenso hat man Karo die Verketzerung des berühmten kritischen Werkes ,,Meor enajim" des Asarja dei Rossi zugeschrieben; er soll sie vor seinem Tode angeordnet haben. Zunz hat mit Recht diese Behauptung als unbegründet zurückgewiesen. Jakob Bcab hat Josef Karo die erste Ordination erteilt. Aber in Jerusalem wurde dies übel aufgenommen; man erblickte darin eine Zurücksetzung der altehrwürdigen Stadt, die hinter Safet an Bedeutung zurücktreten sollte. Am heftigsten aber kämpfte L e vi b e n G h a b i b , der bekannte Verfasser des ,,En Jakob''", gegen diese Neuerung an. Der Kampf für und gegen die Wiederherstellung der Ordination nahm in der Folge einen erbitterten persönlichen Charakter an. In der Sache aber muss man Levi ben Chabib durchaus recht geben. Das Judentum hatte sich im Laufe der Zeit autonom entwickelt und von jedem Autoritätsglauben befreit. Man hatte sich in der Judenheit gewöhnt, in strittigen Dingen nicht danach zu fragen, wer etwas gesagt hat, sondern was gesagt wurde, und womit es begründet werden konnte. Bei aller Verehrung für das heilige Land hätte man sich in der Judenheit nicht, mehr dazu entschliessen können, etwas für richtig zu halten, weil es jemand in Palästina gelehrt hat. Die Autorität des Judentums ist die Forschung, und von w e m die Wahrheit durch freie Forschung gefunden wird, kommt garnicht in Betracht. So scheiterte der Plan, eine Organisation, geistiger oder politischer Natur, für die Judenheit in Palästina zu schaffen. Es Jag dies auch im Wesen der spanischportugiesischen Judenheit, in ihrer Unverträglichkeit und in ihrer Streitsucht. An diesem Uebel litten die spanischen und portugiesischen Juden seit Jahrhunderten in ihrer alten Heimat, und vieles Ungemach, das später über sie hereinbrach« entstammte dieser Quelle. Auch in ihrer neuen Heimat konnten sie sich von diesem Laster nicht befreien. Kaum hatten sie im türkischen Reich sicheren Boden unter den Füssen, und in allen spanisch-portugiesischen Gemeinden des Orients herrschten Hader und Streit, die noch viel schlimmere Dinge zur Folge hatten. Obwohl die türkische Regierung den Juden, wie allen nicht islamitischen Glaubensgemeinschaften, eine weitgehende Autonomie eingeräumt hatte, und die Gemeinden unter das Obcrrabbinat von Konstantinopel stellte, gerieten sie doch bald in Verfall. Was sie an Kulturschätzen aus der früheren Heimat mitgenommen hatten, ging ihnen rasch auf fremdem Boden verloren. Nur ihre innere Zersplitterung ist ihnen geblieben. Unter dem Verfall, der im osmanischen Reich seit der zurückgeschlagenen Belagerung von Wien (1683) eingetreten ist, haben auch die spanischen und portugiesischen Gemeinden im Orient viel gelitten. Eine nach der andern verlor nach ihrer Loslösung vom türkischen Reich ihre Bedeutung. In absehbarer Zeit wird eine solche günstige Gelegenheit, in und um Palästina grosse jüdische Gemeinden zu konzentrieren, wohl schwerlich wiederkehren. Und in der Tat hat die jüdische Bevölkerung in Palästina in der letzten Zeit weniger durch die Einwanderung aus den türkischen Provinzen, als chn'eh eine solche aus Russland und Polen eine starke Vermehrung erfahren. Infolgedessen hat die jüdische Ansiedlung im heiligen Lande einen wesentlich andern Charakter angenommen. Haben sich die spanischen Juden in der Türkei, die sich früher als Francos, d. h. Abendländer, bezeichneten, im Laufe der Zeit im Orient völlig akklimatisiert, so ist jetzt zu hoffen, dass die neue jüdische Ansiedlung in Palästina ihr abendländisches Wesen nicht einbüssen wird.

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