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Ost und West · 1914-02-01 · Heft 2 (Februar 1914) · p. Seite 119 - 120

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Journal
Ost und West
Volume
14 (1914)
Issue
Heft 2 (Februar 1914)
Article
Die Glanzzeit des osmanischen Reiches
Date
1914-02-01
Page
Seite 119 - 120 (sequence 2)
Language
German
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119 Dr. Simon Bernfeld: Die Glanzzeit des osmanischen Reiches. 120 befand, verhinderte eine allgemeine und umfassende Massregel gegen die Juden. Es liegt darin etwas von geschichtlichem Humor, dass beispielsweise die Juden aus Nürnberg, die um jene Zeit die Stadt verlassen mussten,in dem nahe gelegenen Fürth Aufnahme fanden. Aber die ewigen Plackereien, die die Juden in Deutschland infolge der Ueberhandnahme des städtischen Zunftwesens und der eingetretenen Machtlosigkeit der deutschen Kaiser fortwährend zu erdulden hatten, machten ihnen den Aufenthalt in diesem Reiche unerträglich. Sie richteten daher ihren Blick auf Polen, wo neben dem Adel und dem Bauernstand das städtische Bürgertum fehlte. Sie fanden in diesem Reiche eine freundliche Aufnahme, Sicherheit für Leben und Vermögen und Handelsfreiheit, in erster Reihe aber — was den Juden stets das wichtigste war — freie Religionsübung. Wie in der Türkei konzentrierten sich auch in Polen grosse jüdische Gemeinden, die sich in behaglichem Wohlstände befanden und in denen das geistige Leben frisch pulsierte. Da die Einwanderung aus Deutschland immer mehr zunahm, so gewann das deutsche Element in den jüdischen Gemeinden Polens die Oberhand. Nach und nach wurden die polnische und die kleinrussische Sprache aus den Gemeinden verdrängt und durch die deutsche ersetzt. So fasste zum Beispiel die jüdische Gemeinde in Krakau in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts den Beschluss, dass fortab die Bibel in den Schulen nur in deutscher Uebersetzung and nicht mehr in polnischer, zu unterichten sei. Die spanisch-portugie ischen Einwanderer hatten die Gemeinden in dem weiten türkischen Reich romanisiert und die deutschen Einwanderer die slawischen Gemeinden in Polen und dessen Provinzen germanisiert. In diesen beiden mächtigen Staaten befand sich somit der Grundstock der Judenheit und der Gedanke lag nah. die glückliche Lage der jüdischen Gemeinden in politischer wie in wirtschaftlicher Beziehung zur Schaffung einer Organisation zj benutzen, die sich mit der legalen Vertretung der religiösen und kulturellen Interessen des jüdischen Volkes befassen sollte. Jene Zeit hatte grosse Aehnlichkeit mit einer früheren Epoche in der Geschichte der Juden, als sich in Palästina und in Babylonien grosse jüdische Ansiedlungen befanden, und von diesen beiden Ländern aus die ganze Judenheit geistig beherrscht wurde. In der Tat hatten im Ki. Jahrhundert ausser den Gemeinden in dei Türkei und in Polen, die andern in Deutschland, Oesterreich und selbst in Italien kaum noch hervorragende Bedeutung. Die spanisch-portugiesischen Juden in der Türkei hatten bald ihre Leiden in ihrer ehemaligen Heimat vergessen und sie wurden an diese hin und wieder nur durch die traurigen Nachrichten von den Verfolgungen ihrer unter der Maske des Christentums zurückgebliebenen Glaubensgenossen erinnert. Es ist daher nicht zu verwundern, dass manche hochgestimmte Juden von dem Anbruch einer neuen glücklichen Zeit für das jüdische Volk träumten und messianische Erwartungen hegten. Wie im Zeitalter Serubabels, der die babylonischen Exulanten nach Judäa zurückgeführt hatte, um in Jerusalem den zerstörten Tempel wieder aufzubauen, so konnte ja auch in der eisten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Erneuerung des nationalen Lebens im heiligen Lande erwartet werden. Palästina konnte auch diesmal der geistige und der religiöse Mittelpunkt der Judenheit werden, wie einst unter der persischen Herrschaft. Dass sich auf dem heiligen Boden nur ein kleiner Bruchteil des jüdischen Volkes befand, während die Juden sonst weithin zerstreut lebten, dieser Umstand sprach nicht im mindesten gegen die Wiederbelebung der messianischen Hoffnungen. Man erblickte darin die Wiederholung jener Zustände, die während des Bestandes des zweiten Tempels im jüdischen Volke herrschten. An sich waren diese Gedanken durchaus richtig und wenn man damals praktisch das Ziel verfolgt hätte, die Gemeinden im türkischen Reich durch eine feste Organisation, deren Zentrum in Palästina zu gründen wäre, zu vereinigen, wäre dies für die geschichtliche Entwicklung von unberechenbaren Folgen gewesen. Denn zweifellos hätte sich dann die ganze Judenheit der Autorität dieser Organisation freiwillig untergeordnet, zumal der Schutz des mächtigen osmanischen Reiches tatsächlich auch den Juden in andern Staaten zugute kommen konnte. Man weiss, wie zum Beispiel der Papst Paul IV. durch eine Drohung der türkischen Regierung genötigt wurde, jene Marranen, die türkische Staatsangehörige waren, vom Papst aber in Ancona gefangen gehalten wurden, freizugeben. In der Folge kam es häufig vor, dass Juden sich unter türkischen Schutz stellten, und so unangefochten in verschiedenen europäischen Staaten leben konnten, wto ihnen sonst der Aufenthalt „gesetzlich" verboten war. Dass aber diese überaus glückliche Zeit ohne bleibende Folgen vorübergegangen ist, lässt sich bloss durch die geistige Verfassung erklären, in der sich damals das jüdische Volk befand. Man träumte zwrar von der Wiederherstellung Israels auf dem heiligen Boden, aber man setzte alle Hoffnungen auf ein erwartetes Wunder, auf die Verwirklichung der messianischen Verheissungen durch übernatürliche Vorgänge und Geschehnisse. Zu keiner Zeit spukte so sehr die Kabbala in den Köpfen der orientalischen Juden, wie in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Man dachte in erster Reihe an das Reich Gottes, das durch geheimnisvolle kabbalistische Formeln gegründet werden sollte, und von diesem Reiche Gottes erwartete man auch die Wiederkehr des messianischen Reiches. Der Mittelpunkt dieser messianischen Schwärmerei war die palästinische Stadt Safet. wo eine grosse Zahl von Kabbalisten lebte und träumte. Ueber diese Schwärmerei wurde jeder praktischer Versuch vergessen und vernachlässigt; in dem türkischen Staat unter den günstigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen für das jüdsche Volk etwras Greifbares und Bleibendes zu schaffen. Man erwartete alles von oben, von irgend einem Wunder, das allerdings durch kabbalistisches Hineindringen in die göttlichen Sphären, durch eine mystische Vertiefung in das Wesen Gottes herbeigeführt werden sollte. Aus dieser mystisch-nationalen Stimmung heraus, in der Erwartung des herannahenden messianischen Reiches, dichtete der Kabbaiist Salomo a 1 Kabez das bekannteBegrüssung^lied des Sabbat: „L'cha dodi'\ das bald in die Lithurgie aller jüdischen Gemeinden

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