Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1914)
- Article
- Ein Cagliostro-Drama
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 57 - 58 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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57 Felix Stössinger: Ein Cagliostro-Drama. 58 die Gräfin Lamotte) schwindelt vom Wunsche der Königin etwas vor, die das Halsband besitzen will, und lockt durch Cagliostro Rohan an sich. Cagliostro ist natürlich bereit, zu helfen. Er zeichnet die Königin in einer Rohan günstigen Situation und schiebt dieses Blatt in eine Glaskugel, aus der er prophezeien lässt. Abends ist bei Rohan ein Fest, seine Nichte Denise blickt ins Glas, spricht, was sie sieht und macht dadurch Rohan sicher, und entschlossen, zu handeln. In der nächsten Szene sind wir bei Graf und Gräfin Lamotte, einem mit unbändiger Kraft gezeichneten Lumpenpaar. Der Graf fälscht einen Brief der Königin, Rohan kommt, sieht den Brief, schiesst Geld vor, entwirft den Kaufvertrag, und geht in der Hoffnung weg, die Königin zu sehen. Nun kommt Nicole, eine reizende Kokotte, die der Königin ähnelt, und abgerichtet wird, im Park von Versailles die Rolle der Königin zu spielen. Das geschieht, Rohan erhält von dem Mädchen den Kaufvertrag mit einer gefälschten Unterschritt und geht nun gleich zu den Juwelieren, das Halsband zu kaufen. Er bringt es der Gräfin Lamotte, empfängt von ihr die Versicherung, am Namenstag der Königin, wenn diese den Schmuck anlegen wird., vor den Thron gelassen zu werden, und geht beglückt ab. Nun hat die Lamotte gewonnen, der Schmuck wird in einer aufregenden Szene, einer der ausserordentlichsten des Stückes, zerrissen, und der Graf fährt nach England und Holland, die Steine zu verkaufen. Am Namenstag der Königin kommen die Juweliere zur Gratulationskour, danken für den heimlichen Kaufvertrag und verraten dadurch alles. Rohan wird vorgerufen und verhaftet, die Lamotte, wie wir später hören, gebrannt und gepeitscht. Das alles, was ich hier erzähle, ist szenisch dargestellt, man soll und wird es von der Bühne aus sehen, und so hat es die stärkste Wirkung. Fast in allen Szenen, mit den Helden der Halsbandgeschichte und allein, tritt Cagliostro auf. Die Nichte Rohans ist seine Geliebte geworden, er bestimmt sie, als Isis in der Loge zu erscheinen, seine Frau aber, auch eine verbrecherische, dabei leidenschaftlich liebende Natur, stürzt während der Erscheinung auf die Bühne und entlarvt die Göttin als Mensch. Denise stirbt, und Cagliostro, der sie wahrhaft geliebt hat, sieht an ihrer Leiche, mit der er einen wunderschönen Monolog spricht, seine Grösse untergehen. Durch die Halsbandgeschicbte ist er in Verruf gekommen, die Schergen sind ihm nach und nun gebts auf und nach Rom. Aber nun hat ihn das Glück verlassen. Sein Stern erblasst und geht unter. Geld fehlt, Gläubiger drängen, und so ist es kein Wunder, dass seine Frau, die den reichen, mächtigen, aber nicht den verarmten, machtlosen Propheten liebt, sich von Lamotte verleiten lässt, ihren Mann zu denunzieren. Vor dem päpstlichen Tribunal verteidigt sich Cagliostro wie ein Genie, aber die Strömung ist gegen ihn, er wird zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt, in dem ihn der Zuhörer im fünften Akt sterben sehen ward. Vom ersten bis zum letzten Wort hat sein Name und seine Person die Szene beherrscht. Man sieht ihn in allen möglichen Situationen, die sein Abenteuerleben ausgefüllt haben. Er wird angebetet und beschimpft, man kniet vor ihm und bewirft ihn mit Kot. er heilt Kranke, hypnotisiert auf offener Szene, ist ein wundervoll zarter Liebhaber, ein brutaler Gatte, er entzückt durch seinen Geist, verblüfft durch Zauberkünste, bannt das päpstliche Tribunal durch seine überlegene Verteidigung und konzentriert schliesslich durch die letzten grossen Szenen, in denen er allein von allen Personen des Stückes übrig geblieben ist, die Aufmerksamkeit auf sich durch die Wahnsinnsszenen vor dem Tode. Ohne Uebertreibung: Die Reihe grosser Figuren für grosse Schauspieler von Hamlet bis zum Kean und Narziss ist hier um eine neue, dichterische vermehrt worden. Philippi erzählt in seinen Memoiren, Matkowsky hätte ausgerufen, gebt mir einen Cagliostro und ich will euch zeigen, wie ich spielen kann. Dieses Drama hätte seinen Wunsch erfüllt. Die literarischen Qualitäten des Dramas sind so gross, dass man vielleicht sagen kann, dieses ist das erste moderne Drama, das ganz ans dem Theater, aus der Bühnenexistenz gewachsen ist. Es ist im üblichen Sinne zweifellos kein Drama. Es hat keinen Konflikt, aus dem das Werk sich löst, sondern es ist ein Stück Leben, in Szenen gebracht, ein dramatisierter Roman, ein Filmdrama, eine bühnenmässige Epik — kurz das, was ja auch einige Shakespearedramen sind, z. B. Heinrich IV., wie schon Goethe bemerk hat. Das, was an dem Drama am höchsten zu bewundern ist, ist die dramaturgische Arbeit und die Menschendarstellung. Welche Fülle an Handlung Nadel auf 103 Seiten verteilt hat, welche Konzentration in jeder Szene, jedem Satze herrscht, ist einfach ein Wunder. Man greife nur irgend eine Szene, besonders aus der ersten Hälfte, heraus, um im kleinen die Arbeit zu erkennen. Dabei war Nadel so selbstlos, von der Fülle dessen, was er dauernd zu sagen hat, nichts an ungeeigneter Stelle herzugeben, sondern jede Zeile mit äusserster Oekenomie hinzusetzten. Jede fördert die Handlung, erklärt die Intriguen und stellt die Menschen dar. Und wie ist nun diese Menschheit gesehen und gestaltet. Bauer und König. Graf und Dirne, der Schwindler und der geniale Dämon Cagliostro. alte Kardinäle. Juden, Arbeiter, ein zartes Mädchen, eine grandiose Verbrecherin — alles lebt, kräftig, blutig, rassig, menschlich, zur Liebe und Bewunderung des Lesers.*) *) Die Buchausgabe dieses" Dramas ist soeben im „Neuen, Deutschen VeiJag~, Lerlin W. 10, erschient!!.