Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1914)
- Article
- Ein Cagliostro-Drama
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 55 - 56 (sequence 2)
- Language
- German
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55 Felix Stössinger: Ein Cagliostro-Drama. 56 Wie viele Wahrsager, Geisterseher, falsche und echte Propheten, war Cagliostro Südländer. Er stammte aus Palermo, hiess eigentlich Balsamo, und seinem Grossvater, der1 Buchhändler war, wird jüdisches Blut zugeschrieben. Ich habe hier einmal die wunderbaren Prophezeiungen von Nostrademus behandelt, einem jüdischen Arzt in Frankreich im 16. Jahrhundert, und dabei auf die Unterschiede zwischen den Fernsehern, die uns als wahr erscheinen, und den offensichtlichen Betrügern hingewiesen. Es ist gar nicht zu bezweifeln, dass Cagliostro zu letzteren gehört. Er führte den unerhörtesten Zauber auf, gründete Logen, in denen er Götter, vor allem den Grosskophtha erscheinen Hess, magnetisierte, weissagte, Hess Mädchen in Glaskugeln die Zukunft sehen, betäubte die Leichtgläubigen, die ja, wie schon gesagt, betrogen werden wollten, durch mystische Zeichen, durch ein wirres Sprechen, durch abenteuerliche Berichte, und da das 18. Jahrhundert noch Mittelalter war (wie der Zukunft auch das 20. Mittelalter sein wird), konnte er erfolgreich behaupten, Mausende Jahre alt, namenlos, adelig und ähnliches mehr zu sein. So hatte er den grössten Erfolg, Houdon goss sein Bild in Gold, man trug ihm die Herzogswürde an and die Geistigen der Zeit zögerten nicht, ihm zu huldigen. Auchin Deutschland glaubte man an ihn, und gute Kenner von Eckermanns Gesprächen mit Goethe, werden vielleicht wissen, dass auch der phantastische Lavater an Cagliostro glaubte, dass aber Goethe selbst ihn dauernd merkwürdig und interessant fand. Es ist also, wie man schon sieht, gar nicht denkbar, dass Cagliostro ein gewöhnlicher, unbedeutender Mensch gewesen war. Mag er ein Genie als Botrüger gewesen sein,er muss auch alsMensch Genie gehabt haben,anders ist seine Weltwirkung nicht zu erklären. Er, der aber auch mit Prophetie die tollsten Streiche trieb, muss irgendwie hellseherische Kräfte, mediumartige Wirkungen in sich gehabt haben, weil anders sein Sieg über die aufgeklärte Vernunft Europas und über die Mystik begehrende Phantastik der Zeit nicht zu erklären wäre. Wie viele Verbrecher, ging auch Cagliostro an einer dummen Kleinigkeit zugrunde. Er beteilgte sich in keineswegs entscheidender" Weise an einem der berühmtesten Verbrechen aller Zeiten und wurde gerade da, als er es am wenigsten verdient hätte, verhaftet. Es war die Halsbandgeschichte, die im Jahre 1785 die Welt erschütterte und vielfach als Anlass zur französischen Bevolution gilt — natürlich nicht als Ursache. Durch sie wurde das Ansehen der Königlichen Familie plötzlich und heftig erchüttert. Wie gewaltig Goethe dieses Ereignis empfand, geht aus vielen Berichten hervor. 'In den Annalen erzählt er, Freunde hätten ihm später gestanden, dass er ihnen damals wie wahnsinnig vorgekommen sei. Und in der ,,Campagne in Frankreich" heisst es, die Halsbandgeschichte ,erschreckte mich wie das Haupt der Gorgone". Goethe Arno Nadel. fasste daher das grösste Interesse für die Person Cagliostros, forschte nach seinem Stammbaum, besuchte seine Mutter, seine Schwester und seine Verwandten in Palermo und liess ihnen aus Deutschland mehrmals Geld zukommen. Schliesslich versuchte er, sich des Stoffes, der ihn so bedrängte, künstlerisch zu erledigen und schrieb, nachdem er erst eine komische Oper daraus machen wollte, den „Gross-Cophtha", ein fünfaktiges Lustspiel, das aber als Ganzes missglückt ist. Cagliostro tritt zwar darin sehr interessant auf, es sind viele Züge fein zusammengesetzt, er lebt sehr wirkungsvoll auf, doch macht "er mehr Effekt als seelischen Eindruck. Die Verarbeitung der Halsbandgeschichte ist ziemlich sorglos, und da der flüchtige Stil des Ganzen dem grossen Vorwurf nicht entspricht, ist in der deutschen Literatur Platz für ein Cagliostro- Drama freigeblieben. Diese Stelle hat nun für längere Zeit das Drama von Arno Nadel eingenommen. Die Wahl des Motives ist für ihn wie für die Zeit sehr charakteristisch. Ein für uns so typischer Dichter wie Hofmannsthal hat nie einen anderen Charakter zu gestalten versucht, als den von Casanova, der von ihm teils bejahend, teils verneinend gesehen wird: immer als Symbol des modernen Menschen gedacht ist. Wenn nun Nadel statt Casanova Cagliostro sagt, meint er vielleichtdasselbe, er ergreift nur die grössere Gestalt, das idealere, reichere Wesen und sieht es nicht als romantisierender, am Leben leidender Dichter, sondern als Geschöpf, als modernen, zerrissenen Menschen, aber doch als handelndes, wirkendes Subjekt. Wie Goethe verbindet er die Cagliostrohandlung mit der Halsbandgeschichte. Da er aber nicht wie Goethe eine Cagliostroepisode gibt, sondern das ganze Leben, wird die Halsbandgeschichte selbst zu einer Episode, zur Nebenhandlung des Dramas. Cagliostro, im Grunde eine undramatische Figur, ist nur in eine unbedeutende Handlung verwickelt. Die Halsbandgeschichte gibt dem Drama einen Inhalt, zerstört aber auch dessen Organismus. Eine absolute Verschmelzung der beiden Handlungen war nicht möglich, da Cagliostro ja nicht wie bei Goethe an ihr zugrunde geht, sondern sie, wie ein angeschossenes Wild, überlebt und noch zwei Akte zam Untergang in Anspruch nimmt. Kurzum, es ist ein Drama, in dem der Held von der Handlung geradezu verdrängt wird, aber trotzdem dauernd im Vordergrund steht, und der Dämon zu sein scheint, in dessen Nähe solche Ungeheuerlichkeiten möglich sind. Cagliostro kommt im pompösen Zug nach Paris, heilt Blinde und Taube und empfängt in seinem Hotel. Da wird ein ohnmächtiges Weib hereingetragen, das etwas von der Königin und dem Diamantenhalsband Böhmers flüstert. Bei Cagliostro weilt gerade Kardinal Ronan, der dem Freunde von seiner unglücklichen Liebe zu Marie Antoinette erzählt hat und den Intriguen, die ihn vom Hof fernhalten. Cagliostro ahnt etwas ihm Günstiges, bittet Rohan, hinauszugehen, die Frau (es ist