Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1914)
- Article
- Nachwort der Redaktion
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 27 - 28 (sequence 2)
- Language
- German
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27 Nachwort der Redaktion. 28 von allen Seiten befehdet werden, plötzlich Juden untereinander einen so heftigen, zu unerhörten Ausschreitungen führenden Kampf beginnen, und es fragt sich unwillkürlich, was denn die Ursache und wer der Urheber des Streites sei. Es scheint im voraus ziemlich unwahrscheinlich, daß in die Lehrer der palästinensischen Schulen des „Hilfsvereins der deutschen Juden" und in die Zöglinge urplötzlich der böse Geist der Auflehnung und der Revolte gefahren sei und sogar die Väter und Mütter angesteckt hätte. Uns einzureden, daß ein paar Agitatoren die sonst so ruhige, besonnene und friedlicher, stiller Arbeit ergebene jüdische Bevölkerung ohne weiteres zum Aufruhr verleiten konnten, so daß der Konsul einer fremden Großmacht die Hilfe der Polizei anrufen mußte, um Schulen und Erziehungsanstalten, die immer den Juden das teuerste und heiligste waren, zu schützen — das heißt denn doch, an unseren naiven Glauben viel zu starke Anforderungen stellen. Wir haben darum Achad Haam in der Frage das Wort erteilt. Keiner ist wohl berufener, in der Sache ein Urteil abzugeben, als dieser Mann, der zu den besten Kennern der Verhältnisse Palästinas gehört, der seit 30 Jahren jeder Arbeit zur Förderung der ökonomischen und kulturellen Lage in diesem Lande seine Kräfte in höchstem Maße lieh, und dessen abgeklärte, ausgeglichene, gereifte Denkweise, sowie dessen tiefe Liebe zum jüdischen Volke und seinen höchsten Gütern über allem Zweifel erhaben sind. Indessen bedürfen die Ausführungen Achad Haams der Ergänzung nach verschiedenen Seiten hin. Was in Palästina geschieht, wurde durch das Vorgehen des Hilfsvereins hervorgerufen, ein Vorgehen, dem die verhängnisvolle, grundfalsche Anschauung als Basis dient, daß diese „armseligen Ostjuden", die aus Rußland, Rumänien oder Galizien kamen, sich in Palästina angesiedelt haben, und denen „wir Westjuden" nun großmütig Hilfe spenden und „Kultur" darbieten, ein entrechteter, willenloser Haufe sind, der demütig und unterwürfig zu „uns" emporblicken soll, keine eigene Meinung und selbständige Bestrebungen haben darf, und nur von uns Weisungen und Belehrungen entgegenzunehmen hat. Nun sind aber die in Betracht kommenden Juden von Palästina keine Schnorrer, die man gleich den Chalukkah- Nehmern von oben herab behandeln darf. Das sind Männer, die hingekommen sind, um ihr Schicksal in ihre eigenen Hände zu nehmen, sie wollen auf dem alten Boden des Väterlandes für sich und ihre Nachkommen eine nationale Zukunft erbauen, sie wollen ein unabhängiges Dasein führen, sie sind der Sklaverei und der Unterdrückung entronnen, um fürder in Freiheit und Unabhängigkeit zu gedeihen. Sie wollen gehört werden bei der Gestaltung ihres Schicksals. Wir sollen ihnen helfen bei der unsagbar schwierigen Arbeit, wir sollen ihnen brüderliche Hand reichen, ihnen von unserem materiellen Ueberfluß und von unseren reicheren kulturellen Mitteln spenden soviel wir können, denn sie arbeiten an einem großen Werk der Zukunft, welches dem Gesamtjudentum zum Heil gedeihen kann. Ihres Danks können wir sicher sein, aber sie wollen nicht regiert und kommandiert werden, am allerwenigsten von Leuten, die fern von ihnen stehen und nur von Zeit zu Zeit auftauchen, mit erhabener Miene sich die Dinge besehen und alles besser wissen. Was ihnen frommt und was ihnen nottut, wissen sie am Ende selber. Wer sie genau kennt und ihre Lage, ihre Hoffnungen und Bedürfnisse erforscht hat, kann ihnen wohl einen guten Rat erteilen, er kann sie vielleicht eine Strecke lang zu ihrem Nutzen leiten, aber ihnen etwas wider ihren Willen aufzudrängen, sie in gewisse Bahnen zu zwingen, das darf keiner wagen. Das sind keine Parias mehr, keine Bettler, die von der Gnade der Almosenspender leben. Es ist eine Vermessenheit, auf die Höhe der Geldsummen zu pochen, die man ihnen angeblich „aus eigener Tasche" geschenkt hat, und daraus das Recht herzuleiten, sie am Gängelbande zu führen. In dem vorliegenden Falle trifft nicht einmal das zu. Denn die Summen, aus denen sich die Fonds des Technikums zusammensetzen, stammen nur zu einem verschwindend geringen Teil vom „Hilfsverein der deutschen Juden". Sie sind hauptsächlich von russischen und amerikanischen Juden aufgebracht und dem Hilfsverein auch nur unter der ausdrücklichen, von Herrn Jacob Schiff, New York, gestellten Bedingung überwiesen worden, daß sie nicht einen Bestandteil der allgemeinen Fonds dieses Vereins bilden, sondern ausschließlich den Zwecken des jüdischen Instituts für technische Erziehung in Haifa dienen sollen. Folgende Ziffern beweisen das. Es haben für das Technikum in Haifa gespendet: Herr Wissotzkv in Moskau 430 000 M., Herr Schiff in New York 420 000 M., Herr Rosenwald in Chicago 20 000 M., Herr Karpas in Jekaterinoslaw 10 000 M., zusammen also 880 000 Mark. Dieser Summe steht die Spende des Herrn Dr. James Simon von 100 000 M. gegenüber, ferner Erträgnisse von etwa 13 000 Mark aus der Cohn-Oppenheimschen Stiftung. An Stipendien wurden gestiftet: 10 ä 1000 M. für zehn Jahre von Herrn Rosenwald in Chicago, 15 ä 1000 M. von den amerikanischen B'nei