Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 14 (1914)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1914)
- Article
- Zur Sprachenfrage an den jüdischen Schulen Palästinas
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 21 - 22 (sequence 2)
- Language
- German
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21 Achad Haim: Zur Sprachenfrage an den jüdischen Schulen Palästinas. 22 geht, insofern er es treu und redlich mit seinem Volke meint und dessen Lage in der Gegenwart begreift, einerlei, ob er dem Parteizionismus sympathisch oder antipathisch gegenübersteht. Ueber den Gegensatz zwischen „Zionisten" und „Assimilatoren" wird seit einigen Jahren so viel debattiert, daß wir beinah vergessen haben, daß beide Parteien nur zwei Minoritäten darstellen, die an den entgegengesetzten Extremen stehen. Minoritäten, die wissen oder zu wissen glauben, wohin sie unser Volk führen: die einen zu einem vollen und uneingeschränkten nationalen Dasein, die anderen zu einem vollständigen Verschwinden, durch das restlose Aufgehen in der umgebenden Völkerwelt. Indessen, zwischen diesen beiden Minoritäten steht die Majorität, die große Menge der einfachen Leute und der Aufgeklärten, die im tiefsten Innern ihrem Volke treu anhangen und seinen Fortbestand begehren, aber vom Strom des Lebens mehr und mehr, ohne Wissen und Willen, fortgerissen, dem Abgrund der Assimilation zutreiben und nicht wissen, an was sie sich klammern sollen, um sich und die ihrigen vor der Flut zu bergen. Die, Thora gerät in Vergessenheit, die Kraft der Religion wird erschüttert, die Vätersitten schwinden immer mehr, das Leben wird jedes jüdischen Inhaltes bar, die Eltern sehen zu, wie ihre Nachkommen sich von ihrem Volk entfernen, und sie können nichts dagegen ausrichten, verzagten Herzens wenden sie sich von dieser ganzen „leidigen Angelegenheit" ab und tauchen im Leben des Alltags unter. Die Besseren unter ihnen bemühen sich, ihre Herzensbedürfnisse durch „soziale" jüdische Arbeit zu beschwichtigen, durch Wirksamkeit in lokalen oder allgemeinen Wohltätigkeitsinstitutionen, wohl wissend, daß die Flut immer mehr anschwillt, daß diese ihre Arbeit ihr Volk nicht retten wird. Aber sie sagen sich: zunächst wollen wir wenigstens unsere seelischen Bedürfnisse befriedigen, und — apres nous le d eluge! Solche Juden — Juden schlechthin, ohne Programm —, diese sind es, denen die Auflebung der hebräischen Sprache und Kultur in Palästina zum Lebenselixier werden, das ihren verzagenden oeist aufrichten, das Vertrauen in die Zukunft ihres Volkes kräftigen kann. Mitten aus der Zersetzung und dem Niedergang rings um ihn her blickt der Jude auf und sieht plötzlich dort, im verlassenen Väterlande, das er fast schon ganz vergessen hat, den Geist Israels zu neuem Leben erwachen-, die alte Sprache seines Volkes lebt wieder auf und verwebt sich wieder mit dem Leben des Volkes, neuartige Juden, wie sie in der Diaspora nicht ihresgleichen haben, Juden der Sprache, der Bildung, der Bestrebungen und der ganzen Geistesrichtung nach werden in den dortigen hebräischen Schulen herangebildet, und von Jahr zu Jahr wächst ihre Zahljund immer mutiger halten sie die Fahne der hebräischen Kultur hoch. Beim Anblick dieser überwältigenden Erscheinung erbebt das Herz des Golusjüden, sein uralter Glaube an die Unvergänglichkeit des Judentums kehrt wieder. Es wäre aber ein großer Irrtum, zu meinen, daß, sobald in einem solchen Juden die Liebe zu unserer Arbeit in Palästina sich regt, er sofort zu den Zionisten seines Wohnortes hinläuft, einen „Schekel" erlegt und ein Parteimann wird, der hochtrabende Reden über „politische" Fragen der fernen Zukunft hält. Jetzt schon gibt es sehr zahlreiche Juden, die dieser Arbeit von ganzem Herzen Liebe widmen, ohne danach zu fragen, ob Palästina jemals ein Judenstaat werden kann im zionistischen Sinne — oder gar auf diese Frage nur eine negative Antwort haben. Die einzige Frage, die sie beschäftigt, ist, ob von Zion der „Geist" kommen werde, um den verdorrenden Knochen in der Diaspora neues Leben einzuhauchen. Und je mehr die Wiedergeburt in Palästina fortschreitet, desto mehr wächst die Neigung, die gedachte Frage mit Ja zu beantworten. Es liegt also nahe, daß hier der Punkt zu suchen ist, um den herum die besten Elemente unseres Volkes sich kristallisieren, in dem sie den festen Pol finden werden, dessen Mangel so fühlbar ist, um der Flut der Assimilation, die uns zu verschlingen droht, zu entrinnen. Vielleicht ziemt es sich, hier der Rede zu gedenken, die vor kurzem einer der hervorragendsten Juden Englands, Mitglied des Unterhauses und Professor an der Londoner Universität, Sir Philip Magnus, auf einer Versammlung zionistischer Studenten gehalten hat, auf der die Gründung einer hebräischen Universität in Jerusalem erörtert wurde. Der Redner begann mit der Erklärung, daß er zum ersten Male eine zionistische Versammlung besuche, da er seit jeher ein Gegner des politischen Elements im Zionismus gewesen sei; noch vor Gründung der zionistischen Organisation, im Jahre 1891 habe er einen Artikel gegen die politischen Bestrebungen geschrieben, die unter den damaligen „Chovave Zion" hervortraten. Erstens weil der Patriotismus keine Halbierung vertrage, nicht mit der einen Hälfte im Vaterlande, mit der andern in Palästina weilen könne. Zweitens hätten die Juden eine „Mission" in der Zerstreuung zu erfüllen; das Bestreben, nach Palästina zurückzukehren, laufe aber dieser Mission zuwider — und noch andere allgemein bekannte Einwände dieser Art. Warum also sei er nun zu dieser Versammlung gekommen? — Weil er, wenn er auch dem Zionismus als einer politischen Bestrebung keine Sympathie entgegenbringen könne, doch die große Bedeutung der hebräischen Kulturarbeit anerkenne und sich über die Auflebung der hebräischen Sprache in Palästina und ihre Vorherrschaft in den dortigen Schulen freue. Der Fortbestand des Judentums in der Zerstreuung sei in der Tat bedroht, und die bürgerliche Assimilation könnte am Ende ein vollständiges Aufgehen des jüdischen Volkes in die Umwelt zur Folge haben. Darum brauchen wir ein „kulturelles Zentrum", welches eine Anziehung auf die Juden, insbesondere auf die jüdische Jugend aller Länder ausübe und sie im Geiste vereinige. Der natürliche Standort eines solchen Zentrums aber sei selbstverständlich Palästina. — An diesem Beispiel können wir am besten ersehen, wie weit der Einfluß der Kulturarbeit in Palästina reicht, so daß