Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1910)
- Article
- Leopold Stein
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 823 - 824 (sequence 2)
- Language
- German
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823 Dr. Seligmann (Frankfurt): Leopold Stein. 824 philosoph, ob er Leitartikel schreibt oder Gebete verfasst, nirgends verleugnet er den Dichter. Zahllos sind seine in Zeitschriften, Jahrbüchern, Kalendern verstreuten oder pietätvoll in der Familie aufbewahrten Gedichte; sie sind zum Teil von tiefergreifender Schönheit. Drei Dramen: „Die Hasmonäer", „Der Knabenraub zu Carpentras" und „Haus Ehrlich" zeugen von grosser poetischer Gestaltungskraft. Die „Hasmonäer" wurden in Mannheim im Jahre 1859 mit durchschlagendem Erfolge aufgeführt. Selbst sein grosser Gegner Samson Raphael Hirsch kann nicht umhin, ihm die Palme des Dichters zu reichen, wenn er in den „ersten Mitteilungen aus Naphtalis Briefwechsel" von ihm schmibt: „Wenn ich nicht irre, begrüssen wir hier den lieblichen Sänger der ,Stufengesänge'. Und wahrlich, mit viel freudigerem Herzen möchten wir dem Dichter einen Huldigungskranz freundlich duftender Veilchen um die Stirne winden, als ihm kritische Dornen zum Dornenkranze reichen." Mit den 1834 erschienenen „Stufengesängen" begann, mit den nach seinem Tod 1885 herausgegebenen „Morgenländischen Bildern in abendländischem Rahmen" schloss Leopold Steins schriftstellerische Laufbalm. So kehrt der Greis am Abend seines Lobens zu der Liebe seiner Jugend zurück. Dazwischen aber liegt ein Menschenleben voll schöpferischer Arbeit und glänzenden Erfolgen, aber auch reich an schweren Kämpfen und dramatischen Lebensschicksalen. Aus dem ländlichen Idyll berief ihn im Jahre 1844 die grosse Frankfurter Gemeinde zu ihrem Rabbiner. In einer mächtig wogenden Zeit, in welcher die religiösen. Gegensätze innerhalb des Judentums aus verhaltener Leidenschaft ungezügelt emporbrausen, nahm Stein zuerst eine vermittelnde Stellung ein. Mild versöhnend, wie ein Priester der Liebe, steht er zwischen den Parteien. In seinem klassischen Predigtwerk „Kohelet" spiegeln sich diese ersten Jahre seiner Frankfurter Tätigkeit. Seine Predigten bilden in dieser Zeit den Mittelpunkt soiner Wirksamkeit. Gedankenreich, voll edlen Schwungs, vom Hauch der Poesie umweht, warm im Ton, klar im Aufbau, anschaulich in der Ausführung, fesseln diu SteinschenPredigten, sowohl die in,,Kohelet" als auch die im „Volkslehrer" und „Aus dem Westen" abgedruckten durch einen neuen eigenartigen Reiz. Aus dem goldnen Ueberfluss der altjüdischen Midrasch- Literatur versteht es der Meister mit feinem dichterischen Nachempfinden, die schönsten Sagen, Legenden und Parabeln herauszufinden, und — wo er nicht findet—, erfindet er aus eigner Phantasie reizvolle Gesehichten, die er mit seltener Geschicklichkeit kunstvoll in die Predigt zu verweben weiss. . Den Höhepunkt der ersten Periode seiner Frankfurter Wirksamkeit bezeichnet die Frankfurter Rabbinerversammlung des Jahres 1846, deren Präsident er war. Damals stand Stein auf Seiten des positivhistorischen Frankel, des späteren Leiters der Breslauer Rabbinerschule. Als aber die dramatisch bewegten Kämpfe der 40er Jahre in Frankfurt zur Katastrophe führten, als eine orthodoxe Separatgemeinde sich von der Hauptgemeinde trennte, und vollends, nachdem Stein im Jahre 1861, infolge von Konflikten mit dem Vorstand, von seinem Rabbineramt zurückgetreten war, nahm er immer entschiedener jenen festen reformatorischnn Standpunkt ein, der zuerst in seinem 1851 bis 1860 erschienenen „Volkslehrer", am nachdrücklichsten aber in seinem umfangreichen religionsgeschichtlichen Werk „Schrift des Lebens" zum packenden Ausdruck kommt. War Stein durch die Herausgabe seines „Volkslehrers" schon zum Mittelpunkt der praktischen Reformbewegung in dem stillen Jahrzehnt nach den Rabbinerversammlungen geworden, so erhob er sich in der „Schrift des Lebens" auf die Höhe seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Die „Schrift des Lebens" ist sein persönlichstes Werk, ein Buch voll lebendiger Eigenart, voll Kraft und Schönheit, ein Lebensbekenntnis, in dem sich die Sturm- und Drangperiode der jüdischen Reformbewegung wie in keinem andern Werke spiegelt. Bedeutsam vor allem ist der zweite Teil, die religionsgeschichtliche Entwicklung der „Satzungen" enthaltend. Der dritte Teil, die Sittenlehre oder „die Weisheit der Rabbinen" ist erst in diesem Jahre aus seinen nachgelassenen Schriften herausgegeben worden. Sie ist eine der eindruckvollsten populären Darstellungen des jüdischen Lebens und dürfte sich vorzüglich als Geschenkwerk für die reifere jüdische Jugend eignen. Als schöpferisches Vorbild von nachhaltigster Wirkung erwies sich Stein auf dem Gebiet der Neugestaltung des synagogalen Kultus. Er war der erste, der die von der Frankfurter Rabbinerversammlung gelegten Grundbestimmungen für sein neues Gebetbuch konsequent durchführte. Viele seiner poesievollen deutschen Gebete und Gesänge sind als bleibender Bestand in unsren Kultus übergegangen. Im Frühjahr 1861 legte Leopold Stein nach achtzehnjähriger Dienstzeit in Frankfurt sein Amt nieder. Schwere Kämpfe um eine würdige Stellung des Rabbiners gingen diesem schwerwiegenden Entschluss voraus. Er verlangte, bei religiösen Angelegenheiten vom Vorstand gehört zu werden, und er wünschte Einfluss zu gewinnen auf die Jugend seiner Gemeinde, die ihm, wie er ergreifend klagt, „so fremd ist wie einem Fremdling". „Kann eine Synagoge prosperieren, wenn sie nicht in einer Religionsschule eine mit ihr Hand in Hand gehende Pflanzanstalt besitzt? Und ist dieses nicht überall wirklich so, von der Synagoge der Reformgemeinde zu Berlin bis zur Synagoge der hiesigen separierten Orthodoxie? Und siehe da! Von der Schule der letzteren ist der Rabbiner Direktor, und von der Schule der Hauptgemeinde ist der Rabbiner prinzipiell ausgeschlösse n." Als Leopold Stein in vieljährigem, aufreibendem Kampf mit dem Vorstand nichts von dem, was er für die gedeihliche Führung seines Amtes für notwendig hielt, durchsetzen konnte, reichte er seine Entlassung 'ein. Für diesen vielverkannten und vielfach angegriffenen Schritt verdient der aufrechte, charaktervolle Mann unsere ungeteilte Bewunderung. Die Gemcindemitglieder, die besten Namen darunter, petitionierten beim Vorstand um Erhaltung ihres verehrten Rabbiners; umsonst; der Vorstand gab nicht nach. So war Stein gezwungen, sich eine neue Existenz zu schaffen und gründete eine Unterrichtsanstalt für Mädchen, die schnell emporblühte. Im neuen Berufe fühlte sich der geborene Jugendlehrer recht in seinem Elemente und verlebte so seine letzten Lebensjahre glücklicher als vordem. In seinem Hause, umgeben von der Familie und den Schülerinnen, hielt er allsabbatlich Privatgottesdienst, an welchem viele alte und neue Freunde teilnahmen. Aus diesen Andachtsstunden entwickelte sich vom Jahre 1866 ab die Westend-Union. Hier schuf Leopold Stein einen Reformgottesdienst, der bei aller Freiheit, bei aller Begünstigung der deutschen Gebetsprache doch die