Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1910)
- Article
- Das Wesen des Judentums
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 791 - 792 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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791 Achad Haam: Das "Wesen des Judentums. 792 sind;: sie fühlen sieh vereinsamt und wissen nicht, warum und wozu? Sie sehen, dass die Welt ihren Weg gegangen ist, während die Juden mit ihrer Religion allein geblieben sind. Die Vereinsamung zu ertragen ist nicht sonderlich schwer für einen Juden, der weiss oder empfindet, dass er nur dadurch jene Ideale treu bewahren kann, die ihm heilig sind. Aber diese Juden, denen der ganze Unterschied zwischen ihrer und der christlichen Welt nur mehr „äusserlich und künstlich" erscheint, denen das ganze Judentum nichts ist, als ein liebes Erbstück, das man aus Pietät für die Altvordern aufbewahrt, — diese sehen in der Tat die Notwendigkeit der „Vereinsamung" nicht ein, und darum sind sie bestrebt, sie auf verschiedenen Wegen loszuwerden. Einmal glaubten sie, dies erreichen zu können, indem sie das ganze Judentum auf einige allgemeine deistische Anschauungen reduzierten. Jetzt sehen sie ein, dass dies nicht genügt und möchten darum auch noch Jesum und das Evangelium mit in den Kauf nehmen. Unser Verfasser spricht das an mehreren Stellen deutlich genug aus; eine davon lautet: „Wenn das Judentum nicht mit dem Evangelium einen Kompromiss schliesst, wird es, meines Erachtens, stets gezwungen sein, eine abseits stehende Religion zu bleiben, ohne bedeutenden Einfluss und ohne Expansionskraft. Die orthodoxen Juden werden mir wohl antworten, dass sie sich nichts mehr wünschen; aber die liberalen dürften sich mit so wenig nicht begnügen." (S. 906.) Es ist nicht schwer, die Gemiitsstimmung dieser Juden zu verstehen; aber sie selber sollten sich davon genauere Rechenschaft geben, und dann würden sie einsehen, dass die ganze Sache weder mit Orthodoxie, noch mit Liberalismus im landläufigen Sinne etwas zu tun hat. Ein Jude kann extrem „liberal" sein, ohne darüber zu vergessen, dass das Judentum abseits von der grossen Welt geboren wurde, abseits von der grossen Welt gedieh uud sich entwickelte, von ihr nicht verstanden und darum auch nicht geliebt. Das war so vor der Geburt des Christentums und ist auch seither so geblieben. Der Geschichtswissenschaft ist es noch nicht gelungen, begreiflich zu machen, wie es kam, dass innerhalb eines kleines Völkchens in einem Winkel von Westasien eine eigenartige religiöse und ethische Weltanschauung geboren wurde, die auf die ganze Welt einen so tiefgehenden, umgestaltenden Einfluss ausgeübt hat, jedoch ohne die Welt zu bezwingen, aber ohne von ihr bezwungen zu werden. Allen Erklärungen zum Trotz bleibt dieses Phänomen noch immer ein grosses Fragezeichen. Doch jeder richtige Ju^e, sei er orthodox oder liberal, hat es lebendig im Bewusstsein, dass im Geiste unseres Volkes ein gewisses Etwas liegt, welches wir freilich nicht zu definieren vermögen, dem zufolge jedoch unser Volk dahin gebracht wurde, das Judentum auf jenen Grundlagen aufzubauen, um derentwillen beide, Juden und Judentum, bis auf den heutigen Tag „abseits" stehen, ohne sie aufgeben zu können und willens zu sein. Wer diese Empfindung hat, wird drinnen bleiben; wem sie abhanden gekommen ist, der wird gehen; für Kompromisse ist kein Raum. (TJebersetzt aus einem vom Verfasser eigens berichtigten Text unter Auslassung einiger für die deutschen Leser weniser interessanten Stellen. Die eingeklammerten Sätze rühren vom Uebersetzer her. A. d. R.) GEISTIGE UND SOZIALE STROEMUNGEN IM MODERNEN ISLAM. Von Dr. Arsene Cahen (Paris). Nachdruck verboten. ^|Will man die modernen geistigen und sozialen Strömungen im Islam ihrer vollen Bedeutung nach würdigen, so muss man die Geschichte und die Entwicklung ihres vornehmsten Organs, der Presse, studieren. Diese ist etwas über 90 Jahre alt. Im Jahr 1828 gründete Mehemed Ali in Kairo ein offizielles Journal, den „Waqai". Die Ulemas tadelten es, l.ass in der Druckerschwärze „unreine" Stoffe verwendet wurden, aber die Zeitung fuhr fort zu erscheinen, und 30 Jahre lang war sie die einzige Repräsentantin der arabischen Journalistik. In der Türkei nahm das Zeitungswesen erst nach dem Krimkrieg einen Aufschwung, als im Jahr 1856. ein Reskript der Regierung anordnete „die europäischen Künste und Wissenschaften zum Wohle des Vaterlandes anzuwenden". Seit 1867 gaben die Jungtürken ihre oppositionellen Blätter in Europa heraus. Als die Thronbesteigung Abdul Hamids eine Periode der Pressfreiheit einzuleiten schien, zählte Konstantinopel bereits 13 periodische Zeitschriften; allein bald schändeten die Mietlinge dieses Sultans das Journalistenhandwerk; dann wurde die Presse geknebelt; das türkische Zeitungswesen war 1908 tot, als die Julirevolution es zu neuem Leben erweckte. Zehn Monate nachher gab es nicht weniger als 380 periodische Publikationen in türkischer Sprache. Um diesen plötzlichen Aufschwung zu verstehen, muss man bedenken, dass es von Beginn an einen festen Zusammenhang zwischen der Publizistik und der Politik gegeben hat. Alle bedeutenden politischen Führer wollten ihr journalistisches Sprachrohr besitzen. Diese ganze Presse hat eine vorwiegend politische, weniger religiös-muslimische, aber dafür in einem gewissen Sinne nationale Tendenz. Zum Vergleich müssen hier die islamitischen Tendenzen der in Russland erscheinenden muselmännischen Zeitungen herangezogen werden. Der Sympathie nach zumeist türkisch, ebenso der Sprache nach, zeigen sie sich ergehen der Idee des Kalifats (mehr vielleicht aus Opposition gegen Russland), und in Kazan, wie in Orenburg, in Astrachan, wie in Baku hängen sie sehr dem muslimischen Prinzip an, obgleich sie fortschrittlich und europäisch gesinnt sind. An ihrer Spitze steht der „Terdjuman*, herausgegeben auf der Krim von Ismail Bey Gasprinski, der auch der Urheb.er des Projektes eines universellislamitischen Kongresses ist, dessen Abhaltung infolge der Revolution von 1908 auf das Jahr 1911 hinausgeschoben wurde; er soll in Kairo stattfinden. Die arabische Presse in Syrien wie in Aegypten befand sich ursprünglich in Händen von Maroniten und der Jesuiten von Beyruth. Im Jahr 1890 haben