Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 11 (November 1910)
- Article
- Die Israeliten in Marokko
- Date
- 1910-11-01
- Page
- Seite 777 - 778 (sequence 2)
- Language
- German
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777 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Israeliten in Marokko. 778 ihn besser zu hören, und diesen Augenblick benutzte der Junge, um in das Haus des spanischen Schutzbefohlenen zu entfliehen. Der Soldat holte Verstärkung und kam mit drei Mann zurück, um den Flüchtling mit Gewalt zu ergreifen. Eine grosse Ansammlung hatte sich am Eingang jenes Hauses gebildet, dessen Besitzer nun Soldaten des spanischen Konsulats holen Hess, um die Leute des Maghzen am Eindringen zu hindern. Der Haufen, meist aus Arabern bestehend, verspottete die Maghzenleute wegen ihres Misserfolges. Herr Lewy liess später einen Maghzensoldaten kommen und übergab ihm den Flüchtling. Die Soldaten des Ca'id aber erzählten ihrem Chef den Vorfall in anderer Weise und machten ihn glauben, dass die Israeliten den Knaben mit Gewalt befreit und den Maghzen verhöhnt hätten. Ohne Untersuchung liess der Ca'id. andern Tags mehrere Kinder und junge Leute aufgreifen, deren Namen sich auf einer ihm am vorigen Freitag von einem gewissen Sollane Aniram übergebenen Liste standen. Dieser hatte sich beim Pascha beklagt, dass die auf der Liste verzeichneten Personen ihm am Samstag die Ruhe störten, und hatte durchgesetzt, dass einer seiner Soldaten die Eltern jener Kinder zur Verhinderung wiederholter Störung anhalten solle. Auf Grund dieser Liste liess der Pascha IS junge Leute im Alter von 12 bis 20 Jahren aufgreifen, je zwei mit Ketten zusammenschliessen und ins Gefängnis werfen. Da er unmittelbar danach aufs Land ging, konnte niemand bei ihm zugunsten der armen jungen Leute intervenieren. Andern Tags berief er den Präsidenten und einige Mitglieder der jüdischen Gemeinde, und suchte in Gegenwart von Notaren ein. für die Verhafteten ungünstiges Zeugnis von ihnen zu erlangen. Er drängte sogar auf das Eingeständnis, dass die Unglücklichen eine feindselige Kundgebung gegen den Maghzen veranstaltet hätten. Aufgeregt durch die ernste Wendung, die der Ca'id der Sache geben wollte, vereinigte sich die Gemeinde abends bei mir und beschloss, ihre vornehmsten Mitglieder zum Ca'id zu schicken und von ihm etwas mehr Gerechtigkeit für die Verhafteten zu verlangen. Die Abgesandten fingen damit an, dem Ca'id die Gefühle der Loyalität auszudrücken, die che Gemeinde dem Maghzen gegenüber stets bewiesen hätte, der es dafür an anerkennendem Wohlwollen nicht habe fehlen lassen. Vergeblich bemühten sie sich, den Pascha zu überzeugen, dass man die jungen Leute willkürlich verhaftet habe, da man nicht einmal wisse, ob sie überhaupt an der Kundgebung vom Samstag teilgenommen hätten. Alles, was die Abgesandten erlangen konnten, war, dass man den Gefangenen die Fesseln abnahm. Der Unterredung der Abgesandten mit dem Pascha hatte ich beigewohnt, um selbst das Verfahren des Paschas zu beobachten und nötigenfalls die Intervention des französischen Vizekonsul anzurufen. — Der Konsularvertreter Herr Maigrat versprach mir, vom Ca'id die Freilassung der Gefangenen zu verlangen. — Kaum hatte der Ca'id von diesem Verlangen erfahren, als er die jüdischen Notablen neuerdings kommen liess. Er forderte von ihnen vor den Notaren das Versprechen, dass sie darüber wachen wurden, dass die Israeliten nicht mehr die Sicherheit der Stadt störten. Die Notablen merkten die Falle, die man ihnen stellte, und wiederholten die Versicherung ihrer Loyalität gegenüber dem Maghzen, ebenso die Bitte um Befreiung der jungen Leute, gegen die nur ganz unbestimmte Verdachtsvermütungen vorlägen. Gegenüber dieser festen Haltung liess der Ca'id. die jüngsten Gefangenen alsbald in Freiheit setzen und versprach die Freilassung der übrigen am Nachmittag. Seinem Versprechen, das er auch dem französischen Vizekonsul gegeben hatte, kam er aber erst heute nach. erst ziemlich spät. Nachdem sie die ganze Nacht nach seinem Verbleib geforscht, erfuhr sie am Morgen, was sich begeben hatte. I)er Grossvater des Kindes, Grossrabbiner Rafael Abensur, berief die ganze Gemeinde, die zum Grosswesir El Glani und zum Dar el Maghzen eine Abordnung entsandte, um die Herausgabe des Kindes zu verlangen. Der Maghzen hatte, wie das in Bekehrungsfragen dieser Art üblich, gegenüber den Vorstellungen der Grossrabbiner taube Ohren. Diese gingen zum Cadi Si Abdallah el Fasi, der sich weigerte, die Kläger anzuhören mit dem Vorgeben, dass das Kind selbst wünsche, in seiner muselmanischen Adoptivfamilie und in seinem neuen Glauben zu verbleiben. Das war nicht der Fall. In Wahrheit wollten gewisse Personen aus der Umgebung des Grosswesir und des Kadi mit der Auslieferung des Knaben Geld verdienen, viel Geld, so wie sie es vor zwei Monaten in einer ähnlichen Angelegenheit mit einem reichen Mellahbewohner gemacht hatten, dessen Sohn Mohammedaner geworden war. Nach zahlreichen Besuchen bei den Ministern, Paschas, beim Kadi, ging die Delegation zum Sultan. Als nirgends eine Antwort, geschweige denn ein Resultat zu erlangen war, kam man zu mir und bat mich, zu intervenieren. Ich ging sofort zum französischen und zum englischen Konsul, die sich am selben Abend noch zu dem marokkanischen Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Si Taieb el Mokri, begaben, um gegen die gewaltsame Taufe des israelitischen Knaben zu protestieren. Am folgenden Morgen besuchte ich selbst Si Taieb. Ich verlangte energisch die Befreiung des Kindes, und drohte, die Sache vor das Forum der öffentlichen Meinung Europas zu bringen. Si Taieb, der mit dem Sultan in der Gebetsstunde zusammentreffen wollte, versprach mir, mit ihm zu sprechen und mir gegen 4 Uhr nachmittags Bescheid zu geben. Zu dieser Zeit fand ich mich wieder bei dem Minister ein, wo ich den bekehrten Knaben vorfand, den der Minister in meiner Gegenwart wegen seines Glaubens befragen sollte. Zu meiner grossen Ueberrascliung erklärte das Kind, es wolle Muselman e bleiben. Das war eine unerwartete Wendung; angesichts dieses Willens war keine Intervention mehr möglich. Aber ich fühlte, dass das Kind eine auswendig gelernte Lektion hersagte, und dass man es veranlassen rnusste, zu reden, wie es ihm ums Herz war. Ich erbat vom Minister die Erlaubnis, das Kind selbst zu befragen. Nachdem ich ihm versichert hatte, dass es unter meinem Schutz stehe und von niemanden etwas zu fürchten habe, erklärte es, dass es zu seinen jüdischen Eltern zurückgehen wolle, dass die Furcht, lebendig verbrannt zu werden, wie man ihm beim Kadi angedroht hatte, es bestimmt hätte, anders zu sprechen. Der Minister konnte nichts anderes tun, als mir den Knahen zurückgeben. Ich führte das Kind selbst in den Mellah zurück, wo wir allgemein auf das freudigste begrüsst wurden. Elmaich. Marokkanischer Bekehrungseifer. Der Direktor der Allianceschule in Fez berichtet über folgenden Vorgang: Fez, 20. September 1910. Am vergangenen Sonntag ist ein zwölfjähriger israelitischer Knabe bei Anbruch der Nacht aus dem israelitischen Viertel entführt, vor den Kadi gebracht und mit Gewalt zum Islam bekehrt worden. Die Familie des Knaben bemerkte dessen Verschwinden Jüdische Wallfahrt in Marokko Das Central-Comite hat über eine jährlich in Marokko zwischen Ostern und Pfingsten stattfindende Wallfahrt folgenden Bericht erhalten: Zwischen dem Sabufluss und der Stadt Alcazar liegt der Ort Uazzan. Hier befindet sich das Grab des Heiligen Ribby Amram. Die Israeliten von Larache, Alcazar Arzila, Mekinez und selbst von Fez wallfahrten nach diesem Grabe. Man sagt, der Heilige