Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 11 (November 1910)
- Article
- Die Israeliten in Russland
- Date
- 1910-11-01
- Page
- Seite 775 - 776 (sequence 2)
- Language
- German
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- Minsk 1× ep/1000754
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775 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Israeliten in Russland. 776 In den letzton Monaten sind auch Kategorien sogenannter privilegierter Juden von Ausweisung betroffen worden: Universitätsstudenten haben es nicht erreichen können, ihre Ferien bei ihren Eltern zu verbringen, wenn deren Wohnort ausserhalb des Ansiedlungsgebiets gelegen war. Alten Soldaten, die in dem russisch-japanischen Krieg rühmlich mitgekämpft haben, ist trotz des kaiserlichen Manifestes vom 11. August 1904 untersagt worden, sich ausserhalb des Wohngebiets niederzulassen. Gegenwärtig bestätigt man den Studenten der Pharmacie, dass sie zu der Kategorie der höhergebildeten Personen zählen, und auf Grund dieser Auffassung will man allen denen die Aufenthaltsgenehmigung in Moskau versagen, die nicht Pharmaceuten sind. Täglich werden die untauglichen gesetzlichen Massnahmen gegen die Juden verschärft: der Justizminister verweigerte in Warschau die Eintragung von zwanzig Rechtsanwälten, deren Zulassung ihm vom Magistrat dieser Stadt empfohlen war. Jüdische Aerztc und Krankenwärter haben sich in grosser Zahl zur Bekämpfung der Cholera zur Verfügung gestellt, die seit Monaten in Russland wütet; es fehlt an Aerzten, um den Kampf gegen die Seuche aufzunehmen. Nichtsdestoweniger hat der Bürgermeister von Petersburg sich dagegen widersetzt, dass ein jüdischer Arzt in städtische Dienste genommen werde. Der Gouverneur von Odessa, General Tolmatschef, tut desgleichen. In den Kohlenhäfen des südlichen Russland fordert die Epidemie täglich zahlreiche Opfer; trotzdem duldet die Ortsbehörde keine jüdischen Aerzte. Um ihrer antijüdischen Leidenschaft zu genügen, scheuen die Beamten kein Mittel: der Gouverneur von Odessa, der bereits die Annullierung des jüdischen Deputierten Brodsky, Mitglied der Duma, erhalten hat und der Meinung ist, die Fortschrittspartei dürfe nicht ein zweites Mal triumphieren, lässt ohne jede Gewissensbisse hunderte jüdischer W7ähler von der Wählerliste streichen und sichert so seinem Kandidaten Erfolg. In allen Gebieten des sozialen und wirtschaftlichen Lebens verfolgt man mit der gleichen Methode die Ausschliessung der Juden. Man organisiert das, was man in neuerer Zeit „Unblutige Pogrome" nennt. Mit grösserer Strenge als je wendet man auch die auf die Zulassung der Juden in den Unterrichtsanstalten bezüglichen Verordnungen an. Ohne von den höheren Lehranstalten zu sprechen, wie z. B. der medizinischen Militärakademie, dem Ingenieurinstitut, der Marineakademie, den Militärschulen usw., die der jüdischen Jugend absolut verschlossen sind, gewähren ihnen die übrigen Anstalten Aufnahme nur in beschränktem Masse, so dass auf 5000 zu Beginn des Schuljahrs in den höheren Lehranstalten Petersburgs verfügbare Plätze, kaum 120 israelitische Kandidaten kommen. Zum erstenmal wird eine Prozentnorm nach ihrem Willen in der Kunstschule festgesetzt werden. Sie werden hier zu 3 % in der Architekturabteilung, zu 2 % in der Malschule zugelassen. Die Handelsschulen, in denen bis vor kurzem das israelitische Element einen wichtigen Bestandteil des Schülerkontingents bildete, und deren Budget zum grössten Teil aus den Zuwendungen jüdischer Kaufleute und Industrieller bestritten wird, werden in Zukunft gleichfalls den allgemeinen Verordnungen über die Zulassung von Israeliten unterworfen sein. Selbst die Privatschulen, Gymnasien und Realschulen, die die Israeliten Russlands geschaffen haben, um zu verhindern, dass die offiziellen Schulen ihren Kindern verschlossen bleiben, sollen jetzt Gegenstand neuer Verwaltungsmassregeln werden. Bisher war ihrem Betrieb kein Hindernis in den Weg gelegt worden. Mit schweren Opfern haben die Israeliten in Odessa ein Gymnasium errichtet. Danach sind andere in Wilna, Riga, Minsk und anderen Städten des Wohngebiets gegründet worden. Die Kinder folgten hier dem Programm der Staatsschulen und legten ihr Examen vor einer Jury von Lehrern der öffentlichen Unterrichtsanstalten ab. Der Unterrichtsminister hat verfügt, dass hinfort die Prozentnorm der für diese Institute zuzulassenden israelitischen Kinder nicht höher sein darf, als in den Staatsschulen. Diese Massnahme bedeutet die Schliessung dieser Schulen. In Anbetracht solcher Zustände bemächtigt sich der jüdischen Bevölkerung eine grosse Entmutigung; sie gibt sich über das Schicksal des von 166 Deputierten eingebrachten Gesetzentwurfs keinen Illusionen hin. Wird er nicht in den ministeriellen. Archiven sich vereinigen mit zahlreichen Arbeiten ungezählter Kommissionen, die seit Jahren nacheinander beauftragt worden sind, die Judenfrage zu studieren und Vorschläge zu machen für die Verbesserung der Lage der Juden? Selbst wenn clor Entwurf in der Duma diskutiert wird, wird er keine Majorität zusammenbringen, und wenn das Unmögliche geschähe, würde der Zar das Gesetz sanktionieren? Ist es erstaunlich, wenn die gebildete Jugend, die besonders unter diesen aussichtslosen Verhältnissen zu leiden hat, eine Tat begeht, die nur durch höchste Verzweiflung hervorgerufen werden kann? Der Fälle von Selbstmord sind erschreckend viel. Des Leidens müde, haben andere Israeliten geglaubt, ihr Recht auf Ruhe und freie Existenz um den Preis der Bekehrung zur lutherischen Glaubenslehre sich erkaufen zu sollen. Der Minister des Innern hat auf diese Tatsache die Aufmerksamkeit des lutherischen Konsistoriums gelenkt und angefragt, ob Bekehrungen dieser Art nicht noch einen anderen Beweggrund hätten, als religiöse Ueberzeugung. Er schrieb den protestantischen Kirchenbehörden vor, diese Neubekehrten nur mit der grössten Zurückhaltung aufzunehmen. Ein Zirkular des Unterrichtsministers an die Universitätsbehörden ordnete andrerseits an, bei der Aufnahme von getauften Juden dieselben Taxen anzuwenden, wie für Juden. Die Pforten der Universität, die die Unglücklichen durch die Taufe sich zu öffnen glaubten, bleiben ihnen nach wie vor verschlossen. DIE ISRAELITEN IN MAROKKO. Der Direktor der Allianceschule in S a f f i, Herr Selame, schickt nachstehenden Bericht: S a f f i, 3. Mai 1910. Am vergangenen Samstag hatte ein Soldat des Maghzen einen zwölfjährigen Israeliten verhaftet, der mit einem Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. Araber in Streit geraten war. Nach Landesbrauch folgten alle Strolche der Stadt dem Soldaten und seinem Häftling. Bei dem Hause des spanischen Schutzbefohlenen Herrn Lewy, gab sich der Verhaftete den Anschein, als wolle er dem Soldaten etwas ins Ohr sagen. Der Soldat, der den Jungen bis dahin fest an der Hand gehalten hatte, lies ihn los, um