Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 11 (November 1910)
- Article
- Die Israeliten in Russland
- Date
- 1910-11-01
- Page
- Seite 773 - 774 (sequence 1)
- Language
- German
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773 774 A\\Vv..... '"""fffffft "V MITTEILUNGEN "'4, aus dem Deutschen Bureau der M Alliance Jsraelile Univeraelle ma m OOTj^ ^mer BERlim.in 2^. ^BBiP^ 0ramenDurgersrc4?^ DIE ISRAELITEN IN RUSSLAND. Die Nachricht von der Einbringung eines Gesetzentwurfs, der von 166 Dumamitgliedern unterzeichnet ist und sich mit der Aufhebung des den Juden zugewiesenen Ansiedlungsgebicts beschäftigt, hat den reaktionären Kreisen und der in ihren Diensten stehenden Presse Gelegenheit zu einer heftigen antijüdischen Kampagne gegeben. Die Verbände der „echten Russen" haben zunächst gefordert, die Unterzeichner des Entwurfs in den Anklagezustand zu versetzen. Sie bezeichnen den Entwurf als verbrecherisch und sehen in seiner möglichen Verwirklichung schweres Unheil für die Einigkeit und das wirtschaftliche Gedeihen des Kaiserreichs. Alsdann haben sie eine Agitation ins Leben gerufen, die sich in den verschiedensten Formen äussert : 1. Petition an den Zaren, dem unheilvollen Entwurf nicht Folge zu geben, 2. Verbreitung von Artikeln und Flugblättern unter die unwissende Menge, um ihr die Gefahren darzulegen, die aus der Annahme des Entwurfs entstehen würden, 3. Androhung von Pogromen, falls der Vorschlag der Erweiterung des Ansiedlungsgebiets günstig aufgenommen „würde. Und als ob die Regierung diesen vortrefflichen Freunden ihre stillschweigende Billigung aussprechen und ihnen zu erkennen geben wollte, dass ihre hinsichtlich der Juden getroffenen Massnahmen keiner Mässigung bedürften, hat sie in den letzten Monaten ihre Bedrückungspolitik fortgesetzt und ihren Exekutivbeamten in den Provinzen volle Freiheit gelassen, willkürliche und gehässige Anordnungen zu treffen. Seit vielen Jahren sind die ungerechtfertigten Ausweisungen nicht mit solcher Strenge durchgeführt worden. Man hat den Eindruck, die Lokalbehörden hätten vertraulich Befehl erhalten, nach ihrem Belieben zu schalten und zu walten. Eine Anzeige der Handwerkskammer veranlasste den Präfekten von Petersburg, einer Anzahl jüdischer Arbeiter zu erklären, dass sie nicht als ihr Handwerk ausübend betrachtet würden, dass sie daher ohne Verzug die Stadt verlassen müssten. Kaufleute erster Gilde aus Kiew sind ohne triftigen Grund ihres Aufenthaltsrechts in dieser Stadt beraubt worden und dürfen nur so lange sich dort aufhalten, als für die Abwicklung ihrer Geschäfte unumgänglich notwendig ist. Auf den Schaden, den die orthodoxe Bevölkerung durch diese Massnahme erleidet, wird keine Rücksicht genommen. Es wird zum Beispiel auch erwogen, die Anwesenheit von Juden auf der Jahresmesse von Turnen (europäisches Sibirien) nicht zu dulden. Ein Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. Verbot dieser Art würde sogar die Existenz dieses wichtigen Marktes bedrohen. Denn die Israeliten sind die Hauptkäufer von Rohstoffen und die notwendigen Vermittler zwischen den sibirischen Kaufleuten und ihrer auswärtigen Kundschaft. Während der ganzen Sommersaison hat man ungeachtet der Reklamationen der Hauseigentümer und Geschäftsleute, jüdische Familien aus den Sommerfrischen und den 13adeorten der Gouvernements Charkow, Jekaterinoslaw, Riga und Tschernikow vertrieben. Es sei hier ein Beispiel angeführt, aus dem ersichtlich ist, mit welcher Härte man bei diesen Ausweisungsmassnahmen verfährt: Einige jüdische Familien hatten die Erlaubnis erhalten, sich während des Sommers in Orlowstschina (Gouv. J ekatcrinoslaw) niederzulassen, das als Kurort sehr empfohlen wird. Plötzlich erscheint ein Polizeioffizier, der erklärt, auf höheren Befehl mit der augenblicklichen Ausweisung aller Juden beauftragt zu sein. Einige der Ausgewiesenen begaben sich nach Jekaterinoslaw, weil sie auf die Zurücknahme dieser Verfügung rechneten; sie erhielten im Gegenteil ihre Bestätigung. Am folgenden Morgen erscheint ein Polizeikommissar in Begleitung von Beamten. Er befiehlt allen Israeliten, auf der Stelle abzureisen. Da sie von weiteren Anordnungen der Bezirksstadt noch nichts wussten, baten sie die Vertreter der öffentlichen Gewalt, ihre Ausweisung bis zum Eingang der Antwort aus Jekatcrinoslaw auszusetzen. Der Kommissar, weit davon entfernt, sich erweichen zu lassen, nimmt eine drohende Haltung an. Den Kranken, die ihn anflehen, antwortet er kurz : „Wir kennen eure Krankheiten. Ihr seid krank, weil ihr ein Interesse habt. Entweder ihr geht, oder ich lasse euch fortbringen. Währenddem hatte sich eine Abordnung von Bauern des Dorfes nach der Bezirksstadt begeben, um zugunsten der Juden zu intervenieren. Sie hatte auch den Minister des Innern telegraphisch gebeten, die Ausweisungsmassnahmen aufzuhalten. Auch dieser Schritt war vergeblich. Als die Deputation zurückkam, beschleunigte der Kommissar seine Tätigkeit noch mehr, und am folgenden Tag mussten alle Israeliten, obgleich es Sonnabend war, das Dorf verlassen. Vor jedem Haus waren Beamte postiert, die die Abreise überwachten. Es war ein trauriges Schauspiel. Frauen und Kinder weinten. Eine alte Frau a^oii 70 Jahren, die den Sabbat nicht entheiligen wollte, weigerte sich, in den Wagen zu steigen und schleppte sich zu Fuss bis zur nächsten Stadt. Unterwegs wurde sie von Schwäche überwältigt. Die Behörde gab Befehl, sie in den Wagen zu legen.