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Ost und West · 1910-11-01 · Heft 11 (November 1910) · p. Seite 713 - 714

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 11 (November 1910)
Article
Das Wesen des Judentums
Date
1910-11-01
Page
Seite 713 - 714 (sequence 5)
Language
German
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713 Aehad Haam: Das "Wesen des Judentums. 714 dass dein Leben dem Schöpfer teurer sei, als das deines Nächsten? Vielleicht ist es umgekehrt." Bin christlicher Priester würde auf eine solche Frage mit einer Predigt über die Pflicht des Menschen, sich für seinen Nächsten zu opfern, geantwortet haben; er müsse das Kreuz auf sich nehmen und dem Heiland nachfolgen, um in das Himmelreich einzugehen, und dergleichen mehr. Der Lehrer des Judentums dagegen erwägt den Fall nach den Grundsätzen der objektiven Gerechtigkeit. Da jedenfalls ein Menschenleben auf dem Spiele steht, und keiner wagen darf, zu entscheiden, welches von beiden der Gottheit wertvoller sei, kann die Rettung deines Lebens nicht das Verbot des Tötens beseitigen. Lass dich töten und töte nicht! Umgekehrt, würde einer unserm Raba die Frage vorgelegt haben: mein Nächster soll getötet werden, und ich kann ihn retten, indem ich mich an seiner Stelle töten lasse, so würde der Lehrer geantwortet haben: ,,Er soll getötet werden, du aber darfst dein Leben nicht freiwillig von dir werfen. Denn es steht ja immerhin ein Menschenleben auf dem Spiel, und wer sagt dir, dass das Blut deines Nächsten röter ist, als das d einige?" Nach der Anschauung des Judentums ist das Blut aller Menschen in gleichem Grade „rot" und jede Seele, gleichviel ob meines Ich oder meines Nächsten ist Gott gleich lieb, darum steht es keinem Menschen frei, mit seinem Leben nach Belieben zu schalten, und er darf nicht sagen: Ich stürze mich in den Tod und keiner kann mir das verwehren (Maimuni, Hilchoth Eozeach, 11,5). Aber es braucht nicht erst an die zahllosen Martyrien erinnert zu werden, die die jüdische Geschichte kennt und deren Gedächtnis allen Juden auf ewig heilig bleiben wird. Doch da gab nicht ein Mensch sein Leben hin für einen andern ihm völlig gleicheD, sondern für die „Heiligung des göttlichen Namens" (das religiöse und ethische Ideal) oder für das „höchste allgemeine Wohl" (das sittlich-religiöse Ziel). (Rabbi Akiba hat bekanntlich seine Seele unter grausamen Martern mit dem Glaubensbekenntnis auf den Lippen ausgehaucht.) Und ebenso wie die absolute Gerechtigkeit das Gefühl überwinden muss in bezug auf den Gegensatz zwischen dem Ich und dem Nächsten, so muss es das Gleiche tun, wenn es gilt, zwischen dem einen und dem andern Nächsten zu wählen. Noch vor mehr als vierzig Jahren bemerkte Abraham Geiger — den unsere Reformer gern als ihren geistigen Nährvater betrachten — dass die biblische Vorschrift: „Du sollst das Recht nicht beugen zugunsten der Armen!" der Ausdruck einer erhabenen ethischen Anschauung sei. Alle andern Religionen warnen davor, das Recht zugunsten der Reichen und Mächtigen zu beugen. Die Evangelien können sich in Huldigungen für die Armen nicht genug tun und räumen ihnen den ersten Platz im Himmelreich ein. Das alles entspringt gewiss einem sehr edlen Gefühl; aber die ethische Gerechtigkeit steht höher und lehrt: die Barmherzigkeit ist eine hohe Tugend und dem Armen zu helfen ist die höchste Pflicht. (Und wer hat diese Pflicht nachdrücklicher und schärfer "betont als die Bibel und der Talmud?) Aber aus Mitgefühl mit den Armen das Recht zu beugen ist nicht erlaubt.1) _ (Schluss folgt.) :) Manche Bibelkritiker, darunter sogar ein Mann von dem Geschmack eines Renan, emendieren in dem oben zitirten Verse bli anstatt bl\ wodurch der Sinn entsteht: „Du sollst einen Mächtigen im Rechtsstreit nicht bevorzugen", ein Verbot, welcnes aber ohnehin öfters wiederholt ist. Von solchen willkürlichen Verstümmelungen wimmelt es in der modernen Bibelkritik. Die Herren vergessen jedoch, dass das Judentum den Vers seit unvordenklicher Zeit in der überlieferten Gestalt gelesen hat. A. d. R. DAS ERWACHEN DES ISLAMS. Von Dr. Arsene Kahen (Paris). Die jungtürkische Revolution hat der europäischen Diplomatie einen der schönsten Streiche gespielt und der ganzen Welt offenbart, mit wie wenig Verstand sie bisweilen regiert wird. Sassen da die Herren Minister und Botschafter und schlössen Ententen ab und losten untereinander um die Gewänder des,,kranken Mannes", der bald das Zeitliche segnen sollte, teilten das Fell des Bären, der ihnen schon erlegt schien, als urplötzlich eine ihnen unbekannte, nie von ihnen ins Rechenexempel einbezogene Kraft sich regte, Wunder tat, und alle ihre Kartenhäuser umstürzte. Es gibt also zwischen Bosporus und Adria etwas, wovon es unsern feinsten Staatsmännern nicht geträumt hat! Ihre ganze Schlauheit und Intrigenkunst und gewissenlose Spioniersucht versagt also, wenn es sich um Dinge handelt, die nicht im Lexikon stehen, wenn Kräfte im Spiel sind, die sich bei ihnen nicht angemeldet haben. Da hört die berühmte Scharfsicht der Diplomaten auf. Als im Jahr 1891 ein Japaner gegen den damaligen russischen Thronfolger in einem japanischen Nachdruck verboten. Teehaus ein Attentat verübte, hielt man das in Europa für einen Beweis dafür, dass in Japan die Verrückten auf der Strasse herumlaufen. Als Russland anfing, den Schienenstrang für seine transsibirische Bahn zu legen, galt in Europa Japan noch immer nur als das Land Hokusais und der Geishas. Aber schon 1900 räumten die europäischen Truppen in China neben sich den japanischen einen Platz ein. Ein Jahr vor dem Ausbruch des russisch-japanischen Krieges bezeichnete ein grosser europäischer Staatsmann in einem der ersten Parlamente der Welt die Mandschurei als einen „geographischen Begriff", der uns Europäer nicht stärker interessieren dürfe, als etwa die mittelafrikanischen Wüsten. Aber drei Jahre lang war kein geographischer Begriff häufiger im Munde des Publikums beider Hemisphären, als die Mandschurei. Und 1905 hat das verblutende Russland die kleinen gelben Japaner um Frieden gebeten. Ebenso schien in dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts Renans Ansicht von der Erstarrung des Islams unbestreitbar.

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