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Ost und West · 1910-10-01 · Heft 10 (Oktober 1910) · p. Seite 687 - 688

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 10 (Oktober 1910)
Article
M. A. Klausner
Date
1910-10-01
Page
Seite 687 - 688 (sequence 5)
Language
German
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687 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: M. A. Klausner. 688 die offenen Feinde und die hasserfüllten Widersacher. Noch viel mehr Mut und Selbstverleugnung erforderte der Kampf den er unerschrocken und unbeugsam gegen die Verfügungen von Behörden und die Richtersprüche von Gerichtshöfen führte, die, axis Missverständnis und Voreingenommenheit hervorgegangen, uns schwerere Wunden geschlagen und bitterer geschmerzt haben als die bösen Worte und Taten offener Gegner. Ihnen gegenüber gab er dem verletzten Rechtsgefühl einen oft ergreifenden Ausdruck, tadelte er rückhaltlos, was falsch und ungerecht war. Gewiss, die Entrüstung, die er ihnen gegenüber äusserte, und seine energischen Anklagen konnten die Dinge nicht ändern, Geschehenes nicht ungeschehen machen und neues Aehnliches nicht verhindern. Aber die offene mannhafte Sprache, in der er darüber gesprochen hat, gaben dem gekränkten Rechtsgefühl wenigstens eine moralische Befriedigung, richteten das nieder gedrückte Selbstgefühl vieler wieder auf und stärkten ihre Widerstandskraft. Seine Artikel selbst über vorübergehende Tagesereignisse waren für den Leser häufig ein Genuss durch seine kernigen und treffenden Ausführungen. Von besonderem Werte aber waren seine grösseren Artikel, von denen er einige, jüdische Zeitfragen behandelnd, unter dem Titel „Zu Lehr und Wehr" gesammelt hat. Der Titel ist bezeichnend für den Inhalt der Schrift wie für die Art des Verfassers. Seiner streitbaren Natur entsprechend setzte er sich zunächst zur Wehr gegen die Angriffe äusserer Feinde, welche in mehr oder weniger wissenschaftlichem Gewand den Wert und die Leistungen des Judentums heruntersetzten, mit noch grösserer Entschiedenheit aber gegen die inneren Feinde. Mit den schärfsten Waffen der Entrüstung wie der Ironie wandte er sich gegen jene modernen Juden, die gemütlos und deshalb auch verständnislos der grossen ehrwürdigen und unvergänglichen Erscheinung des Judentums gegenüberstehen, die von seinem Inhalte, seinem Werte nichts wissen wollen, seine Gegenwart nur mit den Augen des Hasses betrachten, und um sich selbst als Ausnahmen von den Juden, als gerecht und unbefangen darzustellen, in die Schmähreden der Gegner gegen sie einstimmen. Inhaltreicher und von viel grösserem Werte als die Abwehr ist aber die. Lehre, die in diesen Artikeln enthalten ist, sind die Worte der Begeisterung und des Verständnisses, die er für den ewigen Gehalt, für den unerschöpflichen Inhalt des Judentums, für die Treue, den Glaubensmut, die Hoffnungskraft seiner Bekenner findet. Und liebevoll ist das eingehende Verständnis für die mannigfaltigen Erscheinungen und Lebensäusserungen des Judentums in alter und in neuer Zeit, für die Anschauungen und Empfindungen der Kleinen wie der Grossen, das er bekundet. Davon zeugt insbesondere seine lehrreiche Studie über „Sprache und Nationalität der Juden". Von bleibender Bedeutung ist seine Uebersetzung der „Gedichte der Bibel". Es waren zunächst nur Versuche zur Wiedergabe einzelner Psalmen, die er in Stunden der Erholung von der Tagesarbeit sich selber zur Stärkung und Anregung anstellte. Die Befriedigung über das Gelungene, der ermutigende Beifall seiner Freunde, ganz besonders aber die ihm neu aufgegangene Erkenntnis von dem tiefen Inhalte, dem hohen Sinne, dem unermesslichen Werte der Gedanken, der Fülle des Segens, den die Heiligen Schriften in sich bergen, führten ihn immer weiter, und er stellte sich die Aufgabe, den ganzen Inhalt der Bibel in einer Sprache wiederzugeben, die auch dem modernen Menschen offenbaren kann, welch ein Schatz des Geistes, der Empfindungen und ewiger unvergänglicher Lehren in diesem Buche enthalten ist. Er hat in den Sinn ihrer uralten Worte sich vertieft, ihren Inhalt vielfach in selbständiger Weise erfasst, mit echter Empfindung wiedergegeben in einer Sprache, die der Kraft und Hoheit der Gedanken wie der Tiefe und der Innigkeit der in diesen Gedichten sich aussprechenden Gefühle in gleicher Weise gerecht wird. Er versteht es, Vers und Reim meisterhaft zu handhaben; aber auch in der einfachen Prosa bildet er Sätze voll Mark und Kraft. In dieser Weise hat er noch vor kurzem die ersten Kapitel der Heiligen Schrift zu übersetzen begonnen. Abgeschlossen aber, als ein kostbares Vermächtnis, das er uns hinterlassen hat, liegen sein® Gedieht« der Bibel vor uns. Sie sind wohl die beste moderne Bearbeitung derselben, die es überhaupt gibt. Die verschiedensten Formen des Rhythmus und des Versmasses weiss er für sie zu verwenden. Einen Psalm, der von der nationalen Grösse Israels, und seinen mutvollen Kämpfen berichtet, übersetzt er in den Versmassen des Nibelungenliedes, und das mittelalterliche Kleid sitzt dem alten hebräischen Liede wie angegossen. Gewaltig, erschütternd und doch stolz erheben sich die Klagen Hiobs, eine ergreifende Wehmut durchzieht die Klagelieder um den Fall Jerusalems und seines Tempels. Die freudigen, sehnsuchts- und hoffnungsvollen Klänge des Hohen Liedes treten frisch und lebendig vor uns, als ob sie eben erst aus den eignen Empfindungen des Dichters aufgestiegen wären. In allen von ihm übersetzten Gedichten lebt ein Wohllaut der Sprache, dessen Töne tief in das Herz uns dringen. Sie werden das Andenken des Verstorbenen weithin tragen und bewahren. Sie können und sollen zeigen, welch' eine Kraft und ein Segen in dem Buche der Bücher lebt, das in seiner schlichten Form für viele unter uns heute ein verschlossenes Buch ist. Uns aber, die wir den Verstorbenen gekannt haben, steht ein anderes noch höher. Das ist das, was er geleistet hat für Arme' und Unglückliche, insbesondere für unsre verfolgten und vertriebenen Glaubensbrüder. Er hat sich nicht damit begnügt, in seiner Eigenschaft als Geschäftsführer der Deutschen Conferenzgemeinschaft der Alliance Israelite Universelle, welches Amt er geschaffen und bis zuletzt geleitet hat, eine unermüdliche eifrige Tätigkeit für sie zu entfalten und stets neue Mittel zu ihrer Hilfe aufzubringen. Seine ganze Beredsamkeit, seinen an Ratschlägen unerschöpflichen Geist, insbesondere aber seine vielfach in hohe Kreise reichenden Verbindungen hat er für die an ihn herantretenden Bitten verwertet. Er hat die Not des einzelnen in seinem Herzen nachempfunden, ihr nach Möglichkeit abzuhelfen gesucht und sich bemüht, denen, die in unserm Lande nur als Gäste geduldet wurden, eine Heimat oder wenigstens einen sichern, nicht jeden Augenblick kündbaren Aufenthalt zu schaffen. Vielen, die aus Mangel an diesem oder jenem Dokumente ihres Geburtslandes in ihrer Niederlassung, in ihrem Fortkommen, in der Möglichkeit einer Verehelichung verhindert waren, hat er geholfen und von ihren Sorgen sie befreit. Immer wieder ist er ihretwegen vor seine vornehmen Bekannten getreten, hat durch keine Versagung sich abschrecken lassen und seine Bitten stets von neuem wiederholt. Für diese wie überhaupt für seine Wirksamkeit im Dienste der grösseren Gemeinschaft hat er nicht immer die verdiente Anerkennung gefunden. Aber wir sehen es heute, Hunderte dankbarer Glaubensgenossen folgen tief ergriffen, seiner Bahre, und andere draussen gedenken in schmerzlicher Wehmut des Helfers in ihren Nöten. Und wir.fragen: wer wird in diese Lücke treten, wer wird diese Aufgabe des Verstorbenen übernehmen, für bedrängte jüdische Seelen immer wieder sein warmes, hilfesuchendes Wort einlegen? Den schönsten Lohn, den er dafür erhalten konnte, hat er im Leben bereits empfangen, in seinem Familienglücke. In dem Weibe seiner Liebe und seiner Jugend hat er den guten Geist seines Hauses gefunden. Sie ist als fürsorgliche Genossin seines Lebens, seiner Mühen und Sorgen alle Zeit ihm zur Seite gestanden. Sie hat für sein vielfach bewegtes Dasein ihm che Ruhe und Erholung verschafft, mit Klugheit und Milde ihn beraten, den allzu Stürmischen beruhigt, den Ermüdeten oder Entmutigten gestärkt, ihn allezeit mit ihrer treuen Liebe behütet und geleitet. Er sah in seinen Kindern die Gaben seines Geistes sich erneuern und sie hoffnungsvoll den .Weg zur eignen Wirksamkeit gehen. . Beglückt schaute er auf seine Enkel, und eine seiner letzten Freuden war das Bild seiner zwei Söhne, die in Argentinien als Landwirte sich ihre Existenz gegründet haben und für deren, selbständige Tätigkeit er noch weitere Hoffnungen hegte. $ Seinen Plänen und Zielen, seinen Hoffnungen und Wünschen ist unerwartet ein Ende gemacht worden. Tief erschüttert nehmen wir Abschied von ihm, von dem rastlosen Arbeiter und Kämpfer und sprechen: Er war ein treuer Sohn seines Glaubens, und mit gütigem Herzen und mannhafter Tat ist er für^diöj^bedrängten Söhne Israel« eingetreten.

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