Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Article
- M. A. Klausner
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 681 - 682 (sequence 2)
- Language
- German
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681 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: M. A. Klausner. 682 1848, kam er als kleines Kind mit seinen Eltern nach Halle a. S. Frühzeitig erlangte er umfangreiches jüdisches Wissen im Elternhaas. Schön auf dem Gymnasium erweckte seine ausserordentliche Begabung das Staunen der Lehrer und nicht mindere Bewunderung zollten späterhin die Universitäts-Professoren, unter denen er Mathematik und Astronomie studierte, seiaem Scharfsinn, der spielenden Leichtigkeit, mit der er fasste, was sie gelehrt hatten. Auch in Fächern, die mit seinen eigentlichen Studien in keinem Zusammenhang standen, als Historiker und G-ermanist, waren seine Leistungen vielversprechend. Bereits in seinem 24. Lebensjahre wählte er endgültig die Journalistik als den Beruf, der am besten seinen Neigungen, seiner stolzen Kampflust und seinen Talenten entsprach. Ein unstreitbarer Gewinn für die Journalistik. Unerreicht hat er sich auf diesem Gebiet bewährt.' Die Artikel, die er als langjähriger politischer Eedakteur des „Berliner Börsen- Courier" geschrieben, galten als die wertvollsten politischen Exegesen, und selbst Regierungsmänner konnten sich ihrem Einfluss nicht entziehen. Als aber der Antisemitismus in Deutschland eine Macht zu werden drohte, weihte Klausner seine Feder zu überwiegendem Teil dem Kampf gegen die „Schmach des Jahrhunderts". Zu überwiegendem Teil. Zum Glück nicht ganz. In den Pausen des Kampfes war er mit dem Schreiben eines Vermächtnisses beschäftigt, das sein Gedächtnis ewig lebendig erhalten wird. Das Vermächtnis ist seine herrliche Uebersetzung der Gedichte der Bibel. Der Direktor eines Gymnasiums in Breslau teilte die Trauerkunde vom Tode Klausners den Primanern weinend mit den Worten mit: „Der Dichter der Gedichte der Bibel ist tot." Israel weint mit ihm. * * * Die tiefe Trauer kam auch in den Grabreden znm Ausdruck, die wir, teilweise im Auszug, folgen lassen: Rabbiner Dr. Eschelbacher: Geehrte Trauerversammlung! Wenn ein Mensch abgerufen wird vor seiner Zeit, wenn ein Leben, das frisch und kräftig in der Welt sieh bewegte und in ihr seine Freude fand, das hoffnungsvoll in die Zukunft blickte und mit den verschiedenartigsten Gedanken und Plänen sich trug, unerwartet in einem erschütternden Ereignisse zum Abschlüsse kommt, dann wirkt das wie ein betäubender Schlag auf seine nächsten Angehörigen, dann geht ein lauter Ruf der Klage durch den Kreis seiner Freunde und Bekannten, dann ergreift auch die Fernerstehenden, einen jeden, der von solch schwerem Schicksalsschlage hört, das Gefühl inniger Teilnahme und schmerzlichen Bedauerns über das frühe Ende einer starken und rüstigen Kraft, eines Daseins, das noch viel Tüchtiges und Gutes schaffen, noch viel wirken und helfen, noch viel Glück bereiten und selbst noch viele Freude und Befriedigung finden konnte. Eine solche schmerzliche Klage haben wir angesichts dieses Sarges anzustimmen. Eine mit den Gaben des Geistes wie des Herzens reich ausgestattete Natur, ein Mann von vielseitiger ausgedehnter Wirksamkeit ist mit diesem Toten dahingegangen, ein von den mannigfaltigsten Interessen bewegter, zu hervorragender weiterer Tätigkeit gerüsteter Lebenslauf ist unerwartet zum Stillstand gekommen. Max Albert Klausner entstammte einer Familie, in der seit Geschlechtern ein reges geistiges Leben herrschte, und von der einzelne Glieder die Stärke ihres Talentes auf den mannigfaltigsten Gebieten betätigt haben. Er studierte zunächst Mathematik und Astronomie. Aber der stille Sternenhimmel mit der Gesetzmäßigkeit seiner Bahnen und seines Ganges vermochte diese feurige Natur nicht in seinem Frieden festzuhalten. Ihn drängte es zur Betätigung seiner Kräfte im öffentlichen Leben, zur Teilnahme an den Kämpfen des Tages und an den Streitigkeiten der Parteien. Er gab zunächst eine Zeitungskorrespondenz für fortschrittlich gesinnte Blätter heraus, wurde sodann der politische Leiter des „Börsenkurier" und betätigte sich auch schriftstellerisch auf verschiedenen Gebieten. Dafür brachte er eine seltene Begabung mit. Er war geradezu ein Meister des Wortes wie der Feder, voll eigner Gedanken, unerschöpflich an treffenden Bildern und Wendungen, ein Künstler der Sprache, dessen Sätze kurz und prägnant, klar und scharf das ausdrückten, was er wollte. Er war ein Mann, dessen glänzender Witz bei seinen Gegnern gefürchtet war, und der überall sich Geltung zu verschaffen wußte. So entschieden und bestimmt er seine Überzeugung aussprach, so sehr wußte er auch die Überzeugung des Gegners zu würdigen. Seine persönliche Liebenswürdigkeit, sein reiches Wissen, das politische Verständnis, das ihm eigen war, die Fähigkeit, auch fremden Gedankengängen nachzugehen und ihnen gerecht zu werden, brachte ihn mit den Führern der verschiedensten Parteien wie auch mit den leitenden Männern der Regierung in Verbindung und führte ihn zu einer vermittelnden Tätigkeit zwischen ihnen, und zu einer stillen, aber nichts weniger als einflußlosen Wirksamkeit auf dem Felde der Politik, einer Wirksamkeit, die bis in die letzten Tage seines Lebens gedauert hat. Er hat in ihr seinem Vaterlande wertvolle Dienste geleistet und hohe Anerkennung seitens der leitenden Kreise sich erworben. Diese seine Wirksamkeit verwertete er auch im Interesse seines Glaubens und im Kampfe gegen die vielen Schmähungen und Anfeindungen, denen das Judentum in der neuesten Zeit wieder ausgesetzt ist. Er hat es erkannt und in einer seiner Schriften (Zu Lehr und Wehr, S. CO) treffend ausgesprochen: „So enge ist das menschliche Hera nicht, daß es Raum hätte nur für ein einziges Gefühl; so klein ist nicht des Menschen Sinn, daß eine Liebe die andre auslöschen müsste." Darum hat er vor allen Machthabern sein Judentum stolz bekannt, und dessen Rechte, Forderungen und Klagen rückhaltlos vor ihnen zum Ausdruck gebracht. So schwer auch der Kampf war, den er hier gegen Vorurteile und Voreingenommenheit zu kämpfen gehabt, er hat in dieser Tätigkeit doch vieles erreicht, irrige Meinungen aufgeklärt, schädliche Pläne verhindert, Wohlwollen und Verständnis für jüdische Anschauungen und Einrichtungen gewonnen. Im Jahre 1895 gab er seine aUgemeine journalistischen Tätigkeit auf; um in sich der Oeffentlichkeit vorwiegend jüdischen Angelegenheiten zu widmen. Er wurde ein Jahrzehnt hindurch Leiter der „Israelitischen Wochenschrift" und sodann ein Hauptmitarbeiter der Zeitschrift „Ost und West". Mit grosser Lebhaftigkeit beteiligte er sich an den Kämpfen, die damals zwischen den verschiedenen Parteien im Judentum, ganz besonders in der hiesigen Gemeinde sich erhoben hatten. Dafür brachte er eine heutigen Tages nicht gewöhnliche Kenntnis des Schrifttums wie der Geschichte des Judentums mit und eine grosse Vertrautheit mit dessen Einrichtungen, vor allem aber eine wahrhafte Liebe, die er als ein ihm teures Erbe seiner Väter ansah. Er hatte einen guten Blick für die Lebenskraft und Lebensfülle der jüdischen Religion und ein eindringendes Verständnis für das Notwendige wie für das Gefährliche und Schädliche in den modernen Bestrebungen für Aenderungen in seiner Gestaltung. Er wurde ein scharfer Kritiker dieser Bestrebungen und derjenigen Anschauungen und Tendenzen, die ihm nach seiner Kenntnis und Empfindung unberechtigt und bedenklich schienen. Wie verschieden auch die Meinungen bei den einzeihen Parteien über diese seine Wirksamkeit und die schonungslosen Urteile, die er nach rechts wie nach links richtete, lauten mochten, aller Anerkennung erwarb er sich durch den Mut und die Tapferkeit, mit der er den Kampf, nach aussen führte. Er hat ihnnicht nur geführt gegen