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Ost und West · 1910-10-01 · Heft 10 (Oktober 1910) · p. Seite 659 - 660

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 10 (Oktober 1910)
Article
Das Germanentum in der klassischen deutschen Litteratur
Date
1910-10-01
Page
Seite 659 - 660 (sequence 3)
Language
German
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659 Das Germanentum in der klassischen jüdischen Litteratur. 660 Angesichts solcher Schwierigkeiten beschränke ich mich hier vorläufig auf eine Spezialfrage. Ich werde untersuchen, was an unsrer klassischen Literatur germanisch ist und was nicht. Auch schon bei dieser Beschränkung werden sich höchst denkwürdige Resultate ergeben, nicht nur für den Forscher, sondern auch für den Politiker. Den Einwendungen der Gegner sehe ich mit Seelenruhe entgegen. Man kennt ja die Taktik dieser seichten Wissenschaftler. Man wird mir vorwerfen, dass ich vorschnell verallgemeinere, dass ich Umstände, die zugunsten meiner Gegner oder zu meinen Ungunsten Sprecher, verschweige oder entstelle, dass ich Vermutungen und Tatsachen nicht gehörig auseinanderhalte, dass ich mir selbst widerspreche, dass das Quellenmaterial nicht genügend gesichtet ist, dass ich vor Zirkelschlüssen nicht zurückschrecke, dass ich kurz gesagt weder die Regeln der historischen noch die der philologischen Kritik beachte. Ich aber sage mit Chamberlain (I 122): Das sind alles blosse philologische Tüfteleien, kleinliche Bedenken müssiger Stubenhocker, über die ich weit erhaben bin. Treffen doch alle jene Vorwürfe auch für die bedeutendsten Vertreter der politisch-anthropologischen Wissenschaft zu. Sie müssen also auf germanischer Nationalanlage beruhen. Es sind Fehler, aber solche, die zum Guten führen und in Wahrheit Tugenden sind. Mir schwebt ja als Ideal nicht etwa eine kosmopolitisch verschwommene Wissenschaft vor, sondern eine rassige germanische. Mit dem Wahn einer für die gesamte Menschheit gleichen Wissenschaft, die uns die für den früheren Deutschen so charakteristische Vernachlässigung seiner Rassenindividualität beschert hat, hat Reimer (S.30) jetzt gründlich aufgeräumt. Die Anthropologie muss vor allem politisch sein, mit andern Worten, sie muss mit allen Mitteln für die germanische Rasse eintreten. Hat man es etwa Chamberlain übel genommen, dass er z. B. die Messungen der Kraniologen verwirft, dass er deren „chaotische" Wissenschaft mit Spott und Hohn überschüttet, aber trotzdem auf ihren Ergebnissen weiterbaut? Verdenkt es ihm jemand, dass er die Kelten und Slawen bald den Germanen entgegensetzt, bald sie, natürlich nur soweit sie etwas taugen, als „Germanen im weiteren Sinne" auffasst? Warum Soll mir nicht dasselbe Recht zustehen? Auch brauche ich wohl nicht erst zu versichern, dass ich, ganz wie dieser mein genialer Vorgänger, gelehrtes Wissen aus vollem Herzen verachte und die mit der Rasse gegebene Anlage höher stelle als kalte Vernunft und Buchgelehrsamkeit. Dr. Ernst Müller, Hamburg. (Schluss folgt.) KOL-NIDREI. Nachdruck verboten. Eine kleine Geschichte von Alessandro Carasso. Vorabend des Versöhnungstages. Der Himmel ist wolkenverschleiert. Eh dass der Tag noch verschwunden, hat sich die Nacht herabgesenkt. Sarah hat noch in aller Hast, über die Wiege gebeugt, dem Kind die Brust gereicht. Dem kleinen neunjährigen Salmenke aber bindet sie auf die Seele, sich von der Wiege nicht wegzurühren, bis sie wieder heimkäme. Fest und bestimmt verspricht es ihr Salmenke. Und Sarah eilt aus dem Hause — zu Kol-Nidrei. Sehr weh war ihr ums Herz. Wie denn? Salmenke ist doch selbst noch ein Kind, und da muss sie ihm für den ganzen Abend den Säugling zur Obhut überlassen, und das Würmchen ist noch obendrein krank. Und zu alldem bringt sie Salmenke um ein Kaddisch-Gebet. Doch was sollte sie tun? Sie hat noch nie bei Kol-Nidrei gefehlt. Morgen wird sie sich schon mit Salmenke in den Gottesdienst teilen. Ein tieftrauriger Gedanke zuckt plötzlich in ihrem Hirn auf, und sie seufzt schwer. Noch im vorigen Jahre war es, dass sie zur selben Stunde, auf demselben Fussweg mit ihrem Manne zum Gotteshaus gegangen war; und heute? . . . Vater im Himmel! .. . Jetzt liegt er schon drei Monate da unten in der Erde! Mag er wenigstens ein guter Fürsprecher für sie und die zwei armen Waisen sein! Aus ihren schwachgewordenen Augen, die die ganze letzte Zeit nicht aufgehört haben zu weinen, rollen langsam zwei schwere, heisse Tränen. Sie merkt es kaum. Sie ist schon — gelobt sei Gott! — so ans Weinen gewöhnt, dass die Tränen kommen und verschwinden ohne ihren Willen, ohne ihr Wissen . .; Aus dem Jüdisch-Dentschen tibersetzt von Berthold Feiwel. Raschen Schrittes nähert sie sich dem Gotteshaus. Die grossen Fenster mit den Davids-Schildern spiegeln einen breiten und wogenden Lichtschein wider. Der kommt von den mächtigen Wachskerzen her, die die Männer der Gemeinde angezündet haben, jeder für das Seelenheil seiner dahingeschiedenen nächsten Verwandten. Aber auch Sarahs Kerze brennt dort. Sie hat selbst das Wachs geknetet, selbst den Docht geflochten und gedreht, selbst die Kerze nach dem Gotteshaus getragen und sie mit eigener Hand angesteckt, dass sie leuchte zu Ehren der reinen Seele ihres Mannes. Ein paar schwere Regentropfen fallen nieder und klatschen zerstiebend auf ihr gelbseidenes Kopftuch. „Gelobt sei Gott!" ruft Sarah in frommer Dankbarkeit, „dass ich noch zur rechten Zeit fortgegangen, sonst hätte noch der Regen mein seidenes Kopftuch ruiniert!" Wer kann ermessen, wie teuer es ihr ist. Noch ein Geschenk von ihm! Mag er selig wandeln im lichten Paradies! Noch vor der Hochzeit hat er es ihr geschenkt. . . . Als sie in den Flur des Gotteshauses trat, der zur Männerabteilung führt, blieb sie einen Augenblick stehen. Mit einem hastigen Ruck schiebt sie das Kopftuch vor. Es könnte sich — Gott behüte! — ein Härlein vorgewagt haben. Am Jomkipur! Die Tür der Männerabteilung stand ein wenig offen. Bei welchem Gebet sie wohl hielten? Sie warf einen verstohlenen Blick ins Innere, und ein trauriger Schatten huscht über ihr Gesicht. Das ganze Gotteshaus scheint eine Grabeshalle zu sein, angefüllt mit Leichen. Ein weisser Sterbekittel neben

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