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Ost und West · 1910-10-01 · Heft 10 (Oktober 1910) · p. Seite 653 - 654

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 10 (Oktober 1910)
Article
Jüdische Dozenten an der Berliner Universität
Date
1910-10-01
Page
Seite 653 - 654 (sequence 8)
Language
German
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653 Dr. Carl Pinn: Jüdische Dozenten an der Berliner Universität. 654 sinn die Störungen der Handlung (Apraxie) zuerst analysiert und zu lokalisieren versucht hat. Es wird auffallend, dass nur zwei jüdische Privatdozenten, Gottschalk und Blumreich, sich mit Gynaekologie und Geburtshilfe beschäftigen. Einen Privatdozenten für Chirurgie gibt es in Berlin überhaupt nicht. Eingeweihte wissen, dass diese Erscheinung kein Zufall ist. Der Antisemitismus hat in den sonst so keimfreien Operationssälen guten Nährboden. Die Zeit ist wohl nicht mehr fern, wo es erstklassig vorgebildete jüdische Operateure in Deutschland nicht mehr geben kann! Sie haben dem Ruhm der deutschen Wissenschaft wirklich nicht geschadet, die jüdischen Privatdozenten. Sie müssen in der Anerkennung der Aerzte ihre Genugtuung finden, wie die Männer vor ihnen. Den Ohrenärzten Ludwig K a t z und J a c o b s o h n ist es nicht besser gegangen. Moritz Litten, den das seltsame Schicksal traf, an einer von ihm selbst entdeckten Krankheit, der traumatischen Pneumonie, zu sterben, musste fern von der Universität seiner palpatorischen Künste Jünger suchen. Ludwig Prof. Dr. Rawitz. Waldenburg,' der in vorbakterieller Zeit die Tuberkulose der Lungen klassisch studiert hat, der Schöpfer der Spirometrie, hat sich in einem Winkel der Charite herumgedrückt. Und die Poliklinik des kleinen Josef Meyer, Senators Vorgänger, war auch nur eine armselige Arbeitsstatt. Nur der Hebräer und Talmudist Zabludowsky fand durch die wirksame Förderung von Bergmanns ein Staatsinstitut für seine Massagetechnik. Die jüdischen Privatdozenten haben wesentlich den Trost, dass ihre Seele unter der Zurücksetzung nicht gelitten hat. Andere haben zu guter Zeit versucht, sich die vorgeschriebene Religion zuzulegen. Paradigmen sind die Söhne eines konsequenten Reformrabbiners, die ihrem Vater freilich an Konsequenz um einige Nasenlängen voraus sind. Der eine (der geschäftstüchtigere) hat sich schon bei Abschluss seiner Studentenzeit in der Vorsorglichkeit eines prophetischen Gemütes gangbare Ahnen zugelegt. In seiner Vita schreibt er: Ich bin geboren als Sohn des — Landgeistlichen X. Y. Ein zweiter Artikel (über die Dozenten an der philosophischen Fakultät) mit Porträts folgt. NACH Unsere Leser werden wahrscheinlich das eine oder andere Konterfei vermisst haben. Dieser Mangel erklärt sich zum Teil aus ganz natürlichen Gründen: einzelne Gelehrte sind jetzt in der Zeit der Universitätsferien verreist und schwer erreichbar; andere sind so wenig eitel, dass sie nicht einmal ein Abbild von sich besitzen. Befremden muss es aber, wenn verschiedene Herren die Einsendung ihrer Photographie mit der eigenartigen Motivierung abgelehnt haben, dass eine derartige Massenaufzählung jüdischer Gelehrter nur geeignet sei — „Rischus" zu erregen. Fürwahr ein ganz merkwürdiger Gedankengang! Ist etwa die Konstatierung von Geistesreichtum auf die gleiche Stufe zu stellen mit der Erregung des Neides der besitzlosen Klassen durch Entfaltung von Prunk und Aufwand? Oder ist diese Statistik gar nach Auffassung mancher mit einer Verbrecherliste identisch? Sollen wir Juden, denen man immer den „moneymonistischen Geist" und das skrupellose Jagen nach materiellem Gewinn nachsagt, uns schämen und es gar als ein Verbrechen betrachten, dass wir eine so stattliche Anzahl von Forschern besitzen, die sich in ausserordentlich uneigennütziger Weise und unter den grössten Opfern der Wissenschaft widmen? Die Angstmeier freilich kommen mit dem Einwand, dass wir durch diese Aufzählung die Aufmerksamkeit der Antisemiten auf den grossen Heerbann jüdischer Dozenten, namentlich in der medizinischen Fakultät, lenken. Diese, sprichwörtlich mit Vogelstrausspolitik bezeichnete Aengstlichkeit, ist ganz und gar unangebracht. Wer selbst blind ist, hat noch kein Recht anzunehmen, dass deswegen die andern nicht sehen können. Nur wer sich lächerlich machen will, darf glauben, dass die Antisemiten und die Herren Personalchefs im Kultusministerium auf unsere Public wort. kation haben warten müssen, um über die Zahl der jüdischen Dozenten Aufklärung zu erhalten. Wir können es doch unseren Gegnern in keinem Falle recht machen. Sie würden, wenn die Zahl der jüdischen Universitätslehrer nur klein wäre, umgekehrt Zetermordio schreien über das mangelnde Interesse der Juden an der Wissenschaft, die lieber Schacher treiben als wissenschaftlich forschen. Selbst auf die Gefahr hin, den Antisemiten die Arbeit zu erleichtern, gehen wir unbekümmert unsern geraden Weg. Wir bilden uns nicht ein, als Juden die Wissenschaft gepachtet zu haben, wohl aber müssen wir bei jeder passenden Gelegenheit — und eine solche liegt unseres Erachtens hier vor — den Gesichtspunkt betonen: Was leistet die Judenheit für die Wissenschaften, und wie werden diese Leistungen von staatlicher Seite anerkannt? Das vollständige Fehlen eines ordentlichen Professors bei der Fülle von anerkannten Forschern, Krankenhausdirektoren und dgl. gibt unbedingt auch dem unbefangenen Gemüt zu denken. Wir haben nicht zu viel jüdische Dozenten, sondern von den vielen Berufenen bekleiden nur zu wenige die Stellung, auf die sie mit Fug und Recht Anspruch erheben können. Nur ein Beispiel statt vieler: Nach dem Tode Oscar Lieb reichs (der getauft war), kam ernsthaft nur Paul Ehrlich für den Lehrstuhl der Pharmakologie in Betracht. Durch ihn hatte dieses Wissensgebiet einen neuen Charakter erhalten. Man zog eine christliche Mittelmässigkeit dem genialen Juden vor, der fortan weiter den Ruhm Deutschlands erhöhen darf auf — eigene Kosten und durch die Unterstützung reicher Juden (Speier, Hallgarten). Soviel zur Beruhigung allzu ängstlicher Gemüterl (Anmerkung d. Red.)

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