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Ost und West · 1910-10-01 · Heft 10 (Oktober 1910) · p. Seite 637 - 638

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 10 (Oktober 1910)
Article
Memoiren einer Großmutter
Date
1910-10-01
Page
Seite 637 - 638 (sequence 3)
Language
German
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637 Arno Nadel: Memoiren einer Grossmutter. 638 wegen~ Brustschmerzen und-*-hundert ~ andrer Dinge. Sie ist der Geburtshilfe beflissen und leistet Juden und Christen in gleicher Weise ärztlichen Beistand. Auch in der Nacht hat sie keine Ruhe. In ihrem Zimmer ist ein Seitenfenster, an das zu jeder Stunde angeklopft werden darf, wenn eine kreissende Frau ihrer bedarf. Wenn Windeln für das Neugeborene fehlen, zerreisst sie ihr eigenes Hemd und wickelt das Kind darin ein. Die ganze Bevölkerung, auch die christliche, verehrt sie wie eine Heilige, ihr Wunsch ist jedem Befehl und ihr Wort Gesetz. Die Hauptmerkmale ihres Charakters sind ein tiefer Ernst, religiöse Bescheidenheit und eine ungeheuchelt fromme Unterwerfung unter den Willen Gottes. — Eine andre Gestalt. Ein jüdischer Soldat, der nie seine Pflicht verletzt und sehr eifrig im Dienste ist, der aber die übrige Zeit mit Talmudstudien verbringt, in seinem eigenen Kämmerchen, das ihm bewilligt worden. Seine Vorgesetzten und seine Kameraden sprechen von ihm als von einem göttlichen Mann. Auch das ist in Russland möglich. — Und nun der Gatte der Schreiberin im Hintergrund aller Geschehnisse, vielleicht die sympathischste Erscheinung des ganzen Buches. Als Bräutigam schreibt er der Braut, die er kurz zuvor kennen gelernt hat, von der Reise: „Vielgeliebte und teure Peschinke, leben sollst Du mir, gesund sein, einzige Seele meine!" In den ersten Jahren der Ehe sitzt er jeden Montag und Donnerstag die ganze Nacht mit seinem Lehrer über grosse Folianten gebückt, von oben bis unten in einen Lappen gehüllt, das Haupt mit Asche beschüttet, um „Goles abzurichten", d. h. um das Joch des Exils zu beklagen. Dann aber wird er ein Zweifler und ein Gleichgültiger. Er gelangt nach und nach zu Reichtum und Ansehen. Die Gattin muss die koschere Wirtschaft aufgeben, sie muss sich den Scheitel abnehmen und eine Sitte nach der andern fahren lassen. Er bittet zuerst, dann aber fordert er die Erfüllung seiner Wünsche. Als bei der Trauerkundgebung für den ermordeten edlen Zaren Alexander II. zum erstenmal auch Juden teilnehmen dürfen, wählt ihn die Minsker Stadtduma neben dem Bürgermeister der Stadt als Delegierten. Als er in derselben Stadt, weil er sich einem Antisemiten auf offener Strasse widersetzt hat, zum Gouverneur Petrow zitiert und von diesem mit den Worten: „Wie ich höre, sind Sie in der Stadt mehr Befehlshaber als ich selbst. Vielleicht wollen Sie überhaupt meinen Posten übernehmen? empfangen wird, bedankt er sich höflich und versichert, er sei mit seiner Stellung als Direktor der Kommerzbank sehr zufrieden Und verlange keine andere. — Er gründet eine dreiklassige Gewerbeschule für Knaben — seine Frau einige Jahre später eine solche für Mädchen — die noch heute besteht. Er erlebt die Taufe seiner Kinder, wird still, verbittert und verfällt in die mystische Stimmung der Jugendzeit. „Diese innere Zerrissenheit kam immer mehr zum Vorschein, oft ganz unvermittelt. Einmal gaben wir ein Abendessen, zu dem sechzig Personen geladen waren. Mein Mann war die ganze Zeit gut gestimmt, unterhielt sich mit allen und spielte den liebenswürdigen Wirt. Es war schon spät in der Nacht, als die Gäste unser Haus verliessen. Plötzlich, wie aufgewühlt von einem grossen Schmerz, rang mein Mann die Hände und rief: „Ach? sechzig jüdische Kinder sassen ,hier beieinander und assen treife!" Bis zum letzten Atemzug vertritt er die Interessen seiner Stammesgenossen, er ist zwölf Jahre Mitglied der Minsker Stadtduma. Der Stadtprediger schliesst die Leichenrede auf Wengeroff mit den Worten: „Wenn er auch manche jüdische Sitte in seinem Leben vernachlässigt hat, so muss man doch an seinem .Grabe laut gestehen: ,dass er ein Auhew Amau Jisroel war, dass er sein Volk Israel liebte/" — Mit diesen Worten schliesst auch das schöne Werk. Und so ist es in der Ordnung. Denn das eigentliche Leben der Schreiberin endet tatsächlich mit dem Tode ihres bedeutenden Gatten. Ihre eigene Tragik ist nur gering. Sie ist eine zu optimistische, zu sehr echt weibliche Natur, um an ihrem grössten Lebensschmerze, der Taufe ihrer Kinder, mehr za leiden, als es geschieht. Damit treffen wir einen wunden Punkt der russischjüdischen Volksseele überhaupt. Diese russischen Juden, die die Kultur geschmeckt haben, wollen zugleich all ihrer Genüsse teilhaftig werden, und so treten sie vor das Kreuz und schwören ihre Religion ab und versichern eidlich, dass sie an Gott, Sohn und heiligen Geist glauben. Was ist Religion? Religion ist der Gegensatz von Lüge. Sie aber lügen'— um des Goldes willen. Dass das an ihrem eignen Leibe (an ihren Kindern nämlich) und an ihrer Seele sich straft, ist selbstverständlich. Nur der, der glaubensstark und gut ist, oder der, an dessen Grab man sagen kann: „Wenn er auch manche jüdische Sitte in seinem Leben vernachlässigt hat, so muss man doch gestehen: ,dass er ein Auhew Amau Jisroel war, dass er sein Volk Israel liebte'," ist Gott und Menschen wert. Das verspürt man angesichts der Schicksale, die die wundervolle Frau Pauline Wengeroff uns vorführt.

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