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Ost und West · 1910-10-01 · Heft 10 (Oktober 1910) · p. Seite 635 - 636

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 10 (Oktober 1910)
Article
Memoiren einer Großmutter
Date
1910-10-01
Page
Seite 635 - 636 (sequence 2)
Language
German
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635 Arno Nadel: Memoiren einer Grossmutter. 636 Haus- und Gemeindewesens der russisch-litauischen Juden um die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Der zweite Band ist mehr persönlicher Natur, in ihm wandelt schon das Einzelschicksal. Aber auch hier wird der Kulturhistoriker sich nicht ohne Nutzen umsehen. Ich denke dabei z. B. an die Beschreibung der Reise des Montefioreschen Ehepaars. Wann lebten diese sonderbaren Gestalten, von denen da erzählt wird, die die Verfasserin gesehen zu haben behauptet? Lebten sie im Altertum oder im Mittelalter? Da wagt es ein junger Ehemann, der Schwager der Schreiberin, mit seiner Frau auf die Strasse hinaus zu gehen. Das sieht sein Schwiegervater und ruft der Tochter zornig zu: „Du gehst sofort zurück. Dein Mann kann allein gehn. Für jüdische Frauen, und gar für meine Töchter, passt es sich nicht, dicht beieinander und noch am hellen Tage zu spazieren." Wann geschah es, dass eine Braut ihren künftigen Ehegemahl kurz vor der Hochzeitszeremonie zum erstenmal sehen durfte? Diese Braut war die Schwester der Autorin. Wann lebten jene jüdischen Mystiker, die in Verzückung den Tänzen und kleinsten Bewegungen ihres Lehrers folgten, ^dessen Gliedmassen unendlich weihevoll waren und der mit jedem Schritt sich zur Gottheit emporhob, mit der Gottheit sich vereinte". Und von einem andern Heiligen wird erzählt, er habe die höchsten Stufen der Göttlichkeit erklommen, weil er in Feldern und Wäldern umherirrte,. gemeinsam mit der Natur Lobhymnen an Gott richtete, in tiefen Höhlen Psalmen hersagte und ganz allein in einem kleinen Kahn auf dem grossen weiten See umherfuhr. Sie lebten nicht vor zweitausend Jahren, sie weilten nicht in den geheimnisvollen Tempeln der Inder, sie leben noch heute in Russland; während sie feilschen und handeln, während sie notgedrungen mit irdischem Wesen sich abgeben, leben sie im tiefsten Innern ein Leben in Gott. — Drei, vier Personen, die in dem Buch eine Rolle spielen, stehen lebendig vor uns. Da ist zunächst der Bruder von Pauline Wengeroff. Ich teile der Kürze halber nur Tatsachen von ihm mit. Er ist als aufgewecktes, gutes Kind der Liebling der ElternTund Schwestern. Mit dreizehn Jahren Talmudist. Später muss er eine Cousine, die er nicht liebt, und die ihn nicht liebt, heiraten, damit das Vermögen nicht zerstreut würde. Nach der Geburt des ersten Kindes geht er nach Nordamerika. Hier versucht er es mit dem Handel, mit Fabrikarbeit und endlich mit dem Landhau. Er erwirbt eine kleine Farm, besucht im neuen Kreise öfter die Kirche und lauscht andächtig der Predigt. Er lässt sich taufen. Man wird auf ihn aufmerksam, seine biblischen und talmudischen Kenntnisse sollen nutzbringend gemacht-werden. Er gibt die Farm auf, wird Theologe und wandert als Prediger von Stadt zu Stadt. Dann ruft er seine Frau und sein Kind aus Russland zu sich. Seine Freunde drängen ihn, sein Leben der Judenmission zu widmen; er findet sich dazu bereit unter der Bedingung, dass er zuvor Medizin studieren dürfe. Nach wenigen Jahren kann er sein ärztliches Studium abschliessen. Er wird nach der Balkanhalbinsel gerufen, um seine Missionstätigkeit auszuüben. Dort verbringt er mehrere Jahre, jedoch erfolglos, und als ihm die Mittel für eine Missionsschule verweigert werden, wendet er sich der medizinischen Praxis zu. Juden, Türken, Bulgaren und Griechen sind seine Patienten. Durch eine grössere Erbschaft kommt er in die Lage, die Seinen wiederzusehen. „In einer Stadt Deutschlands trifft man sich. Das Wiedersehen ist qualvoll, herzzerreissend. Die alte Mutter fällt dem Sohne zu Füssen und schwört, dass sie nicht eher aufstehen werde, als bis der Sohn wieder zum Glauben seiner Väter zurückkehre und nie wieder während ihres Lebens nach Amerika gehe. Mein Bruder gibt das Versprechen. Er bleibt in Deutschland und wird ein Jude, der getreu die Satzungen seiner Religion beobachtet. Die Sohnesliebe siegt. Er bleibt eine kleine Zeit mit Mutter und Vater in Deutschland. Sie fühlen sich glücklich. Sie haben ihr Lebensziel erreicht." — Seine Ehe wird geschieden; die Mutter stirbt. Er darf wieder nach Amerika reisen. Inzwischen macht er als Korvettenärzt unter Admiral Tegetthoff die Seeschlacht bei Lissa mit, besingt diese Schlacht in einem englischen, dem Admiral gewidmeten Gedicht, und erhält vom Kaiser dafür eine Ehrengahe von 600 Florin. Er kehrt nach Amerika zurück, wirkt an einer Reihe von Universitäten als Professor für Sprachen, nimmt dann wieder seine Praxis auf, und geht endlich nach Chicago, wo er heute noch Mitredakteur des „American Journal of Clinical Medicine" ist. In Cincinnati wieder verheiratet, hat sieben Kinder, ist trotz seiner 81 Jahre noch tätig uud von seinen Mitbürgern geehrt. — Solche Menschen leben in unserm abenteuerlosen Geschlechte. — Da ist ferner eine Prachtfigur: die Grossmutter im Hause der alten Wengeroffs. Noch als Urgrossmutter versorgt die Greisin eine ausgedehnte Wirtschaft. Sie ist eine musterhafte Wirtin und eine Meisterin im Zubereiten von Leckerbissen aller Art. Den ganzen Tag kommen Leute zu ihr, um sich Rat und Unterstützung zu holen. Eine Menschenmenge umgibt sie, wenn sie aus der Synagoge kommt; man befragt sie wegen Stellung, wegen Verheiratung,

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