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Ost und West · 1910-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1910) · p. Seite 573 - 574

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1910)
Article
Die Märtyrer von Berlin
Date
1910-08-01
Page
Seite 573 - 574 (sequence 7)
Language
German
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573 B. Samuel: Die Märtyrer von Berlin. 574 dieses Recht an sich reissen. Es versteht sich, dass dieser Kampf auf dem Rücken der Juden ausgefochten wurde. Hatte ein Fürst Juden aufgenommen und privilegiert, und alle Einkünfte von ihnen sich ausschliesslich vorbehalten, so drangen die Städter unter allerlei Vorwänden darauf, sie aus dem Land zu jagen. Die Ritterschaft hatte stets ein Interesse daran, die Juden, die zumeist ihre Gläubiger waren, aus dem Land geschafft zu wissen, denn damit war sie auf die bequemste Weise ihre Schuldner los, brauchte nicht zu zahlen und hatte noch dazu ein gutes Gewissen. Dass die Geistlichkeit stets gegen die Juden war, wird nicht wundernehmen. Doch ertönten gerade aus den Reihen der Geistlichkeit nicht selten Stimmen des Protestes gegen die ungerechte Bedrückung der Juden. Da die Juden stets um ihr Leben und die Zukunft ihrer Familien zittern mussten, so war es nur natürlich, dass sie aus der augenblicklichen Lage soviel herauszuschlagen trachteten, als möglich. Die Machthaber waren darauf bedacht, dass kein inniges Band sich zwischen die Juden und ihren Aufenthaltsort schlinge, dass dieser ihnen nie zur Heimat werde. Das hinderte schon der Umstand, dass die Juden meist nur auf eine bestimmte Zeit zugelassen wurden, nach deren Ablauf sie zum Wanclorstab greifen oder um neue Summen eine weitere Frist erkaufen mussten. Es versteht sich, dass die Beschützer der Juden im Eintreiben der Schutzgelder keine Rücksichten walten liessen, und sich nicht daran kehrten, dass etwa die Ernte einmal nicht ergiebig gewesen sein mochte. Die Juden trachteten häufig, ihre Gelder samt den Zinsen durch Hypothekarverschreibungen sicherzustellen. Allein, das galt im allgemeinen nicht als zulässig, da es Grundsatz war, den Juden vom Besitz an Grund und Boden fernzuhalten, und namentlich in der Mark Brandenburg wurden häufig diesbezügliche Verbote erlassen. Je grösser nun das Risiko des jüdischen Geldverleihers war, desto höher musste naturgemäss die Prämie sein, die er sich dafür entrichten lassen mochte. Dass diese Lage nicht dazu beitragen konnte, die gegenseitigen Gefühle zwischen Juden und Christen zu veredeln, ist klar; jeder Jude zitterte fortwährend für sein Leben, und der Christ betrachtete den Juden als den behördlich konzessionierten Blutegel. Dazu kam auf Seiten der Christen der bis zur Wut sich steigernde Verdruss und Aerger darüber, dass die verstockten Juden in ihrer hartnäckigen Verblendung die Gottheit und das Erlöserwerk Christi beharrlich leugneten und trotz aller Martern und Qualen sich weigerten, von ihrem alten Glauben zu lassen, der doch auf Golgatha längst überwunden worden war. Man empfand, besonders von Seiten der Geistlichkeit, schon das Dasein der Juden aiif Erden als eine Negation und Beleidigung des offiziellen Christentums. Und da man sie trotz aller Bemühungen nicht ausrotten konnte, etwa gleich den Albigensern, Waldensern und andern Häretikern, so ersann man zur Erklärung ihres Fortbestandes eine Formel, mit der man sich abfinden und zugleich das Gewissen beruhigen konnte: Die Juden sind verflucht und verworfen, sie werden aber geduldet und erhalten als Zeugnis der christlichen Wahrheit und zum Gedächtnis der Leiden Christi; allein sie dürfen nie vergessen, dass sie durch eigne Schuld zur ewigen Sklaverei verurteilt sind. Trotzdem sieht man im Mittelalter die merkwürdige Erscheinung, dass gar oft das Verlangen nach Juden sich geltend macht. Nicht nur die Fürsten „schaffen Juden ins Land", sondern auch die Städte bemühen sich häufig, Juden zu bekommen. Natürlich geschah das nicht aus humanitären, sondern aus finanzpolitischen Gründen. Die Juden waren als Bankiers und Kapitalisten, als organisatorische Finanziers eben unentbehrlich. Aber kaum hatten sie ihre Funktion erfüllt und den momentanen Bedürfnissen genügt, so empfand man sie bald wiederum als lästig, und dann kehrte sich der ganze Glaubens- und Rassenhass im Verein mit dem Groll der wirklich oder vermeintlich Benachteiligten gegen sie. Dass sie nur ein Werkzeug in der Hand Mächtigerer waren, konnte die Menge natürlich nicht einsehen. Kehrt sich doch noch heutzutage, trotz der ungeheuer gesteigerten wirtschaftlichen Einsicht und politischen Schulung, selbst in sehr fortgeschrittenen Ländern der Hass im Klassenkampf gegen die Personen mehr als gegen das System, gegen die unmittelbar greifbaren Vordermänner, als gegen die Hintermänner und Drahtzieher. Und wenn es gar zu einem Kampf zwischen den Mächtigen um die aus den Juden zu ziehenden Einkünfte kam, da steigerte sich der Hass gegen sie bis zur Siedehitze, und es bedurfte nur eines geringen Anlasses, um ihn verheerend zum Ausbruch zu bringen. In solchen Momenten wurden gewöhnlich die angeblichen KinderschLachtungen und Hostien sc händüngen von Seiten der Juden verübt. In einem solchen Moment fand auch die angebliche Missetat der brandenburgischen Juden und der blutige Sühneprozess von 1910 statt. Es ist müssig, wie manche Historiker tun, nach der Schuld oder Unschuld der Juden in diesem Fall zu fragen. Ebensowenig wie ein vollsinniger Jude je ein^ Christenkind gemartert, um sich daran die Kreuzigung Christi vorzudemonstrieren, oder um das Blut als Heilmittel gegen wirkliche oder eingebildete geheime Krankheiten seines Stammes zu gebrauchen, oder es in die Mazzah zu kneten, oder zu sonstigen rituellen Zwecken zu verwenden, — ebensowenig ist es einem Juden je in den Sinn gekommen, eine Hostie zu „martern" oder zu schänden. Die Juden waren wohl über die Lehren der Kirche, je nach ihrem sonstigen Wissensgrad, im allgemeinen unterrichtet, wussten ganz genau, worin sich der dogmatische Inhalt des Christentums vom Judentum unterschied; auch die Zeremonien der Kirche waren ihnen im allgemeinen, insofern sie sich draussen abspielen, sehr wohl bekannt. Aber von der Hostie und dein Mysterium der Verwandlung und allen mystischen Vorstellungen, die sich daran knüpften, hatten sie wohl kaum eine Vorstellung. (Das ist so auch heute der Fall; ich habe mich davon durch Umfrage bei Juden der verschiedensten Klassen in verschiedenen Gegenden überzeugt. Ich selber, obgleich in einer streng katholischen Gegend aufgewachsen und mit den kirchlichen Zeremonien vertraut, habe von der Hostie erst als erwachsener Mensch aus Büchern erfahren.) Den Juden des Mittelalters kam diese ganze Lehre wahrscheinlich erst durch die über sie hereingebrochenen Verfolgungen zur Kenntnis. Sofern sie von ihr hörten, musste sie ihnen unverständlich erscheinen, und konnte sicherlich nicht dazu beitragen, das Ansehen des Christentums in ihren Augen zu heben. Vollends zu glauben, der „Christengott" sei im geweihten Brot leibhaftig zugegen, und man könne ihn martern, wenn man dieses steche, musste ihnen als Blasphemie, ja _ schlimmer als das erscheinen; und sie hätten sich gewiss eher martern lassen, als dass sie das Bekenntnis eines

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