Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1910)
- Article
- Die Märtyrer von Berlin
- Date
- 1910-08-01
- Page
- Seite 569 - 570 (sequence 5)
- Language
- German
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569 B. Samuel: Die Märtyrer von Berlin. 570 Tage darauf, am 24. Oktober, wurde an 25 Männern und 2 Frauen, die als schuldig erkannt worden, das Urteil vollzogen; sie wurden vor dem Tor der Stadt Sternberg auf einem Berg, der seither der „Judenberg" genannt wird, lebendigen Leibes verbrannt. Man redete den Verurteilten zu, sich taufen zu lassen, - sie lehnten ab. Ein zeitgenössischer Chronist erzählt: „Der Herzog Magnus redete einen Juden Aron, dem er mehr Gefühl als den andern zutrauen mochte, mit den Worten an: ,Warum folgst du nicht unserm Glauben, um durch die Taufe mit uns gleicher himmlischer Seligkeit zu gemessen?' Aber Aron antwortete sophistisch schneidend: ,Edler Fürst, ich glaube an den Gott, der alles kann und alles geschaffen hat, an ihn, dessen Verehrung unseres Volkes Vater Abraham und sein Sohn Isaak und unsere anderen Vorfahren, die nie von unserem Glauben abgefallen sind, geboten haben. Er, so glaube ich, Hess mich Mensch werden und Jude. Hätte er mich zum Christen haben wollen, so hätte er mich nicht meinem heiligen Bekenntnisse zugewendet. Wenn es sein Wille gewesen wäre, hätte ich ein Fürst sein können wie du!c Ob solch ,sophistisch schneidender' Rede des Juden schwieg der edle Herzog Magnus und „knirschte mit den Zähnen". „Alle aber gingen mit festem Mut, ohne Widerstreben und Tränen, zum Tod und hauchten mit alten, heiligen Gesängen ihr Leben aus." „Der Braut, die unschuldig befunden ward, schenkten die Herzöge das Leben," bemerkt der Chronist naiv. Das Vermögen der Verbrannten wurde eingezogen, die sämtlichen Juden von Mecklenburg verbannt. (Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts siedelten sich Juden wieder in Mecklenburg an, und zwar in Schwerin.) Den Ausfall an Judensteuern deckte reichlich und vielfach die enoune Einnahme, die das Wunderblut einbrachte. ..Das Heilige Blut von Sternberg gelangte bald zum grössten Ansehen nicht allein in Deutschland, sondern in ganz Europa und wirkte unzählige grosse Wunder. Blindgeborene wurden in grosser Zahl sehend, Taube hörend, Lahme gehend, Ertrunkene lebendig. Kranke jeder Art gesund. Ja, selbst Kerker taten sich auf, Ketten zerbrachen, Räuber entflohen." Es ist also nicht verwunderlich, dass „für die Stadt Sternberg (und für ganz Mecklenburg) die Begebenheit für eine ganze Generation zu einer reichen Erwerbsquelle wurde, die sie auch wohl benutzte und um so ruhiger benutzen konnte, als kein christlicher Laie in der ganzen Stadt an der ganzen Geschichte tätigen Anteil genommen hatte; die Stadt war unschuldig, wie man in ähnlichen Fällen zu sagen pflegte. Zuerst lockte das geschehene Wunder viele Andächtige und Neugierige herbei, bald aber tat das Wunder wieder Wunder, und so stieg der Ruhm des einstweilen auf dem Hochaltar der Kirche niedergelegten Heiligen Blutes so sehr, dass man auf eine abgesonderte, eigne Verehrung denken musste." Bald war auch eine eigne prunkvolle Kapelle eingerichtet. „Bei dem grossen faidrang der Gläubigen geschah nun sehr viel für die äussere Ausstattung der Kapelle. Ausser der prachtvollen Aufstellung der durchstochenen Hostien ward an einem Pfeiler vorzüglich die eichene Tischplatte befestigt, auf der die Juden in der Laube hinter Eleasars Hause die Hostien durchstochen hatten; sie wurde mit folgender Inschrift versehen: „Dit is de tafele dar de joden dat hillige sacrament up gesteken und gemartelet hefft tom Sternberg im jare 1492." Darunter wurde eine kleine eichene Tafel befestigt, auf der die Verbrennung in erhabenen Figuren geschnitzt war. Auch andere die Begebenheit illustrierende Dinge waren bildlich dargestellt. Die Hostien wurden in einem aus Holz geschnitzten und bemalten- "undvergoldeten Tabernakel aufbewahrt, das so hoch war, wie die Kapelle. Es ging in dem grossen Brand von 1741 unter. Die Einkünfte, frommen Stiftungen und dergleichen waren sehr enorm und deren Verteilung wurde durch päpstliche Privilegien geordnet. Eine zahlreiche Geistlichkeit weihte sich dem Dienst der Kapelle, ein eigner Ostensor war angestellt, dem es oblag, täglich zweimal das Heilige Blut den Gläubigen zur Verehrung zu zeigen. Die „Brüderschaft des Heiligen Bluts und St. Anna" wurde 1503 gestiftet, deren Mitglieder beiderlei Geschlechtes die Aufgabe hatten, ununterbrochene Gebete in der Kirche und in der Heiligen-Bluts-Kap eile zu verrichten, um die Gebete der Pilger fortzusetzen und sie in Gemeinschaft mit dem Heiligen. Blut zu erhalten. Dennoch dauerte die Herrlichkeit der Heiligen- Bluts-Kapelle nicht lange. Sowie die Reformation in Deutschland sich ausbreitete, blieben die Fremden aus. Und im Jahr 1533 hörte die Adoration der durchstochenen Hostien ganz auf. In diesem Jahr wurde nämlich die Reformation durch den lutherischen Prädikanten Faustinus Labes vollständig eingeführt. Dieser hatte „das Sacramenth und Heilig Blut daselbst einen Teufel geheissen". Im selben Jahr erschien des Schweriner Prädikanten Egidius Faber „zornentbranntes" Buch: „Vom falschen Blut und Abgott im Thum zu Schwerin", in dem er u. a. sagt: „Ich habe zu Justrau und Sternberg gemarterte (wie man fürgibt) Sakrament gesehen, woraus sie einen Teufel machen." Unter solchen Umständen ging es denn im Jahr 1533 mit der Verehrung des Heiligen Bluts zu Ende. Und es ist nicht einmal gelungen zu ermitteln, was aus den Hostien geworden ist. W7enn die 1510 aus der Kirche von Knoblauch entwendeten und von den Juden, die darob den Feuertod erlitten, gemarterten Hostien sich nicht zu einem wundertätigen „Heiligen Blut" entfaltet haben, das Gnaden spendete und Reichtümer schaffte, so lag das nicht bloss daran, dass sie nicht aufgefunden worden waren. Nichts war ja leichter, als dass das Wunder geschah, das die Hostien wieder zum Vorschein brachte. Aber die Zeit war dazu doch schon viel zu vorgerückt. Wir haben ja gesehen, dass der Glaube an die verübte Hostienschändung allein nicht mehr genügte, um der Anklage gegen die Juden jene Tragkraft zu verleihen, die nötig war, den Hass wider sie zur lodernden Flamme zu entfachen; deswegen musste auch noch die Anklage wegen mehrfachen Kindermordes hinzugenommen werden, angeblich begangen an Opfern, die keiner je gesehen, die von keinem vermisst worden waren und deren Spuren keiner verfolgt hatte. Das zog noch stark, — wie es heutzutage noch zieht. Man wird jedoch den ganzen Prozess und die treibenden Kräfte nicht verstehen, wenn man nicht die ökonomischen und politischen Zeitumstände berücksichtigt. Am eingehendsten hat dies Ackermann getan (Monatsschrift für die Gesch. u. Wiss. d. Jud. 1905), der sein* scharfsinnig und auf Grund eines reichen Materials nachgewiesen hat, dass dieser ganze Prozess eigentlich nur eine Episode in dem Kampf bildete, den die Kurfürsten von Brandenburg gegen die Städter führten, um ihre Souveränitätsrechte diesen gegenüber zu wahren. Eins dieser Souveränitätsrechte bildete_ bekanntlich im Mittel-