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Ost und West · 1910-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1910) · p. Seite 559 - 560

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1910)
Article
Benno Becker
Date
1910-08-01
Page
Seite 559 - 560 (sequence 2)
Language
German
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559 Karl Schwarz: Benno Becker. 560 Schleier leise empor und singt sein frohes Lied zum Preis der Natur. Dann erwachen die schlummernden Massen und werden lebendig unter seinen Händen: die Baumkronen beginnen sich zu wiegen, über das Feld streicht ein sanfter Wind, und das Bächlein plätschert leise tief unten in seinem Bett. — Nur selten stören Menschen die Einsamkeit in ihrer stillen Feier, und auch dann treten sie bescheiden im Hintergrund auf und erhöhen den feinen Stimmungsgehalt des Ganzen. Dieses ist die Gestaltungswelt Benno Beckers: zarte, geheimnisvolle Motive, bei denen es sich gut träumen lässt. Dem entspricht auch die technische Ausführung, die ein tiefgründiges Studium der Natur erkennen lässt. Die Farben sind dünn aufgetragen, starke Kontraste werden vermieden und das Ganze in lichten und duftigen Tönen behandelt. Das Bestreben, die Formen möglichst weich aufzulösen und die feine atmosphärische Vertiefung des Raumes erinnern an Corot, manche Werke lassen den Einfluss Böcklins erkennen, neben dem Becker mehrere Jahre in Florenz arbeitete, ohne jedoch in persönliche Beziehungen zu ihm zu treten. Während aber bei Böcklin d"e Farbe den Grundakkord seiner Schöpfungen bildet, geht Becker von dem alles umfassenden Tongehalt aus und verbindet alle Farbenwerte zu einer gehaltenen Lokalstimmung. Keine Farbe spricht besonders stark, ein feiner Dunst oder Nebel umschliesst Formen und Farben. Daher bevorzugt der Künstler auch die Schilderung früher Morgen- oder später Abendstunden, die Zeit, da der Uebergang von Tag zu Nacht die Werte verschwimmen macht, und deshalb wendet er sich auch hauptsächlich nach Italien, wo in der südlichen Natur dieses Uebergangsstadium stärker hervortritt als bei uns im Norden. Zwar an der Küste derFOstsee und nach heissen Sommnrtagon können auch bei uns diese Stimmungen beobachtet werden — und so hat denn der Künstler auch früher Motive seiner ostpreussischen Heimat behandelt. In den letzten fünfzehn Jahren schuf er jedoch ausschliesslich in Italien, von wo er stets eine reiche Ernte an Skizzen mit heimbrachte, die dann im stillen Atelier in München zu gewaltigen Gemälden heranreiften. Vor sechs Jahren hat sich Becker in München, das er wegen seiner landschaftlichen Reize und der Nähe von Italien besonders liebt, ein eigenes Heim gebaut, das zu den sehenswertesten Gebäuden der Stadt gehört. An den grünen Ufern der Isar erhebt sich dieser herrliche Frührenaissancebau, dessen Räume mit einer erlesenen Kunstsammlung alter Meister geschmückt sind. Eine grosse kunsthistorische Bibliothek lässt erkennen, dass der schaffende Künstler auch auf diesem Gebiete bewandert ist. Er begann, nachdem er seinen Heimatsort Memel verlassen hatte, 1884 in München mit dem Studium der Kunstgeschichte und Archäologie, da sein Vater — der bekannte Bernsteinkönig — dem Jüngling die Künstlerlaufbahn verwehrt hatte, und betrieb daneben in dem Atelier von Fröhlicher die Landschaftsmalerei. Diese wissenschaftlichen Studien benützte er dazu, um sich allmählich auf seinen Reisen eine vorzügliche Sammlung alter Kunstwerke anzulegen. Heute verwendet er seine Kenntnis zu gemeinnütziger Tätigkeit; so z. B. verdankt ihm die jetzige mohammedanische Ausstellung in erster Linie ihr Zustandekommen und ihre Ausgestaltung. Interessant ist es zu beobachten, wie der Künstler bei seinem Schaffen zu Werke geht. Heute genügt es ihm fast immer, in der Natur nur eine flüchtige Bleistift- oder Kohleskizze zu entwerfen. Zu Hause wird dann die Komposition im Grossen in einer Art Gouachemalerei ausgeführt, und dann erst wird das BENNO BECKER. Toskanische Landschaft. MUE NOHEN.

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