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Ost und West · 1910-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1910) · p. Seite 549 - 550

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1910)
Article
Jüdische Politik
Date
1910-08-01
Page
Seite 549 - 550 (sequence 3)
Language
German
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549 Dr. Arthur Mahler, Wien: Jüdische Politik. 550 deutung für den Fortschritt. Abgesehen von den praktischen Erfolgen erreicht sie dadurch ein Doppeltes: sie wird den nicht dem Klub angehörigen jüdischen Abgeordneten vielfach einen Eückhalt innerhalb ihrer Verbände bieten und sie wird ferner einer künftigen jüdischen Delegation eine fortschrittliche Tradition und damit eine wohlgefügte Basis schaffen. In politisch-taktischer Hinsicht sind dies m. E. die unverrückbaren Fixpunkte, das Um und Auf einer jeden gesunden Politik, sie bieten aber, wie ich glaube, auch die einzige Möglichkeit, jener Schwierigkeiten Herr zu werden, die sich aus der inneren Struktur der österreichischen Judenschaft ergeben. Wenn es möglich wäre, die 1V4 Millionen österreichische Juden auf einer Plattform zu vereinen, so würden diese, kraft ihrer Intelligenz, ihrer wirtschaftlichen Bedeutung und ihrer Kulturhöhe einen Faktor bedeuten, über den weder irgend eine Regierung noch irgendwelche „Reichspartei" zur Tagesordnung übergehen könnte. Man pflegt nun den Partikularismus anzuklagen, die Denkart der Juden dafür verantwortlich zu machen, dass sie sich nicht zusammenfinden. Ich will nun nicht sagen, dass dies unmöglich sei, im Gegenteil, man muss aber sich hüten, in steter Selbstverkleinerungssucht, die Schuld in uns zu suchen, die tatsächlich in den Verhältnissen liegt — man müss aber auch versuchen, über die trennenden Momente hinauszukommen. Im Westen der Monarchie, wo die Juden nicht in Massen leben, wo auch ihre wirtschaftlichen Verhältnisse meist günstiger sind und wo die Tradition der liberalen Äera noch eine sehr wirkende ist, sehen viele im Antisemitismus eine vorübergehende Erscheinung, sie verschliessen ihre Augen vor der stillen aber um so gefährlicheren Minierarbeit, die er gemeinsam mit dem Klerikalismus leistet, nämlich der planmässigen Ausschaltung der Juden aus dem öffentlichen nicht nur, sondern besonders aus dem wirtschaftlichen Leben. Sie fürchten, dass bei Proklamierung einer jüdischen Politik in Oesterreich kein Hindernis mehr bestünde, an der allerdings nur auf dem Papier bestehenden Gleichberechtigung zu rütteln, sie aufzuheben. Natürlich ist dieser Schluss ganz falsch, die Angst durch solche Mittelchen nicht zu bannen. Denn wollte man wirklich auch de lege die Gleichberechtigung der Juden aufheben, so werden jene, die als Mitläufer der anderen Parteien erscheinen, dies nicht zu hindern imstande sein. Im Osten wiederum steht ein Teil der jüdischen Bevölkerung auf dem Standpunkt, dass nur das im Lande so mächtige polnische Element nur der Anschluss an dasselbe für die Juden Gewähr der Sicherheit bringe. Die wirtschaftliche Not, das Massenelend lasse sich nur in gemeinsamer Arbeit und durch Kompromisse bekämpfen. Nun ist aber der Grund dieses rapid anwachsenden Elends hauptsächlich darin gelegen, dass die nichtjüdische Bevölkerung Galiziens selbst einen Bürgerstand entwickelt. Dadurch wird der Jude, der bisher den Polen und Ruthenen den Bürger ersetzte, aus seinen Positionen verdrängt; daher das Elend besonders auch in den studierten Kreisen, gegen das keine Kompromisse helfen können. Dies wirkt aber dann sofort wieder auf den Westen, der die abströmenden Elemente aufnehmen muss. Eine jüdische Politik muss daher bei aller Wahrung und Anerkennung der Landeseigenarten stets die Gesamtheit im Auge behalten. Sie muss über die von mir gekennzeichneten Differenzen hinaus die Basis für eine gemeinsame Arbeit suchen. Es fällt niemandem ein, das Wort von der jüdischen Politik im Sinne von „Sonderbestrebungen" oder „Sonderstellung" aufzufassen. Es ist die jüdische Frage ganz ausgesprochen eine Minoritätsfrage, ein Kampf um die wirkliche Gleichberechtigung. Und in diesem Sinne können nicht nur, sondern sollen alle Juden an der jüdischen Politik mitarbeiten. DIE BIBLIOTHECA ROSENTHALIANA IN AMSTERDAM. Von Ernst In diesem Frühjahr haben mich die Studien für mein Werk „Spinoza im Porträt" zum zweiten Mal nach Holland geführt, und besonders weilte ich längere Zeit in Amsterdam. Aus der Fülle meiner Erlebnisse und Beobachtungen will ich den Lesern dieser Zeitschrift von den Bildungs- und Kultusstätten, sowie dem Leben der Juden Amsterdams berichten. Amsterdam verdient noch heute den stolzen Namen „Das neue Jerusalem", wenn es auch viel von seinem alten Glanz Altkirch. Nachdruck verboten. eingebüsst hat, und von der Macht, die es zur Zeit Spinozas besass, kaum noch etwas zu spüren ist. Zwei hervorragende Büchersammlungen der jüdischen Geschichte und Literatur beherbergt Amsterdam. Die eine, die Bibliotheca Rosenthaliana, die in der Universitätsbibliothek aufgestellt ist, erfreut sich eines wohlbegründeten Rufes, während die des Portug. Israelitischen Seminar „Bz Chaim" wenig bekannt geworden ist. Beide Bibliotheken aber sind unüber-

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