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Ost und West · 1910-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1910) · p. Seite 547 - 548

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1910)
Article
Jüdische Politik
Date
1910-08-01
Page
Seite 547 - 548 (sequence 2)
Language
German
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547 Dr. Arthur Mahler, "Wien: Jüdische Politik. 548 jüdische Politiker einziehen, sondern etwa als deutschfortschrittliche Vertreter der Juden Wiens. Ein entgegengesetzter Versuch yon jüdisch - nationaler- Seite misslang. In Böhmen ging die Tendenz nach der Abstinenz von jüdischer Politik. Praktische Erfolge waren nicht zu erzielen, und eine Stellungnahme in dem nationalen Kampf ebenso wie in dem Kampf der Parteien innerhalb eines nationalen Lagers hätte die Gefahr des Anfachens des Antisemitismus mit sich gebracht. In Mähren war durch den Bestand eines deutschen und czechischen nationalen Katasters und entsprechender Wahlkreise die Situation für die Juden wesentlich vereinfacht. Sie waren in Zweifelfällen nur vor der Situation: für oder gegen den Antisemiten zu stimmen — und da gab es aller* dings keinen Zweifel. Die Hauptschwierigkeit lag in G-alizien. Bisher waren die Juden bedingungslos im Gefolge der Polen respektive des Polenklubs marschiert. Nun erschienen aber als neuer mächtiger Faktor die Ruthenen auf dem Plan und als Vertreter der Bauern, die „polnische Volkspartei". Der Kampf dieser drei Gruppen war von einer unerhörten Erbitterung und jede bedingungslose Parteinahme der Juden für eine derselben konnte die schlimmsten Konsequenzen haben. Lebte doch in ganz Ostgalizien der Jude im engsten Kontakt mit den Ruthenen, in Westgalizien auf dem flachen Lande mit den Bauern, dem fanatischen Anhänger der Volkspartei Stapinskis. So führte schon dieses Bedenken mit absoluter Notwendigkeit zur Aufstellung selbständiger jüdischer Kandidaten. Ich will von all den psychologischen Momenten gar nicht sprechen, wie dem erwachenden Selbstbewusstsein, der*Begeisterung für die eigene Sache zu kämpfen usw., sondern möchte nur noch auf folgendes hinweisen: Es war nicht Hass gegen das Polentum, der die Erregung so mächtig aufflammen liess, sondern Misstrauen gegen die Möglichkeit der Vertretung der wirtschaftlichen und kulturellen Interessen der Juden Galiziens innerhalb eines so gewaltigen Gefüges, wie es der Polenklub darstellte. Und besonders das Gesetz über die Sonntagsruhe war es, das dies Misstrauen wach hielt und nährte. Als Resultat des mit bewunderungswertem Mute und grenzenloser Hingabe geführten Kampfes zogen drei selbständige jüdische Vertreter aus Galizien und einer aus der Bukowina (dort war das zweite Mandat an einen rumänischen Sozialdemokraten verloren gegangen) ins Parlament ein. Ausserdem entsandte Galizien vier jüdische Mandatare als Mitglieder des Polenklub, zwei als Sozialdemokraten und einen keinem Verband Angehörigen. Vom ersten Moment an war es den „im jüdischen Klub" vereinten jüdisch-nationalen Abgeordneten klar, dass.sie neben der speziellen Vertretung der Interessen ihres Wahlkreises und Landes auch auf die der gesamtösterreichischen Judenschaft Rücksicht zu nehmen hätten. Nur dann konnten sie den Namen „jüdischer Klub" rechtfertigen. Es ist vielleicht nicht schwer Ziele und Zwecke einer jüdischen Politik zu kennzeichnen, die diesem Prinzipe folgt, unendlich schwierig aber, dies in Taten umzusetzen. Diese Schwierigkeiten resultieren aus der Struktur des österreichischen Parlamentes und der österreichischen Judenschaft. Die Grundlage des Denkens des österreichischen Abgeordnetenhauses ist die nationale. Sämtliche Fragen des Wirtschaftslebens, der Verwaltung, der kulturellen Entwicklung sind national beeinflusst, werden unter dem nationalen Gesichtswinkel angesehen. Da es sich aber zumeist um nationale Herrschaftsfragen handelt, so führt dies zu einer Isolierung der jüdischen Vertretung — mit anderen Worten, die Juden können sich weder der slawischen Union noch den unter christlich - sozialer Führung stehenden Deutschen politisch anschliessen. Die einzige Möglichkeit in dem so zerklüfteten Oesterreich, die Entwicklung, die unbedingt kommen wird, ist der Aufbau und die Gliederung der einzelnen Gruppen nach der kulturellen Seite. Man kann in der Wirtschaftspolitik, in der Verwaltung, gewiss auch in der Auffassung aller nationalen Fragen fortschrittlich oder rückschrittlich sein, man kann aber unmöglich eine rein deutsche, czechiche oder polnische Wirtschaftspolitik treiben. Da man dies aber versucht, auf der anderen Seite die klerikalreaktionären Elemente aller Lager sich immer verstehen, so ergibt sich hieraus — ich möchte fast sagen automatisch — die Vorherrschaft der Reaktion in Oesterreich. Man wird mir einwenden: die 88 Sozialdemokraten! Diese Partei ist heute die Gefangene ihrer Erfolge und ausserdem von inneren nationalen Gegensätzen mindestens ebenso affiziert wie die Gesamtheit des Hauses. So ist es angesichts dieser Verhältnisse Pflicht der jüdischen Delegation und Aufgabe ihrer Politik, unbeirrt von der Parteien Gunst oder Ungunst alle Ereignisse unter dem doppelten Gesichtswinkel zu prüfen: 1. Bedeutung für die Judenschaft, 2. Be-

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