Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1910)
- Article
- Wiener Juden für die österreichisch-ungarische Armee
- Date
- 1910-08-01
- Page
- Seite 545 - 546 (sequence 5)
- Language
- German
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545 Moritz Frühling, Wien: Wiener Juden für die österreichisch-ungarische Armee. 546 G-eiste den jüdischen Mitgliedern gegenüber geleitet ist. Die Juden Oesterreich-Ungarns werden dem G-eiste dieser ritterlichsten, kristallreinen Kriegsverwaltung auch immer Treue um Treue entgegenbringen, und wann immer des allerhöchsten Kriegsherrn Ruf erfolgen sollte, bei seinen jüdischen Untertanen wird er mächtigen Widerhall finden, der wie immer, von Wien über alle Graue der Monarchie sich fortpflanzen wird. Nicht abschliessen kann ich diesen Aufsatz, ohne in dankbarer Erwähnung des allerhöchsten Kriegsherrn, Kaisers Franz Joseph zu gedenken und dessen anerkennenden Urteils über die Leistungen der Juden in der Armee. Behufs Verwertung für mein der Beendigung entgegenreifendes Material über die Juden in der österreichisch-ungarischen Armee erzählte mir der unlängst verstorbene, seinerzeitige Reichsratsabgeordnete Hermann von Mieses folgenden Verfall, den er wieder vom gewesenen Finanzminister Dumajewski mitgeteilt erhielt. Als zu Beginn der achtziger Jahre die in Oesterreich aufgetauchte antisemitische Bewegung immer grössere Kreise zu ziehen anfing, äusserte sich der Monarch dem genannten Minister gegenüber über dieses Treiben wie folgt: „Die ganze Bewegung ist mir recht unsympathisch, und jetzt, nachdem die jüdischen Soldaten in den Jahren 1878 und 1882 so vieles Respektable geleistet, sogar peinlich. Ja, soll ich denn die vielen Hunderte, die sich im Okkupationsgebiet ausgezeichnet, kränken lassen? Noch liegen ja die Anträge für Auszeichnungen für viele der jüdischen Soldaten in meinem Schreibtisch! Und noch an einen Umstand denke ich immer. Dienen doch in meiner Armee mehr als 30 000 jüdische Soldaten! So mancher europäische Kleinstaat wäre stolz darauf, wenn er eine so starke Armee aufbringen könnte." Das war in den achtziger Jahren. Heute füllen die Reihen der Armee mehr als 40 000 jüdische Krieger, die, wie ihre Vorfahren in Zeiten der Not, auch fiirder treu zu ihrem ritterlichen Monarchen halten werden. JUEDISCHE POLITIK. Vom Reichsratsabgeordneten Doz. Dr. Arthur Mahler (Wien). Man braucht kein unbedingter Anhänger der materialistischen GescMchtsauffassung zu sein, um anzuerkennen, dass die grossen politischen Wandlungen bei uns in Oesterreich mit dem Wirtschaftsleben der Völker aufs engste verknüpft sind, mag auch die Vermummung eine so vollkommene und suggestive sein, dass die Akteure selbst sich dessen nicht bewusst werden. So ist denn manche einst mächtige Partei vollkommen verschwunden, weil sie die Schale für den Inhalt nahm, und wenn auch der Mensch nicht allein vom Brote lebt, wenn auch sicherlich der Komplex jener Fragen, die man als rein national bezeichnen mag, einen hervorragenden Raum einnehmen, so ist es doch andererseits ebenso sicher, dass der Mensch ohne Brot überhaupt nicht leben kann. Von einer jüdischen Politik, besser gesagt Laudespolitik, kann man in Oesterreich erst seit dem Auftauchen des allgemeinen Wahlrechts sprechen. Zwar gab es schon vorher jüdische Politiker und sogar auch eine rein jüdische Partei. Sie kamen aber für die jüdische Politik kaum in Betracht. Die „jüdische Volkspartei" hat niemals in der Bevölkerung Wurzel gefasst und die jüdischen Politiker waren entweder Interessenvertreter, die wegen ihrer hervorragenden Bedeutung ins Parlament entsandt, dort einer der grossen nationalen Gruppen angehörten (wie Adolf Schwab, der Abgeordnete der ßeichenberger Handelskammer), oder wenn auch von rein jüdischen Wahlkreisen delegiert, waren sie durch die eiserne Disziplin des Polenklubs an einer bedingungslosen jüdischen Interessenvertretung gehindert. Nachdruck verboten. Erst das allgemeine Wahlrecht liess das mächtige Interesse für eine Politik der Juden als Juden aufflammen. Die eigenartigen Siedlungsverhältnisse brachten es mit sich, dass trotz der raffiniertesten Wahlgeometrie eine ganze Anzahl jüdischer Wahlkreise entstehen musste und in zahlreichen anderen — und nicht bloss im Osten — die Juden das ausschlaggebende Element wurden. Da tauchte vor allem die Frage auf: sollen die Juden überhaupt sich als Juden aktiv an der Politik beteiligen? Die Frage war nicht einheitlich zu lösen. Die Schaffung von nationalen Katastern für alle Völker und auch für die Juden war absolut ausgeschlossen, die territoriale Basis für die Wahlkreisschaffung stand fest. Und nun lag die Angelegenheit folgendermassen: in Wien mussten zwei Wahlkreise mit überwiegend jüdischer Bevölkerung entstehen, in Mähren waren die Juden in einem Kreis mit 35 % der Wähler vorhanden, in einigen anderen gleichfalls mit höheren Perzentzahlen. In Böhmen konnten sie höchstens bei dem internen Kampf der deutschen resp. czechischen Parteien in einigen Bezirken den Ausschlag geben. Galizien mit seinen 8- bis 900000 Juden hätte mindestens auf 13 jüdische Mandate Anspruch gehabt, die Bukowina auf 2. Die übrigen Kronländer kamen nicht in Betracht. Diese Tatsachen geben die Beantwortung der vorhin aufgeworfenen Frage: die Wiener Judenschaft war in dem einen Punkt einig, dass die zwei Mandate, die sie zu vergeben habe, an Juden fallen müssten. Gemäss aber der in Wien noch sehr starken Tradition sollten diese nicht als