Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1910)
- Article
- Wiener Juden für die österreichisch-ungarische Armee
- Date
- 1910-08-01
- Page
- Seite 539 - 540 (sequence 2)
- Language
- German
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539 Moritz Frühling, Wien: Wiener Juden für die österreichisch-ungarische Armee. f° datenmaterial, also quantitativ, als erste rangierte, überbot sie die viel geringere Judenheit der Reichshaupt- und Eesidenzstadt im Beistellen von Verpflegungsmitteln, Medikamenten und namhaften Geldspenden. Wien und Prag brachten während der zwanzigjährigen Napoleon-Aera zahlreiche Opfer, dieses an Menschenleben, jenes an materiellen Gütern. Folgende Zeilen erheben keinen Anspruch darauf, ein vollkommen abgerundetes Bild über den Anteil der Wiener Juden in den vielen Kämpfen des österreichischen Kaiserstaates zu liefern; es sind nur einige aus dem Ganzen herausgegriffene Streiflichter, die allerdings einen annähernden Begriff von der Gesamtsumme ihrer Leistungen ermöglichen. Ein eigener, spezifisch Wiener Zug lässt sich, von seinem ersten Eintritt in die Armee bis in die Gegenwart, beim jüdischen Soldaten Wiens beobachten: Humor. Während sein östlicher Glaubensgenosse, — es waren auch hier erfreulichere Ausnahmen, — mit seinem fatalistisch-stereotypen „besser wie gestorben" des Kaisers Rock anzog, immer still vor sich hinbrütend, seine militärischen Gehversuche machte und von seinem sentimentalen Wesen sich erst in den letzten 20—30 Jahren emanzipierte; während der böhmische und mährische jüdische Soldat durch sein ausschliesslich ernstes Wesen und apodiktisches Ausführen seiner militärischen Obliegenheiten sich eine eigene, gute Marke schuf und sonst nicht viel von sich reden machte, war es der Wiener Jude, der, in den allermeisten Fällen freiwillig, in die Armee fast hineintanzte, sein leichtes, moussierendes Element in ihre Reihen hineintragend. Wenn er auch nicht selten über die Stränge schlug, so wusste er durch sein draufgängerisches Wesen, welches beim Militär seit jeher höher bewertet wird als das kopt hängerische, seine Persönlichkeit immer zur Geltung zu bringen. Und galt es, für den Korpsgeist des eigenen Regiments einzutreten, so war es immer ein jüdischer Wiener, der die Parole vom eigenfäustigen, gründlichen Zugreifen ausgab. Hinter jedem militärischen Ulk und allerlei Allotrien war und ist noch heute der Wiener jüdische Regisseur zu suchen. Das Wesen des jüdischen Soldaten Wiens aus seiner ersten Dienstzeit kennzeichnet am besten der folgende, authentische Vorfall: In der Schlacht bei Aspern im Mai 1809 sprengten beim Angriff der französischen Kavallerie einzelne Offiziere voran und forderten die österreichische Infanterie auf, die Waffen zu strecken. Als nun ein solcher Parlamentär auch vor der Masse eines Bataillons erschien, in dem der Korporal David Friedländer, geboren 1784 in Penzing, eingeteilt war, apostrophierte er den hohen französischen Offizier mit derselben Phrase, die Victor Hugo in seinem Roman „Les miserables" den General Cambronne bei Waterloo in ähnlichem Falle gebrauchen lässt. Eine donnernde Lachsalve bebt in allen Reihen des Bataillons, der Franzose wirft sein Pferd um und galoppiert davon. Aber auch so manch ritterliche, von den edelsten Gefühlen zeugende Tat ist auf die militärische Habenseite des jüdischen Wieners zu buchen. Eine von den vielen sei hier wiedergegeben: •Im Gefecht bei Anhof, am 16. Mai 1809, wurde Major Marinowsky schwer verwundet. Korporal Josef Pollak aus Sechshaus bei Wien trug im lebhaftesten Feuer den tödlich verwundeten Major in ein Haus und beschützte ihn gegen die Brutalitäten der vom Gefecht erhitzten und durch die vielen Verluste erbitterten Gegner. Pollak geriet zwar dadurch in die Gefangenschaft, er hielt aber treu aus, bis sein Kommandant für immer die Augen schloss. Vor dem Tode hatte der Major dem Unteroffizier 150 fl. mit dem Ersuchen heimlich zugestellt, dieselben gelegentlich seiner Familie zu übergeben. Der redliche Pollak verwahrte diesen ihm anvertrauten Betrag während seiner achtmonatlichen Gefangenschaft, in der er oft der bittersten Not ausgesetzt war, wie ein Heiligtum und übergab ihn nach seiner Rückkehr, ohne auch nur einen Kreuzer für sich verwendet zu haben, der Familie. Das Regiment ehrte den Namen des Braven durch Aufnahme in die Chronik und bezeichnete sein Verhalten als glänzendes Beispiel ritterlicher Aufopferung und Edelsinnes. Ich finde keine passendere Bezeichnung als „Held" iür den im Jahre 1882 in Wien verstorbenen Hauptmann Ignaz Ziffer. Es grenzt ans Fabelhafte und ist doch aktenmässig erhärtet, was dieser Soldat mitgemacht und geleistet. In 4 Feldzügen und 23 Aflairen kämpfte der Wackere, und kaum dürfte sich jemand ehrlicher die goldene Tapferkeitsmedaille, den russischen St. Georgs-Orden und schliesslich den Offiziersrang erfochten haben als Ziffer. Nicht uninteressant ist das folgende, chronologischgeordnete Verzeichnis seiner Aftairen, welches ihm beim Austritte sein Regiment (No.56) bescheinigte: 1846. Februar, Insurrektion von Krakau. 1848. 21.—22. April, Angriff und Beschiessung von Udine. „ 11.—19. Mai, Gefechte bei Treviso. „ 20.—24. „ „ „ Vicenza. „ 23. Juli, Gefechte bei St. Giustino und Somma. „ 24. Juli, Schlacht von Custozza, wo er sich bei der Erstürmung der Höhen durch seltene Entschlossenheit, echt militärischen Mut und Kühnheit besonders auszeichnete, indem er, in dem ihm entgegensprühenden Kugelregen, ein mit feindlichen Tirailleurs bespicktes Haus erstürmte, die Gegner zum Weichen brachte und dadurch seiner Truppe zum Festhalten dieses dominierenden Hügels yerhalf. 1848. 25. Juli, Gefecht bei Valeggio. „ 27. „ Tieffen „ Volta. „ 30. Gefecht ,, Cremona. „ 1. u. 2. August, Scharmützel bei Lodi. „ 3.— 5. „ Gefechte vor Mailand, wo er unter den ersten Stürmern war und eine Insurgentenfahne erbeutete. ,, Vom 23. August bis 11. September, fortwährende Gefechte mit den Freischärlern Garibaldis. Ferner die Feldzüge 1849, 1859 und endlich im Jahre 1866: 29. Juni, Gefecht bei Königinhof. 3. Juli, Schlacht bei Königgrätz. Das Kunststückchen, zur Bar-Mizwah sich assentieren zu lassen, brachte im Jahre 1829 ein Wiener Knabe, Ernst Semler, zustande. Er musste allerdings in seinem auserwählten 4. Artillerie - Regiment erst mehrere Jahre hospitieren, bis er Dienste leisten durfte, erwies sich aber dann al«; Soldat von echtem Schrot und Korn. So erkämpfte er sich im Kriegsjahr 1848 als Oberfeuerwerker die silberne Tapferkeitsmedaille, wurde bald darauf Offizier und wirkte später als Hauptmann bei den Militär - Polizei - Wachkorps- Abteilungen in Mailand und Herrmannstadt bis zu seiner im Jahr 1855 erfolgten Pensionierung.