Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1910)
- Article
- Die israelitische Kultusgemeinde Wien
- Date
- 1910-08-01
- Page
- Seite 503 - 504 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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503 Siegmund Husserl: Die israelitische Kultusgemeinde "Wien. 504 verwahrten, vom Grafen Karl Palffy von Erdöd als Besitzer der Herrschaft Vörösko unter dem 20. Dezember 1799 dem ehemaligenVertreter und Spitalsvorsteher Aron Leidesdorf °) ausgestellten Schutzbriefes. Im Jahr 1807 wurde sogar normiert, dass die Toleranz ein Gnadenakt sei, der fortan nur persönlich erworben und nicht mehr auf die Familie erstreckt werden könne. Auch als später, zu Beginn des verflossenen Jahrhunderts, die Eegierung grossen Wert auf die Erteilung geregelten Religionsunterrichtes legte und dessen Beaufsichtigung durch die katholische Kirche verfügte, wurde dennoch das Festhalten an der religiösen Ueberzeugung auch weiterhin mit besonderen Steuern belegt und mit Ausnahmegesetzen bestraft. Nur nach einer Richtung hin wurde den Wiener Juden, wie der Judenschaft überhaupt, die Gleichberechtigung mit ihren christlichen Mitbürgern gewährt, welche ihnen zunächst allerdings nur eine weitere Pflicht aufbürdete. Die in den Kriegsjahren mit den zahlreichen jüdischen Freiwilligen gemachten günstigen Erfahrungen veranlassten nämlich den Hotkriegsrat unter dem 31. August 1806, die Gleichstellung der Jaden mit den anderen Untertanen hinsichtlich der Ableistung des Militärdienstes anzuordnen. Ein Lichtstrahl in diese trostlosen Verhältnisse fiel erst durch die Entschliessung Franz I. 6) Urgrossvater mütterlicherseits des derzeitigen Präsidenten Dr. Alfred Stern. Jakob Brandeis geb. 1812 — gest. 1900. Vize-Präsident: 1872—1873. vom 8. Februar 1811, womit der Wiener Judenschaft der Ankauf eines Hauses behufs Errichtung einer Religionsschule gestattet wurde. Unsere Voreltern beeilten sich, von dieser Erlaubnis Gebrauch zu machen, und erwarben am 13. Oktober 1811 den sogenannten „Dämpfingerhof", an dessen Stelle sich heute das in den Jahren 1823—1826 erbaute Gemeindehaus erhebt. Der Kaufpreis von 90000 fl. W. W. wurde durch eine eingeleitete Sammlung aufgebracht. Unter dem 19. März 1812 erteilte sodann die n. ö. Landesregierung die Zustimmung, dass in diesem Gebäude auch ein Betzimmer, eine Sichenanstalt und ein Frauenbad eingerichtet werde. Diese sodann durch das gemeinsame Wirken der Tolerierten ins Leben gerufenen Anstalten, verbunden mit dem seit undenklichen Zeiten bestandenen, im Jahre 1792 neuerbauten Spital und dem aus dem 15. Jahrhundert stammenden Friedhof, führten nicht nur zur Wiederbelebung des Gemeindewesens, sondern auch zur Neubildung der Gemeinde selbst, da eben das Vorhandensein dieser Institute als das Kriterium einer Kultusgemeinde angesehen werden kann. Daran ändert auch nichts die Tatsache, dass letztere bis zu den Ereignissen des Jahres 1848 stets auch weiterhin mit dem Kollektivbegriff „Judenschaft in Wien" bezeichnet wurde.7) 7) Offiziell wurde unsere Gemeinde als - solche zum ersten Male und zwar von Kaiser Franz Josef I. selbst am 3. April 1849 gelegentlich der ihm von den Vertretern und [Repräsentanten für die erteilte Emanzipation überreichte Dankadresse bezeichnet. Julius Ritter von Goldschmidt geb. 1833 — 1888. Vize-Präsident: 1886—1888.