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Ost und West · 1910-07-01 · Heft 7 (Juli 1910) · p. Seite 443 - 444

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Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 7 (Juli 1910)
Article
Die Märtyrer von Berlin
Date
1910-07-01
Page
Seite 443 - 444 (sequence 7)
Language
German
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443 B. Samuel: Die Märtyrer von Berlin. 444 zu sagen, die Advokaten und Prokuratoren, welche man, wie zum Possen, den .Angeklagten als Verteidiger bestellte, wurden von diesen zurückgewiesen, da die Anwälte höchstens auf Gnade plädieren konnten, und solche hier nicht zu hoffen war. Die Zeugen waren niemand anders, als dieselben Gerichtspersonen, die bei der Folterung mitgewirkt hatten, um Geständnisse zu erzielen und die jetzt ein etwaiges Bestreiten der Geständnisse formal wirkungslos machen sollten. Aber die Angeklagten bestritten nichts; man las ihnen das Verzeichnis ihrer Missetaten vor und „jeder beteuerte dasselbe mit dem leiblichen Eide und verzichtete auf alle behelff und dilation." Es ist leicht zu erraten, wie diese Formalitäten erzielt worden sind. Merkwürdig aber bleibt es, dass keinem der Zeitgenossen die Frage sich aufdrängte, warum denn diese Juden trotz der Wunder und Zeichen, die sie an der Hostie mit eigenen Augen geschaut, und obgleich sie ja das Verbrechen eingestanden hatten, sich ungeachtet aller Zureden nicht taufen liessen, um wenigstens dem grauenhaften Flammentod zu entgehen. Nur zwei, der oben genannte Jakob, dem die Mutter Gottes erschienen war, und noch einer, Namens Josef, nahmen die Taufe, um die grosse Milderung der Strafe zu erlangen. Am 19. Juli fand der endliche Gerichtstag statt, der in zwei Teile zerfiel. Der erstere spielte sich an dem noch heute existierenden Neuen Markt ab, und diente hauptsächlich dazu, dem Volke ein aufregendes Schauspiel zu bieten. Drei übereinander gebaute Podien wurden errichtet; auf dorn obersten sassen die gelehrten Juristen, auf dem mittleren Brackow mit den Schöffen, Richtern und Schreibern, auf dem untern die Angeklagten (ausser den zwei getauften), „die in gelben und weissen spitzen Hüten und mit jüdischem Gesänge vor Gericht gekommen waren." Jetzt wurde dieselbe Komödie des Wiederholens und Beteuerns des Geständnisses abermals aufgeführt, worauf die Angeklagten die Vollstreckung des Urteils „beantragten." Darauf verkündete der Scharfrichter dem Volke das Urteil und schloss mit den Worten: „Dieweyl die bosshafftigen schnöden verstockten iuden ire bosshandlung auch zu mehrmaln ausserhalb und vor Gericht bekant, darumb sol man sy zu pulver verhornen, damit all andern ein beyspil seyn solche Übeltat furder mehr nicht zu begynnen." Darauf wurden die Juden nach der Richtsstätte, (heute Ecke Frankfurter und Weberstrasse) geführt, wo ihrer der Seheiterhaufen harrte. Es war dies ein Gerüst in der Form eines Tabernakels, nach obenhin sich verjüngend, „drei Roste in Manneshöhe übereinander, jeder mit vielem Holz, Stroh und Pech belegt. Auf jedem der Roste waren in die Länge und Quere starke Balken gezogen und an diesen wurden die Juden an den Hälsen mit eisernen Balken festgeschmiedet." Beim Aufbau dieses Gerüstes hatten, da es ein frommes Werk war, dem Scharfrichter viele Bürger geholfen, was sonst als entehrend galt. Bekanntlich pflegten in Spanien bei den Autosdafe Granden und deren Damen mitzuwirken. Die „bosshafftigen schnöden verstockten iuden" blieben bis ans Ende ihrer Verstocktheit treu und wollten sich nicht bekehren. „Etliche schmähten Gott und Christenheit, spieen öffentlich auf Kruzifix, Priester und umstehende Christen, höhnten und schmähten." Ein entschieden verdammenswertes, ganz salonwidriges Betragen, und wrenn man sich nicht zufällig auf dem Scheiterhaufen befindet, wrird man dafür mit Recht eingesperrt. Ein Augenzeuge erzählt: „Welche verstockt Juden (das myr fremd war zu hören, wo ichs nit gesehen hette) mit lachendem mundt das urteyl angehört mit ihrem lobgesang, aussgeführt und auf dem Röst nit alleyn gesungen unn gelacht, sunder auch zum teyl gesprungen und geiugzt, die vorgepunden hent auffgeworffen, das Stroh zu sich geraspelt, yn die meuler gesteckt, und also ungeacht der mercklichen wunderzeichen mit grosser bestendigkeit den todt gelitten, den. pawvolligen Christenn zeu sundern erschrecken." Wir aber wissen genau, wie ihr Totengesang gelautet hat. Es war jenes Schlusskapitel des täglichen Gebetes, welches etwa seit den Kreuzzügen der Begleiter der jüdischen Märtyrer auf ihrem letzten Gang geworden ist. „Wir wollen lobsingen dem Herrn des Alls, Huldigung darbringen dem Schöpfer der Urwerke, der uns nicht gemacht hat wie die Heiden der Welt. . . Darum hoffen wir zu dir, Ewiger, unser Gott, dass wir alsbald erblicken werden die Herrlichkeit deiner Kraft, da die Götzen von der Erde verschwinden und die Welt verjüngt wird durch das Reich Gottes; da alle Sterblichen deinen Namen anrufen, da alle Bösewichter der Erde sich zu dir bekehren, da jedes Knie sich vor dir beugt, jede Zunge zu dir schwört, da alle deinen Namen anbeten und deine Herrschaft in Liebe auf sich nehmen. Denn dein ist die Herrschaft und du regierst in alle Ewigkeit. Wie es in deiner Thora geschrieben steht: Der Ewige regiert immerdar, und es kommt der Tag, an dem er einzig und sein Name einzig sein wird." Als Totengesang auf dem Scheiterhaufen nimmt sich das nicht übel aus. — Es bleibt uns noch, die geschichtlichen Folgen dieses denkwürdigen Monstreprozesses darzulegen. (Schluss folgt.) ELISA ORZESZKO. (Geboren 1S42 in Milkowszczyzna, Gouvernement Grodno, gestorben 18. Mai 1910 in Grodno). Nachdruck verboten. Eines der tapfersten, lautersten und gütigsten subtile, langmütige, begreifende, aufrichtende und Herzen der Gegenwart hat zu schlagen aufgehört, beseligende Liebe einer echten Frau. Sie war ein Ritter Mit dem energischen Willen, dem kühlen und klaren ohne Furcht und Tadel, und ihre Waffe war die Kunst. Verstand, dem unerschrockenen Bekennermut eines Der ganze Kämpfermut ihrer Nation, der auf allen tüchtigen Mannes vereinte dieses erlesene Weib die Schlachtfeldern Europas sich einst bewährt, offenbarte

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