Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1910)
- Article
- Max Levi
- Date
- 1910-07-01
- Page
- Seite 431 - 432 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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43L Max ScLac'herl: Max Levi. 432 MAX LEVI. FRIEDENAU. Mutter und Kind. Wer am 19. Juli 1910 in Berlin an jener friedlichen, etwas spiessbürgerlichen Stelle vorbeikommen wird, wo die Weberstrasse und die Frankfurter Strasse zusammenstossen, der möge eine WTeile innehalten und an die schauerliche Tragödie zurückdenken, die sich dort vor vierhundert Jahren abgespielt hat. Am 19. Juli 1510 wurden nämlich dort, an der Stelle des peinlichen Gerichtes, neununddreissig Juden aus verschiedenen Gegenden der Mark Brandenburg bei lebendigem Leibe verbrannt, weil sie eine, einem christlichen Kirchendieb abgekaufte geweihte Hostie gemartert und gestochen hätten, bis Blut von ihr rann und sie Wunder tat, und weil sie ferner viele Male Christenkinder geschlachtet und deren Blut zu verschiedenen Heil- und Zauberkünsten verwendet hätten. Dieser Exekution war ein aufregender und ausgedehnter, wenngleich sein* kurzer Prozess vorangegangen, und die Folge war die Vertreibung der Juden aus der Mark Brandenburg, wo sie erst ein Menschenalter nachher spärlich und vereinzelt wieder auftauchen, und erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts in grösserer Anzahl wieder zugelassen wurden. Die Beschuldigung gegen die Juden, dass sie sich geweihte Hostien verschafften und sie heimlich schändeten und quälten, um so ihre Rache und ihren Hass an dem Christengott auszulassen, ist, wrie es Max Levi, dieser ehrliche Könner von ausgeprägter Eigenart, ist ein jeder Reklame abholder Künstler. Still und bescheiden schafft er in seinem Atelier in1 Friedenau und nur zeitweise erzählt ein neues Werk, dass seinem regen Schaffen keine Grenze gesetzt. Ein weiterer Kreis von wirklich Kunstverständigen aber verehrt in ihm, seit seine ersten Werke erschienen, den starken Bildner, und heute noch, wo er längst über die Jahre hinaus, da man Künstlern das Behtort „hoffnungsvoll'' verleiht, als eine grosse Hoffnung der deutschen Bildhauerkunst. Diesen sympathischen Menschen und Künstler kennzeichnet die Sentimentalität und Weichheit seiner Rasse. Auch in der Art seines Schaffens liegt viel Rassentypisches, so in der behenden Beweglichkeit vieler seiner Gestalten und vor allem in der seltsamen Vergeistigung seiner Porträts. Und die starke, lebendige Wirkung, wie sie von seinen Werken ausgeht, beruht nur in dem wirkenden Bestreben des Künstlers: in dem Wunsch, Menschen auszudrücken. Ein schlichtes, einfaches Kunstprinzip, aber ein Zeichen tief innerlichen Gefühls für das Natürliche, für die Liebe zu den Menschen. Ein neues Werk Max Levis geht bald seiner Vollendung entgegen. — Es ist ein biblisches Motiv: Frau Lot, wie sie sich umwendet ... Ich traf den Künstler mitten in der Arbeit an diesem neuen Gebilde und fand daneben manch ältere und jüngere Arbeit. Man muss nicht viele''seiner Werke schildern, muss an dieses Künstlers Schaffen nicht tiefgründige Kritik üben. Er ist einer von den ganz wenigen, für die ihr Werk spricht, deutlich und vernehmlicher, als der kritisch abwägende Betrachter es vermöchte. Max Schacherl. Nachdruck verboten. scheint, fast eben so alt wie Beschuldigung des Schlachtens von Christenkindern, um ihr Blut zu rituellen Zwecken zu gebrauchen. Die beiden Beschuldigungen scheinen sogar mit einander in einem5? tiefen Zusammenhang zu stehen. Denn auch die Blutbeschuldigung trat zuerst in der Form auf, dass man behauptete, die Juden marterten und kreuzigten Christenkinder zur Zeit der christlichen Osterfeiertage nach der Art, wie laut der Sage Christus gemartert und gekreuzigt worden war, um auf diese Weise den Gekreuzigten gleichsam in effigie jedes Jahr aufs neue zu kreuzigen. Erst nachher wurde die Beschuldigung von den christlichen auf die jüdischen Osterfeiertage verlegt und das Motiv des Blutabzapfens untergelegt. Das war insofern bequem, als ja dann auch etwaige Leichen, die, wann immer auch noch so fern vom Osterfest gefunden wurden, als Opfer des jüdischen Blutdurstes ausgegeben werden konnten. Es wurde nämlich angenommen, dass das abgezapfte Blut in die Mazzoth geknetet, aber auch, wie wir gleich sehen werden, zu verschiedenen anderen Zauberzwecken gebraucht werde. Die Blutbeschuldigung in ihrer späteren Form ist also das Resultateiner langen Entwicklung, und in ihrem ursprünglichen Stadium beruhte sie auf der Annahme, dass Juden an Christenkindern eine Marterung und Kreuzigung- DIE MAERTYRER VON BERLIN. Von B. Samuel.