Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1910)
- Article
- Abraham Geiger und die rumänischen Juden
- Date
- 1910-07-01
- Page
- Seite 423 - 424 (sequence 4)
- Language
- German
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423 Prof. Dr. Kalischer: Abraham Geiger und die rumänischen Juden. 424 In der Tat, Bismarcks Eifer, zugunsten der rumänischen Juden zu intervenieren, Hess nicht nur nicht nach, sondern nahm zu und erreichte seinen Höhepunkt nach dem Berliner Kongress im Jahre 1878. Keine der Grossmächte hat auf die rumänische Regierung einen so starken diplomatischen Druck auszuüben gesucht wie Deutschland.*) Aber wie bekannt verliess Bismarck im Juli 1879 treulos seine Politik, die durch ein Gefühl der Menschlichkeit eingegeben zu sein schien, und stiess hiermit die rumänischen Juden in das Elend zurück, in dem sie heute noch schmachten. So ging leider von der Hoffnung, die Abraham Geigers Brief vom 23. April atmet, nichts in Erfüllung, und wie tief traurig ist es daher, dass die hier mitgeteilten Dokumente so aktuell sind! Wie haben sich die Zeiten gewandelt! Aus der Politik scheint jede idealische Regung verbannt, der von den Propheten entdeckte Begriff der Menschheit geschwunden zu sein. „Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten" ist der Deckmantel für alle Unmenschlichkeit, für die scheusslichste Barbarei geworden, wie sie kaum die blutigsten Blätter der Weltgeschichte melden. Alles hat sich gewandelt, nur nicht die Verfolgungen der Juden, oder doch — denn sie sind noch entsetzlicher geworden, und ihre Leiden haben sich ins Ungemessene gesteigert. Schweigend duldet die sogenannte zivilisierte Welt, dass Millionen, die einem Menschenstamme angehören, der eine unvergleichliche vieltausendjährige Geschichte hat, der der Welt Religion und Sittlichkeit gebracht hat, den ein Dichter wie Ibsen den Adel des Menschengeschlechts nennt, entrechtet werden und mit physischer, geistiger und moralischer Vernichtung bedroht sind. Eine Schreckenskunde überbietet die andere, und die Welt macht keinen Versuch, dem furchtbaren Frevel ein Ziel zu setzen. Wird dieser Frevel nicht gleichsam sanktioniert, wenn die grosse *) Vgl. M. Pliilippson: „Deutschland und die Unabhängigkeit Rumäniens", in der „Nation", 1900, ]\Tr. 36. Republik im Herzen Europas und das grossmächtige Inselreich mit dem Lande, das diese Greueltaten verübt, Bündnisse schliesst, ohne die Verzweiflungsschreie der Gequälten, Geknechteten, Beraubten, Vertriebenen zu hören? Die Staaten schaffen immer umfassendere Veranstaltungen zur Verbesserung der gesundheitlichen Verhältnisse, zur Verlängerung des menschlichen Lebens, zur Entfaltung und Förderung aller geistigen Kräfte. Diese Veranstaltungen beschränken sich keineswegs alle auf die Angehörigen eines Staates, sondern sind zum guten Teil international. Und es soll eine „innere Angelegenheit" sein, wenn ein Land Millionen seiner Bewohner von diesen Wohltaten ausschliesst? Es soll eine „innere Angelegenheit" sein, wenn ungeheure Summen von Energie im Keime erstickt, vernichtet werden, die der ganzen Menschheit hätten zugute kommen können, und auf die die ganze Menschheit ein Anrecht hat? Welche Kulturwerte aller Art würden geschaffen werden, wenn die Millionen russischer und rumänischer Juden die Luft der Freiheit atmen, das mit jedem Menschen geborene Recht ausüben und ihre Kräfte unter dem Schutze gleicher Gesetze mit allen ihren Volksgenossen entwickeln und betätigen könnten! Jm Dienste der Gerechtigkeit hat man nicht nach dem Erfolge zu fragen, sagt Abraham Geiger. Einen solchen Rufer brauchten wir angesichts der fortwährend wachsenden Not unserer Glaubensbrüder in Russland und Rumänien. Der erhebendste Glaube ist der Glaube an den Sieg der Gerechtigkeit. Aber kein Sieg ohne Kampf. Und darum dürfen wir, mag der Erfolg noch so oft ausbleiben, im Geiste Abraham Geigers nicht ablassen, die Gewissen der Regierungen zu wecken und zu schärfen, bis der Sieg der Gerechtigkeit und Menschlichkeit für die Juden in allen Reichen der Erde errungen ist. B e r 1 i n , im Mai 1910. MAX LEVI. Ein Künstler, der in der Poesie der Linie das Heil hoben der Form sucht. Der die kleinen, zarten Idylle liebt, liehen, das Werdende, Keimende. Nicht die kraftvoll strotzende Vollreife des Mannes, nicht die Ueppigkeit der reifen Frau. Leichte, behende Gestalten hat er geschaffen, heitere, lichte Gebilde der Phantasie; dann ernste Menschen der Wirklichkeit und die gedankenschweren Figuren des dunklen Mythos. Aber zwischen Werk und YVerk schlingt sich immer wieder eine Rosenguirlande blühender Jugend, und zu den Füssen der ernsten Grossen sitzt der heitere Jüngling. Und dieses Bildners Werke sind von einem seltsamen Reiz des Ursprünglichen, sind wie herausge- Max Lcvi. Nachdruck verboten. und fest hingestellt aus dem Chorus des Wirk- Auch dort, wo die Weltentrücktheit des Künstlers idealisierende Momente zeitigt, fesselt sein starkes Gefühl für das Unmittelbare. Ein Künstler der zarten Linie, der leise schwellenden Formen. Und in seinen meisterhaften Kinderporträts ein Poet zugleich, der den lieben Kleinen weiche, traumhafte Lieder ins Antlitz gräbt und die Lockenfülle der Köpfchen krönt mit dem Glorienschein unberührter Sonnigkeit. Dieser Künstler liebt das goldne Spiel der Sonne. Führte er den Pinsel, er würde es in Farben künden. So zeugen seine Gebilde . . . Max Levi zählt, seit er alljährlich