Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1910)
- Article
- Abraham Geiger und die rumänischen Juden
- Date
- 1910-07-01
- Page
- Seite 419 - 420 (sequence 2)
- Language
- German
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419 Prof. Dr. Kalischer: Abraham Geiger und die rumänischen Juden. 420 Es geschah im Jahre 1868, als ein „Gesetz" die Juden Rumäniens mit völliger Vernichtung bedrohte, dass der Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde eine Immediateingabe an den König richtete, die diese Zeitschrift im Juniheft 1907 nebst der sehr beruhigenden Antwort von Bismarck unter dem Titel „Eine Erinnerung" reproduzierte. Die vom 6. April datierte Immediateingabe führt eine kraftvolle, selbstbewusste Sprache, wie man sie an solcher Stelle nicht vorher, nicht nachher wieder gehört hat. Woher kam die Entschliessung? Es war Abraham Geiger, der sie auslöste, und sein Geist schwebt über der denkwürdigen Urkunde. Der Vorstand hatte schon im Jahre 1867 einen solchen Schritt erwogen, aber schliesslich trotz einer von einer grösseren Anzahl von Mitghedern der Gemeinde eingereichten Petition mit einer bald zu erwähnenden Begründung davon Abstand nehmen zu müssen geglaubt. Da richtete Abraham Geiger, ohne von diesen Vorgängen Kenntnis zu haben, am 16. März 1868 von Frankfurt a. M., wo er damals Rabbiner war, folgendes Schreiben an den Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde*): „Wohllöbl. Vorstand! Der Nothschrei unsrer Glaubensbrüder aus Rumänien wird immer lauter, dringender, verzweifelter. Der bisherige Ausbruch roher Leidenschaft will sich nunmehr zum grausamen Gesetze verfestigen; die Willkür soll sich in Rechtsformen kleiden. Ein Volksstamm feiert die Orgien seiner Barbarei, indem er sie für Civilisätion, für Pflege der Nationalität ausgiebt; er wird aufgestacheltvon denen, die sich ihrer Bildung, ihres Freiheitssinnes rühmen, die leitenden Ideen der neueren Zeit werden in den wirren Köpfen dieser Halbbarbaren zu Brandfackeln. Geleitet wird diese wilde Gährung, man weiss nicht ob sie gedrängt werden, ob sie drängen, von den Staatsmännern, von der Regierung, und so wird ein wahrer Vertilgungskampf gegen die dort zahlreich weilenden, dort geborenen Juden geführt. Die geistigen Waffen, die unsre dortigen Glaubensbrüder mit Eifer und Geschick führen, reichen der Leidenschaft gegenüber nicht aus; diesen Halbwilden, die mit solchen Ausschweifungen in die Reihe der gebildeten Staaten Europas eintreten wollen, muss von diesen der Zaum angelegt werden, sie müssen der rohen Gewalt wehren und es sie fühlen lassen, dass masslose Ansprüche nicht zur Selbstständigkeit berechtigen, sondern wahre Humanität. Der Fürst des rumänischen Volkes ist ein Deutscher, ein Hohenzoller, ein Glied des preussischen Königstammes. Preussen, der Norddeutsche Bund darf es nicht dulden, dass auch nur der Schein einer solchen tief entwürdigenden Schmach auf diesem Fürsten ruhe. Für die erweiterte Machtstellung Preussens, Norddeutschlands hat das Volk sein Blut hergegeben, seinen Wohlstand geopfert, es bringt täglich neue Opfer dafür; es ist die Pflicht Preussens, des Norddeutschen Bundes, nun seine *) Dieses Schreiben hat A. Geiger bald darauf in seiner „Jüdischen Zeitschrift für Wissenschaft und Leben", Bd. 6 S. 84, veröffentlicht. befestigte Macht in die Wagschale zu legen, wo es gilt, Menschlichkeit zu vertreten, seine Stimme, die nun nicht überhört wird, laut und eindringlich zu erheben. Zumal da der Fürst Fleisch von seinem Fleische ist, zumal da Preussen als eng verbündet mit Russland gilt und dieses als der unmittelbare oder mittelbare Anschürer aller Aufregungen in den Ostländern betrachtet wird. Unsere, der Juden, Aufgabe aber ist es, unablässig für die Glaubensgenossen einzutreten; die Männer der Macht anzugehn, sie an ihre Pflicht zu mahnen. Wir fühlen uns voll als Deutsche, aber unser Herz hört nicht auf für die jüdischen Glaub ensbrüder aller Länder warm zu schlagen. Die sogenannten christlichen Staaten erhalten die Welt in beständiger Unruhe, indem sie die Sache der Christen im fernen Orient wirklich oder angeblich zu der ihrigen machen, und wir sollten uns scheuen, die „Stimme Jakobs" zu erheben, wenn die Grausamkeit mit dem Glücke und dem Frieden unserer Glaubensbrüder ein frevelhaftes Spiel treibt? Es war ein Majestätsbrief Israels zu allen Zeiten, dem Bedrückten ein Mund zu sein; lösen wir dieses Ehrensiegel nicht von unserer Gegenwart! Die Gemeinde Berlin nimmt die schöne Stellung ein, dass ihr die Initiative in dieser Sache der Menschheit gebührt, und eine Eingabe an Se. Maj. den König oder an den Bundeskanzler wird, wenn sie als Circular an sämtliche Gemeinden des Norddeutschen Bundes ergeht, von ihnen allen willig unterzeichnet werden. Fragen wir nicht nach dem Erfolge! Was im Dienste der Gerechtigkeit unternommen wird, ist gebieterische Pflicht ohne Rücksicht auf den Ausgang. Das ernste Zeugnis unserer Gesinnung wird, kann auch nicht erfolglos sein; schon die Ermuthigung, die wir den fernen gepeinigten Glaubensbrüdern darreichen, die Teilnahme, deren Ausdruck sie empfangen, errettet sie aus der Verzweiflung, vom Untergange. Nur dieses Wort der Anregung konnte ich nicht unterdrücken und überlasse ich es vertrauensvoll Ihrer Einsicht u. Ihrer Thatkraft, das Nöthige und Zweckmässige zu veranlassen." Am 19. März antwortet der Vorstand Abraham Geiger unter „lebhaftem Dank für die trefflichen Worte der Anregung" in ähnlicher Weise wie den petitionierenden Gemeindemitgliedern, dass er von einem Vorgehen in dieser schon im Laufe des vergangenen Sommers erwogenen Angelegenheit mit Rücksicht auf die „Intervention europäischer Grossmächte, durch welche gegen die barbarischen Akte im Namen der ganzen zivilisierten Welt ein energischer Protest erhoben worden ist", Abstand nehmen zu müssen geglaubt habe. „In der Tat schien ja damals die Sache auch eine günstigere Gestalt annehmen zu wollen, indem nicht bloss der Minister Bratianu entlassen worden war, sondern auch der Fürst Rumäniens bei verschiedenen Anlässen durch Wort und Tat seinen Willen, den Prinzipien des Rechts und der Sittlichkeit Geltung zu verschaffen, wiederholt kund gegeben hatte". Der Vorstand erklärt sich mit Abraham Geiger darin einverstanden, dass man „im Dienste der Gerechtigkeit nicht nach dem Erfolge zu fragen habe", aber er glaubt doch noch weitere tat-