Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1910-07-01 · Heft 7 (Juli 1910) · p. Seite 411 - 412

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
10 (1910)
Issue
Heft 7 (Juli 1910)
Article
Luisens Ehrenpforte und die Huldigung der Juden
Date
1910-07-01
Page
Seite 411 - 412 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2583875-2583993-2584001-2595042--10530-2595124
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

411 Franz Vallentin: Luisens Ehrenpforte und die Huldigung der Juden. 412 Medaille auf den Einzug der Kronprinzessin. Grossmutter gelebt hatten, aufgeregter Neugier, Erwartung und Freudigkeit tummelte man sich auf den Strassen. Kronprinz Friedrich Wilhelm und sein Bruder, Prinz Ludwig, hatten sich die mecklenburgischen Prinzessinnen Luise und Friederike zu ihren Gemahlinnen erkoren. Am 22. Dezember 1793 nun erwartete man in Berlin die Ankunft der Schwester-Bräute, die bis dahin in Darmstadt bei der Die Sympathie der Berliner Bevölkerung, die sie der künftigen Königin nochg vor ihrer Anwesenheit in der Hauptstadt entgegenbrachte, war keine affektierte, sondern eine wirklich herzliche. Das Volk war voll von den Gerüchten, die die Kronprinzessin-Braut als eine natürliche, holdselige, bezaubernde Persönlichkeit geschildert hatten. So beschäftigte die Bürger in diesen Tagen nur der einzige Gedanke, den ankommenden Prinzessinnen einen ebenso innigen wie festlichen Empfang zu bereiten. Jeder suchte eine Ehre darin, bei den Vorbereitungen zu diesem Fest auf irgendeine Weise mitzuhelfen. Als Ort der eigentlichen Huldigung wählte man den damals freien Platz Unter den Linden, auf dem jetzt das^Denkmal Friedrichs des Grossen steht. An dieser Stelle wurde eine Ehrenpforte errichtet, deren Herstellungskosten tragen zu dürfen die jüdische Gemeinde sich erbeten hatte. Wir geben hier an Hand einer zeitgenössischen Beschreibung und nebenstehender Abbildung eine Schilderung dieser Ehrenpforte, die in ihrer schlichten Anmut und Freudigkeit sinnigerweise ganz dem weiblichen Charakter der Ankömmlinge angepasst, und unter den uns bekannten Festdekorationen der damaligen Zeit eine der gefälligsten und schönsten ist. Sie war 70 Fuss breit und 60 Fuss hoch, hatte ein Haupttor und zwei kleinere Nebentore. Alle drei Tore waren mit vierfachen Blumengehängen verziert, an denen im mittleren Portal ein Myrtenkranz schwebte. Acht gekuppelte, korinthische, freistehende, mit Laub umwundene Säulen, deren Gebälk mit allerlei in der Farbe verschiedenen Blättern, Immergrün, Baumrinde und Blumengirlanden verziert war, trugen ein Frontispiz, in dessen Füllung Genien mit Blumengehängen die Bildsäule Hymens (mit Bezug auf die bevorstehende Doppelhochzeit) umtanzten. Unter diesem Gemälde, im Fries des Hauptgesimses, stand die Inschrift: „Freude des getreuen Volkes". Auf dem Frontispiz ruhten zwei Figuren, die Freundschaft und die Einigkeit. Unter ihnen standen die Worte: „Gleiche Freundschaft, gleicher Liebesbund''. An jedem Ende des Frontispizes stand ein dampfendes Rauchfass. Ueber [den Nebentoren waren mit Blumen bekränzte Medaillen angebracht. In demf zur Linken war Hymen dargestellt, der Gott der*. Ehe, der zwei Myrtenkränze auf den preussischen Altar legt; unter dem Medaillon stand die Inschrift: „Dem Doppelpaare". — In dem Medaillon zur Rechten pflanzte die Schutzgöttin Medaille auf das Jahr 1806. Medaille auf den Tod der] Königin Luise. von Berlin einenWeinstock in den Boden. Die Inschrift darunter lautete: „Künftige Hoffnung". — Der architektonische Entwurf stammte von dem Hofbauinspektor Moser, von dem uns sonst keine bedeutende Tat bekannt ist. Die Ideen zu den Gemälden hatte der für solche Zwecke stets befragte Professor Ramler, jene Kapazität auf dem Gebiete des Stils und der Poetik, gegeben. Die Entwürfe zu den Gemälden hatte der Maler und Radierer (damalige Akademiedirektor) Christian Bernhard Rode geliefert. Ihre Ausführung übernahmen die auch als Radierer und Vedutenmaler bekannteren Rosenberg, Fechhelm und Knorre, deren Schaffen sogar eine Zeitlang ausschliesslich auf die Bühnendekoration gerichtet war. — Rings um die Ehrenpforte stellte man eine Anzahl von exotischen Pflanzen aus den Gewächshäusern auf. Zur gleichen Zeit ebnete man die Strasse „Unter den Linden", die damals der ganzen Länge nach in mehrere Vierecke mit abgrenzenden Querschranken eingeteilt war. Diese Querschranken entfernte man nun, um einen ungehemmten gradlinigen Zugang vom Brandenburger Tor aus bis zur Pforte zu ermöglichen, in deren Nähe man Ballustraden für dieZuschauer errichtete.—Es wird uns berichtet, dass gerade in diesen Tagen sonst der Weihnachtsmarkt in der Breiten Strasse in Alt-Cölln der Rendezvousplatz und die Toilettenpromenade der eleganten Welt war und der ganze Verkehr sich auf diesen Ort konzentrierte. In jenen Tagen aber, an denen man die Ehrenpforte errichtete, war der Weihnachtsmarkt zum erstenmal so gut wie tot. Alles, reich und arm, jung und alt, strömte an die Stätte, wo man diesen Bau mit einer Liebe und Sorgfalt und einer Betriebsamkeit aufführte, bei der man völlig zu vergessen schien, dass es sich um eine für die Dauer eines Mückendaseins bestimmte Festdekoration handelte. Und in der Tat gewinnt man angesichts der uns überlieferten Abbildung von ihr nicht den Eindruck einer nur einem flüchtigen offiziellen Schaugepränge dienenden Augenblicksarbeit, die sich in den ausgetretenen konventionellen ärmlichen Formen bewegte, sondern eines Kunstwerkes, das aus einem tieferen Gefühl geboren wurde. Der zu gleichem Zweck damals errichtete Potsdamer Triumphbogen in seinem durchschnittlichen, plumpen und der tieferen Beziehung zu dem jeweiligen Charakter der Huldigung entbehrenden architektonischen Geschmack verdeutlicht so recht die Vorzüge und den künstlerischen Wert der Berliner Ehrenpforte. Weder einem König, noch irgendeinem Jünglinge oder Manne überhaupt, sei es ein Held des Krieges, der Kunst oder Wissenschaft, noch irgendwelcher heldenhaften Frau konnte diese Huldigung gelten, sondern nur einer Personifikation weiblicher Holdseligkeit. Man denke sich die Inschriften fort, vergegenwärtige sich die Wirkung des Blumenschmuckes, der mit*feinem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.